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Mogelpackung Inklusion

Analyse Mogelpackung Inklusion

Lernbehinderte Kinder oder lernbehinderte Schulen? Unter dieser Fragestellung analysiert Pädagogik-Professor Eckhard Rohrmann das Thema „Inklusion“.

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Ein Wald-Projekt der Grundschule Wohra: Pädagagik-Professor Eckhard Rohrmann fordert eine Ausweitung des projektorientierten Schulunterrichts und eine grundsätzliche Umorientierung des Schulsystems, damit Inklusion besser funktioniert.Archivfoto

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Für Professor Eckhard Rohrmann, den Experten für Behindertenpägogik am Marburger Uni-Institut für Erziehungswissenschaften, ist der Begriff „Inklusion“ ein Modebegriff. Dieser bezeichne dasselbe, was von seiten der Behindertenbewegung und von Teilen der Behindertenpädagogik bereits vor rund 30 Jahren mit dem Schlagwort „Integration“ umschrieben worden sei.

Zudem stehe der Begriff „Inklusion“ für eine Mogelpackung. Die Verfechter der Inklusion hätten sich zwar auf die Fahnen geschrieben, dass kein behinderter Schüler mehr aus dem Regelschulsystem ausgegrenzt werden solle. Dieses sei aber auch unter dem Vorzeichen des Begriffs „Inklusion“ heutzutage nicht der Fall, sagte Rohrmann im Gespräch mit der OP.

"Gymnasien und Realschulen sind inklusionsresistent"

Bundesweit liegt die Quote von „Schülern mit Förderbedarf“ in Gymnasien bei 0,1 Prozent und in Realschulen bei 0,2 Prozent. In Gesamtschulen betrage die Zahl der „Schüler mit Förderbedarf“ rund 2 Prozent. Angesichts dieser sehr geringen Quoten von Schülern mit Behinderung, die in Gymnasial- oder Realschulklassen beschult werden, spricht Rohrmann eher von einem Trend zur Exklusion, also einer „Ausgrenzung“ dieser Schüler. „Wenn die Inklusion wirklich erfolgreich umgesetzt würde, dann gäbe es an allen Schulen jeweils sechs Prozent Kinder mit Förderbedarf“, rechnet Rohrmann vor.

„Gymnasien und Realschulen sind inklusionsresistent“, meint der Marburger Erziehungswissenschaftler. Als einen Hauptgrund dafür nennt Rohrmann das Schulsystem, das sich aus seiner Sicht in eine falsche Richtung bewegt, weil es sich nur an Leistung und Noten orientiere.

Rohrmann spricht in diesem Zusammenhang von einer „Lehrbehinderung“ des Schulsystems, das den Schülern mit Förderbedarf kaum eine Chance biete, mitzukommen.

Individuelle Förderung der Schüler

Die Unterrichtsgestaltung und Schulorganisation müsste sich aber nach Darstellung des Marburger Experten grundlegend ändern. Immer noch gehe es heutzutage im Schulunterricht an den allgemeinbildenden Schulen vor allem darum, die Wirklichkeit willkürlich in einzelne Unterrichtsfächer zu zerlegen. Anstelle von Erkenntnisgewinn ziele das Schulsystem vorwiegend auf die Anhäufung von Wissen.

Die gemeinsame Beschulung von behinderten und nicht-behinderten Kindern könne nur dann erfolgreich gelingen, wenn alle Kinder möglichst individuell gefördert würden, meint Rohrmann. Dazu würden aber kleinere Klassen, mehr jahrgangsübergreifender Unterricht eine stärkere Orientierung an projektorientiertem Unterricht und grundsätzlich Schulen benötigt, in denen es Spaß mache, zu lernen. Rohrmann hat noch ein weiteres Hindernis auf dem Weg zu einer erfolgreichen gemeinsamen Beschulung ausgemacht. „Von vielen Eltern an Gymnasien oder Realschulen wird Exklusivität gewünscht. Die wollen nicht, dass ihre Kinder mit ‚anderen‘ zur Schule gehen“, meint der Marburger Professor. Die Eltern von behinderten Kindern, die dennoch dafür kämpften, dass ihre Kinder gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention nicht vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen würden, kämpfen nach Meinung von Rohrmann häufig einen vergeblichen Kampf. Aufgrund der Schwierigkeiten des Systems sei das Scheitern vieler dieser Kinder programmiert. Dennoch seien die Anstrengungen notwendig, um überkommene Strukturen zu überwinden. Im vergangenen Schuljahr ergab sich in Marburg nach 69 Verfahren zur Überprüfung auf Anspruch sonderpädagogischer Förderung eine inklusive Beschulung für 55 Schüler, teilte das hessische Kultusministerium auf OP-Anfrage mit. Bei aller Kritik an der mangelhaften Umsetzung gesteht auch Rohrmann zu, dass die unter anderem von der Behindertenbewegung initiierte Integrations-Debatte etwas angestoßen habe und mit dazu beitrage, der „Aussonderung“ von Behinderten aus der Gesellschaft entgegenzuwirken.

  • Am Freitag, 13. September, ab 18.30 Uhr hält Professor Eckhard Rohrmann seinen Vortrag zum Thema „Exklusion und Inklusion in Schule und Gesellschaft“ im „Politischen Salon“ im Atelier der Volkshochschule, Deutschhausstraße.

von Manfred Hitzeroth

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