Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Monsterjagd statt Totengedenken

Pokémon Go Monsterjagd statt Totengedenken

Lustige Pokémon-Jagd an Orten des Gedenkens? Betreiber von ehemaligen NS-Konzentrationslagern haben bereits die Entfernung sogenannter „Poké­stops“ gefordert. Auch in Marburg gibt es solche kritischen Stellen.

Voriger Artikel
Katzenpilz: Behandlung läuft auf Hochtouren
Nächster Artikel
Becker deckte einen großen Diebstahl auf

Die App „Pokémon Go“ ist auf einem Smartphone am ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz im heutigen Polen geöffnet. Ein Screenshot zeigt den „Pokéstop“ am Stolperstein für die ermordeten Marburger Juden Ludwig und Irma Beck in der Weidenhäuser Straße.

Quelle: Stanislaw Rozpedik / Stefan Heuser

Marburg. Fast überall kann man sie derzeit beobachten: Vorwiegend junge Menschen, die mit ihrem Smartphone auf Pokémonjagd gehen. Die App „Pokémon Go“ treibt auch in Marburg Hunderte Spieler auf die Straßen. Sie sammeln sich dabei um Stellen, - meist Sehenswürdigkeiten oder besonders markante Orte - die als „Pokéstops“ markiert sind. Dort erscheinen die bunten Comic-Monster, die die Spieler dann zu fangen versuchen. Positiv gesehen hat das Spiel damit in den vergangenen Wochen auch viele Menschen zur Bewegung gebracht, die sonst kaum vor die Tür kommen.

Kritisch wird es allerdings, wenn die „Pokémons“ an unpassenden Orten erscheinen oder die Massenversammlungen von Spieler zur Last für andere werden. Beschwerden in dieser Hinsicht gab es bereits viele. Die hessische Stadt Steinau an der Straße droht Spielern inzwischen mit Platzverweisen und sogar Bußgeldern wegen nächtlicher Ruhestörungen. In Düsseldorf wurde eine Brücke an der beliebten Einkaufsstraße „Kö“ wegen riesiger Ansammlungen von Pokémon-Spielern gesperrt. Besonders geschmacklos aber erscheinen Pokéstops in ehemaligen Nazi-Konzentrationslagern. Ein Gamer postete im Internet sogar ein Bild davon, wie er das Giftgas-Monster „Smogon“ in Auschwitz gefangen hat. Doch selbst wenn dieses Bild nicht echt ist, wie von vielen gemutmaßt wird - Pokémons fangen in einer KZ-Gedenkstätte ist für viele ein „No-Go“. Sowohl die Betreiber von Auschwitz, als auch von den bayrischen Lagern Dachau und Flössenburg haben den Hersteller der Handy-App inzwischen dazu aufgefordert, die ehemaligen Konzentrationslager als Orte für die Monsterjagd zu löschen.

Spies: „Prüfen, in dieser Sache aktiv zu werden“

Doch auch in Marburg gibt es Orte, an denen die Pokémon-Jagd manchem als pietätlos erscheint. So zum Beispiel an einem „Stolperstein“ in der Weidenhäuser Straße. Der in das Kopfsteinpflaster eingelassene goldene Gedenkstein für die von den Nationalsozialisten ermordeten Marburger Juden Ludwig und Irma Beck ist in der App als Pokéstop vermerkt. „Grenzwertig“, findet die stellvertretende Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Monika Bunk. „Es gibt einfach Orte, wo ich so etwas schwierig finde“, sagt sie. Die Stolpersteine zählten dazu, schließlich erinnerten sie an die Ermordung von Menschen. Pokémon-Spieler weisen zwar gerne darauf hin, dass es zu den Pokéstops auch Infotexte gibt, die etwas über den Ort verraten. Doch Bunk glaubt, dass „nach allem was ich so mitkriege, die Spieler sich nicht großartig mit den Orten beschäftigen. Die wollen nur Pokémons sammeln und gehen dann weiter“, sagt sie. Sich aktiv um eine Abschaffung des Punktes bemühen, möchte sie aber wahrscheinlich nicht. „Im Vergleich zu Auschwitz sehe ich da schon einen qualitativen Unterschied“.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) ist sich ob der Handhabe der Stadt nicht sicher. „Es handelt sich ja um etwas, das nicht wirklich, sondern nur virtuell da ist“, sagt Spies. Daher müsse man sich im Zweifelsfall an die Betreiberfirma wenden, die aber nicht in Deutschland sitze (Pokémon Go wurde von der US-Softwarefirma Niantic Labs entwickelt).

„Für mich ist es eigentlich selbstverständlich, dass das weder dort noch auf Friedhöfen möglich ist“, so Spies. Mehrere Leute seien bereits auf ihn zugekommen, um sich über Pokémon-Jäger an den Grabstätten zu beschweren. Er habe bereits innerhalb der Stadtverwaltung angeregt, „zu prüfen, ob es Möglichkeiten gibt, in dieser Sache aktiv zu werden“. Es fehle dafür aber offenbar an einem Ansprechpartner seitens der Firma. Auch ob es rechtliche Optionen gebe, sei fraglich. Auf der Homepage der Firma Niantic können Spieler Anträge für zusätzliche Pokéstops oder die Entfernung bereits bestehender Punkte stellen. Ob und wie schnell diese umgesetzt werden, ist jedoch unklar.

Mit einem anderen Gedenkort in Marburg hat zumindest Bunk keine Probleme. „Beim Garten des Gedenkens würde ich die Sache ein bisschen anders sehen“, sagt sie. Laut einer in der Facebook-Gruppe „Pokémon Go Marburg“ geteilten Übersichtskarte ist auch dort ein Pokéstop. „Dort steht ein anderes Konzept dahinter“, so Bunk. Schließlich sei es keine Stelle, an dem Menschen umgebracht wurden, sondern „ein Ort des Lebens“.

von Peter Gassner

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr