Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
Mit kleinen Aussetzern fing alles an

Tumorerkrankung Mit kleinen Aussetzern fing alles an

Die Herausforderung für Neurochirurgen: Den Hirntumor aus dem sensiblen Organ entfernen, ohne dabei andere Bereiche wie das Sprach- oder Bewegungszentrum zu beschädigen.

Voriger Artikel
Neubau dockt an Magazingebäude an
Nächster Artikel
Zehn Meter hohe Bäume brennen

Der grüne Ball auf der Grafik der Neurochirurgen ist der Tumor. Er wurde dem 56-jährigen Ingenieur im Marburger Uniklinikum aus dem Kopf heraus operiert.Grafik: UKGM, Foto: Thomas Strothjohann

Marburg. Seine Haare sind teils sonnenblond, teils grau und auch nach Wochen in der Klinik ist seine Haut noch braun gebrannt. Der Mann der hier im Rollstuhl sitzt und mit den Fingern zeigt, wie alt er ist, hat vor fünf Wochen noch als Ingenieur gearbeitet.

„Fünf“, sagt er und sucht - „...sechs.“ Die Zahl „56“ will ihm nicht über die Lippen. Wenige Minuten vorher hat er noch erzählt, dass er seit elf Jahren in Ägypten lebt und dort unter anderem Krankenhäuser mit Sauerstoffanlagen ausstattet.

Das Problem mit den Zahlen hat einen Namen: „Gerstmann Syndrom“, sagt Professor Dr. Nimsky, der Direktor der Neurochirurgischen Klinik in Marburg. Der Tumor, den seine Kollegen vor wenigen Tagen aus dem Kopf des Ingenieurs geholt haben, war so groß wie ein Tischtennisball.

Und er saß direkt an dem Teil des Gehirns, in dem gerechnet wird. „Patienten mit Gerstmann Syndrom können nicht mehr 100 minus 10 rechnen“, sagt Nimsky. Er hofft allerdings, dass sich das Rechenzentrum des Patienten erholt.

Bei Operationen am Gehirn haben die Chirurgen zwei Ziele, erklärt Oberarzt Dr. Rainer Ritz: Einerseits wollen sie den Tumor möglichst komplett herausoperieren und andererseits ist die Operation nur erfolgreich, wenn das Gehirn des Patienten dabei nicht beschädigt wird.

Wenn sie nur ein kleines Stück zu viel wegnehmen, kann der Patient deswegen womöglich nie wieder sprechen, oder laufen. Dabei lässt sich kaum erkennen, was Gehirn und was Tumor ist: „Stellen Sie sich vor, Sie müssten einen Klecks Joghurt aus einer Schüssel Quark heraus trennen“, veranschaulicht Nimsky das Problem.

Keine Wahl trotz Risiken

Das geht nur mit moderner Technik. „Neuronavigation“ nennen die Chirurgen ein System, das ihnen während der Operation ins Sichtfeld des Mikroskops einblendet, was sie vor sich haben. Das ist wichtig, weil die Tumore Hirnareale verschieben und dem Chirurgen die Orientierung erschweren.

Trotz aller Gefahr, die eine Operation am Gehirn birgt: Es gibt keine Option. Wenn der Tumor im Kopf wächst, drückt er auf das Gehirn. Das verursacht Schmerzen, stört die naheliegenden Gehirnareale und kann tödlich sein. Auch wenn der Tumor zum Beispiel im zukünftigen Partikeltherapiezentrum durch Strahlentherapie zerstört wird, müssen die Neurochirurgen operieren.

Anders als in anderen Teilen des Körpers ist im Kopf nämlich auch für die unschädlich gemachten Tumorreste kein Platz - durch die Bestrahlung schwillt das umliegende Gewebe sogar noch an und erhöht den Druck.

Die Strahlen- und Chemotherapie setzt deshalb erst nach der Operation an. Sie soll verhindern, dass der Tumor wieder wächst. Gutartige Tumore lassen sich so in der Regel dauerhaft entfernen. Bei bösartigen geht es trotz aller Technik bis heute nur um Zeit. Nicht genug für große Pläne.

Aber sie reicht, um Herzensangelegenheiten zu erledigen. Nimsky erzählt von einem Professor, der diese, vielleicht wertvollste Zeit seines Lebens dafür einsetzte, die Doktorarbeiten seiner Doktoranden zu bewerten und abzuschließen.

„Habe viel Schönes erlebt“

Bei dem Ingenieur ging es erst vor zweieinhalb Monaten los. Neben den Schwierigkeiten beim Rechnen erzählt er von „Aussetzern“. Das können zum Beispiel Lähmungserscheinungen sein, aber auch Blackouts, Angstzustände und Sprachstörungen. Er merkte, dass etwas mit ihm nicht stimmte und flog nach Deutschland.

Gleich nach der Ankunft brachte ihn seine Lebensgefährtin ins Marburger Uniklinikum, das der gebürtige Siegerländer seit dem nicht mehr verlassen hat. Sein Zustand verschlechterte sich. Vor der Operation konnte er nicht mehr sprechen, sich kaum noch bewegen.

Wer das hört, versteht besser, warum der Mann so eine Zuversicht ausstrahlt. Dass er nicht verzweifelt, als er sein eigenes Alter nicht sagen kann, dass er nur noch mit der Linken gestikulieren kann. Dass er noch Humor hat. „Ich habe meinen Smoking in Ägypten gelassen“, entschuldigt er sich vor dem Foto.

„Ich habe in meinem Leben so viel Schönes erlebt. Und ich habe gelernt...“ - dann fehlen ihm wieder die Worte. Er lacht und erklärt es mit seiner beweglichen Rechten: es geht immer hoch und runter. Runter und hoch. „Das fühlt sich scheiße an. Aber ich muss das jetzt abarbeiten.“

von Thomas Strothjohann

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr