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Mit zwölf Jahren die OP ausgetragen

Das wäre mal einer Mit zwölf Jahren die OP ausgetragen

Durch die Oberhessische Presse - und seine Omas - konnte Georg Hormel sich im Jahr 1952 sein erstes Fahrrad kaufen. Das begleitete ihn viele Jahre und brachte ihn durch das ganze Marburger Land.

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Georg Hormel greift immer zuerst zum Sportteil. Seine Frau Else Hormel macht am Morgen direkt das Kreuzworträtsel und liest später den Lokalteil.

Quelle: Patricia Grähling

Gisselberg. Als kleiner Junge hat Georg Hormel schon die Oberhessische Presse ausgetragen. Damals hieß sie noch einige Monate lang Oberhessische Zeitung, bevor sie zum 1. Juni 1951 umbenannt wurde. Hormel war gerade zwölf Jahre alt. „Heute ginge das gar nicht mehr in dem Alter“, sagt er mit einem Lachen. „Damals war das alles noch anders.“

Hormel hatte einen großen Wunsch, der ihn dazu brachte, jeden Tag die Zeitung in seinem damaligen Heimatort Argenstein auszutragen: Er wollte sich ein Fahrrad kaufen, seine Eltern konnten es aber nicht bezahlen. „Wenn ich aus der Schule kam, habe ich schnell die OP ausgetragen“, erinnert der heute 77-Jährige sich zurück, während er auf seiner Terrasse in Gisselberg sitzt und die Sonne genießt. „Damals war jeder damit zufrieden, die Zeitung am Nachmittag zu bekommen.“ Heute lege er selbst Wert darauf, schon beim Frühstück in der Tageszeitung blättern zu können.

Zwei Jahre lang trug Hormel die OP aus - auch die beiden Omas und die Uroma steckten ihm ein bisschen Geld zu. So konnte er sich schließlich sein Fahrrad leisten, mit dem er dann zum Konfirmandenunterricht nach Fronhausen fuhr. „Das Fahrrad kaufte ich bei der damaligen Tankstelle in Argenstein“, erinnert er sich heute zurück.

Auch nach der Schulzeit begleitete sein OP-Fahrrad den damals jugendlichen Mann fast täglich: „Ich bin drei Jahre lang jeden Tag mit dem Fahrrad nach Leidenhofen zur Ausbildung gefahren“, erzählt er. Dort lernte er in der Schlosserei Mank den Beruf des Schlossers und Installateur. „Wenn unterwegs ein Wildschwein vor das Fahrrad lief, war ich ganz klein mit Hut vor Angst“, erinnert er sich. Da sei er schon froh gewesen, dass sein Vater ihn oftmals bis zum Bortshäuser Wald begleitet habe. Gefahren ist Hormel immer - auch bei Schnee und Regen. „Wenn das Wetter zu schlecht war, habe ich auch mal bei Verwandten in Leidenhofen geschlafen - oder wenn ein Fest war.“

Froh, überhaupt eine Lehrstelle zu haben

Verköstigt wurde er damals in der Schlosserei. Er lächelt, wenn er an die Zeit zurückdenkt; erinnert sich an die netten Leute. „Wir besuchen die Familie heute noch oft“, sagt Else Hormel. Und auch wenn ihr Mann eine Stunde mit dem Drahtesel nach Leidenhofen radelte und auch eine Stunde zurück, habe er es gerne getan. „Damals gab es ja auch nicht viele Lehrstellen.“ Da sei er froh gewesen, überhaupt eine so gute gefunden zu haben.

Nach der Ausbildung war Hormel weiter auf sein Rad angewiesen. „Ich hatte eine Stelle in Lohra“, erzählt er. Doch mit dem Rad musste er nur noch bis Niederwalgern, konnte von dort aus dann mit dem Zug weiterfahren.

„Das Rad war mein Mittelpunkt“, sagt er rückblickend über den Drahtesel, der ihn fast zehn Jahre begleitet hatte. Er habe es selbst immer wieder repariert, den Schlauch geflickt, wenn ein Loch darin war, das Gefährt gehegt und gepflegt. „Wir hatten ja keine anderen Fortbewegungsmittel und ein eigenes Fahrrad war da schon was Großes.“ So radelte er dann auch regelmäßig nach Gisselberg zu seiner Else, spazierte mit ihr zum Waldschlösschen und fuhr nach dem Treffen wieder nach Argenstein. Heute sind die beiden schon seit 59 Jahren verheiratet - und fahren gemeinsam mit zwei Rädern durch das Marburger Land. „Und mein Enkel schaut heute ungläubig, wenn ich ihm sage, er solle mit dem Fahrrad nach Marburg fahren“, sagt Georg Hormel lachend. Aber er selbst fahre mittlerweile auch öfter mal Auto.

In den Urlaub nimmt das Ehepaar zwar kein Fahrrad mit, dafür aber die heimische Tageszeitung. Denn die begleitet beide schon seit ihrer Kindheit. „Wir haben schon alle Länder am Mittelmeer abgegrast - und die OP war immer dabei“, sagt Hormel. Meist komme die Zeitung mit nur einem Tag Verspätung. Allerdings sei die Post nicht in allen Ländern so zuverlässig: „Manchmal kommt die Zeitung auch erst drei oder vier ­Tage später“.

Im Urlaub mit der OP Menschen kennengelernt

Georg Hormel liest dann immer zuerst den Sportteil. „Mein Leben war der Sport“, sagt er. Fußball habe er gespielt und Tennis, sich aber auch am Segelfliegen versucht. Seine Frau Else Hormel interessiert sich mehr für das Kreuzworträtsel und die Todesanzeigen. Erst danach geht es an den Lokalteil. „Manchmal haben wir kleine Machtkämpfe am Morgen“, scherzt Else Hormel. Nämlich immer wenn das Kreuzworträtsel im Sportteil abgedruckt ist.

„Wir haben uns dann immer mit der Zeitung so vor das Hotel oder an den Strand gesetzt, dass man den Titel ,Oberhessische Presse‘ gut lesen kann“, erzählt die 81-Jährige. Sehr oft hätten sie so Urlauber aus der Heimat in der Ferne kennengelernt. Im August 2003 seien sie auf Teneriffa von Unbekannten fotografiert worden. „Zwei Wochen später haben wir das Foto dann in der Zeitung entdeckt.“

von Patricia Grähling

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