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Monatelang in Etappen unterwegs

Flüchtlinge Monatelang in Etappen unterwegs

Die Unterbringung von Flüchtlingen in Zelten, so sagt Christian Hendrichs vom Hessischen Flüchtlingsrat, ist eine „Katas-trophe“. Ob es zum Winter hin besser wird, ist für ihn noch nicht ausgemacht.

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Christian Hendrichs ist Mitglied des Hessischen Flüchtlingsrats und unterrichtet Flüchtlinge in der Anlaufstelle in Cappel.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Keine Trennung nach Geschlechtern, keine Privatsphäre, noch nicht einmal Spinde für die persönlichen Sachen – die Außenstellen der Hessischen  Erstaufnahmeeinrichtung wie in Cappel sind für Christian Hendrichs eine absolute Notlösung.

Hendrichs ist seit vielen Jahren ehrenamtlich Vorstandsmitglied im Hessischen Flüchtlingsrat, einem Bündnis von Einzelpersonen und Organisationen, die in der Flüchtlingsarbeit engagiert sind.

Zelte von der Größe wie in Cappel – dort schlafen bis zu 100 Menschen in einem Zelt – bergen darüber hinaus noch eine andere Gefahr: Es ist nicht auszuschließen, dass Flüchtlinge aus einem gemeinsamen Herkunftsland Bett an Bett schlafen, obwohl sie in ihrer Heimat  – etwa in Syrien – gegeneinander kämpfen mussten.

Hendrichs ist im OP-Gespräch deshalb froh, dass der überwiegende Teil der Flüchtlinge Cappel nach wenigen Tagen wieder verlässt, um in einer weniger provisorischen Unterkunft untergebracht zu werden.

Aber was passiert im Herbst? Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) hat versprochen, dass in Marburg mit Beginn der kalten Jahreszeit keine Flüchtlinge in Zelten untergebracht sein werden.

„Aber die hessische Landesregierung hinkt mit der Schaffung von  Außenstellen für die Erstaufnahmeeinrichtung hinterher“, sagt Hendrichs, der zudem auf ein anderes Problem verweist:  Fast eine Viertelmillion, genauer 243 000 Asylverfahren sind noch gar nicht eröffnet worden – „ein Jahresumsatz“.  

Solange dies nicht abgebaut werden kann, gibt es keine Entlastung bei der Unterbringung in den Kommunen – und damit Probleme bei der Verteilung neu angekommener Flüchtlinge auf die Kommunen. „Die Städte und Gemeinden kommen an ihre Kapazitätsgrenze“, sagt Hendrichs.

Dauer der Flucht? Bis zu zwei Jahre

Schon wird, weiß Hendrichs.  darüber nachgedacht, bestehende Zeltcamps für den Winter zu ertüchtigen: Möglicherweise sollen an dem ein oder anderen Stadtort Zelte durch Holzhütten ersetzt werden. „Aber auch das bleibt eine Notlösung.“ Eineinhalb bis zweieinhalb Jahre sind viele der   Menschen, die in der Erstaufnahmeeinrichtung ankommen, nach Einschätzung des Hessischen Flüchtlingsrats durchschnittlich auf der Flucht.  Vielfach fliehen sie in Etappen.

Hendrichs zeichnet den idealtypischen Weg in etwa so nach:   Erst fliehen die Menschen in eine andere, scheinbar sicherere Region in ihrem Heimatland, von dort aus ins Nachbarland, dann ist das Geld aufgebraucht oder der Flüchtling wurde beraubt, irgendwann geht es dann weiter Richtung Europa, viele haben sich bei Fluchthelfern verschuldet. Schließlich landen die Flüchtlinge in Deutschland und in der Erstaufnahmeeinrichtung, wo  sie sich einem Gesundheitscheck unterziehen, ein Erstaufnahmegespräch durchlaufen, einen Antrag auf Asyl oder Duldung stellen oder ihre besondere Schutzbedürftigkeit feststellen lassen können.

Erst danach folgt die Verteilung auf eine Stadt oder Gemeinde. Durchschnittlich vergeht fast ein Vierteljahr, das Flüchtlinge in der Erstaufnahmeeinrichtung verbringen – „viel zu lange“, findet Henrichs. Bei aller Kritik an der Art der Unterbringung findet Hendrichs aber auch, dass es „gut ist, wenn die Menschen hier in Marburg erst einmal zur Ruhe kommen können, und dass sie hier erleben, dass sie hier erwünscht und willkommen sind“.

Dieses Gefühl hätten viele jahrelang während der Flucht nicht gehabt, und  deswegen sei es auch „besonders wichtig, dass wir hier in Marburg das Gefühl von Angst ein Stück weit aufheben können“, betont Christian Hendrichs.

von Till Conrad

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