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Mit dem Lineal und klaren Worten

Verabschiedung Gerhard Müller Mit dem Lineal und klaren Worten

Nach knapp 40 Jahren im Schuldienst und einer nicht alltäglichen Laufbahn wird Gerhard Müller heute als Leiter des Staatlichen Schulamts in Marburg verabschiedet.

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Gerhard Müller freut sich auf seinen Ruhestand. Der Leiter des Staatlichen Schulamts wird heute in Marburg verabschiedet.Foto: Michael Agricola

Marburg. Als der junge Lehramtsstudent Gerhard Müller 1968 aus dem beschaulichen Wittgensteiner Land an die Marburger Universität wechselte, um Gymnasiallehrer für die Fächerkombination Mathematik und Physik zu werden, hätte er sich nicht träumen lassen, dass seine Berufslaufbahn mit einer Verabschiedung in großem festlichen Rahmen und einer Rede eines Staatssekretärs aus dem Kultusministerium begangen wird.

„Es stand für mich schon in der Schulzeit fest, dass ich Lehrer werden wollte“, erinnert sich der gebürtige Bad Berleburger. Und das war er: 13 Jahre mit voller Stundenzahl an der Martin-Luther-Schule (MLS) und weitere 13 Jahre neben den Verwaltungsaufgaben, die man als Schulleiter oder dessen Vertreter zu schultern hat, an der MLS und dem Landschulheim Steinmühle.

"So etwas kann man nicht planen"

Dass er letztlich bis zum Chef des Staatlichen Schulamts aufgestiegen sei, sagt der 65-Jährige, „so etwas kann man nicht planen“. Neben Eigeninitiative und dem Willen, sich weiterzubilden, gehörten dazu auch „viele Glücksmomente und Zufälle“, ebenso die Unterstützung und Förderung durch Vorgesetzte. So legte man ihm zum Beispiel an der MLS keine Steine in den Weg, als Müller die Chance bekam, an der Steinmühle Stellvertreter des Schulleiters zu werden.

Dass sein Abschied heute im Landschulheim in Cappel gefeiert wird, war Müllers Wunsch. Auch weil er sagt: „In meiner Zeit an der Steinmühle habe ich wohl am meisten gelernt und kennengelernt.“ Die Zusammenarbeit mit dem privaten Trägerverein habe ihm, der aus der staatlichen Schule kam, „zu einem sehr frühen Zeitpunkt“ bewusst gemacht, dass Schule nicht kostenlos ist und die Leitung einer Schule auch „im Zusammenhang mit finanziellem Management“ stehen kann - heute für jeden Schulleiter ein Muss.

Drei Blickwinkel auf Schule

Bei den Schülern galt der Oberstudienrat Gerhard Müller als anspruchsvoll, streng, aber auch gerecht. „Ich habe auch viele schlechte Noten gegeben, aber mir war immer wichtig, dass damit nicht der Mensch bewertet wird.“ Für Schüler - und auch Eltern - sei wichtig, dass man sie als Lehrer nicht allein lässt und immer noch eine Alternative aufzeige.

Anekdoten kann wohl jeder seiner Schüler erzählen: Von den Reisen mit dem „begeisterten Klassenfahrtmenschen“ (Müller über Müller), von Tipps auf Fußballergebnisse mit Cola als Einsatz oder über die Art, wie er die abschweifende Aufmerksamkeit von Schülern im Unterricht im wahrsten Sinne des Wortes schlagartig auf sich zu lenken verstand: Wenn sein Lineal mit hartem Klang auf den Lehrertisch knallte, waren alle wieder wach, die Augen blitzschnell zum Lehrer gerichtet.

Auf solcherlei Knalleffekte verzichtete er dann im Unterricht irgendwann - „man lernt ja auch dazu“, lacht Müller. Spätestens als Schulleiter und mehr noch als ausführendes Organ des Kultusministeriums im Schulamt waren ohnehin andere Argumente gefragt, wenngleich auch die nicht immer so gehört wurden, wie er sich das als Schul-Praktiker gewünscht hätte.

Man müsse der Politik zugestehen, dass sie auch etwas wieder zurückdreht, wenn es nicht so funktioniert. Für die Zukunft würde er sich von der Politik gleichwohl einen größeren „Bildungskonsens“ wünschen, der die Schnittmengen festschreibt, auf die sich Schulen und Schüler dann auch verlassen könnten.

Drei Schul-„Karrieren“, drei verschiedene Blickwinkel auf den Kosmos Schule hat Müller in den vergangenen 40 Jahren kennengelernt. Keinen möchte er missen: „Jeder Wechsel war für mich richtig.“

Anfangs in der Martin-Luther-Schule habe er als einer der „besten Zulieferer“ für die Steinmühle gegolten, als die noch als Ausweg für diejenigen galt, die es auf den anderen Marburger Gymnasien nicht schafften. Dann wurde er dort selbst zu einem „Lernenden“, auch im Umgang mit den Internatsschülern, auf die er dort traf.

Heute ist der Ruf der Steinmühle ein grundlegend anderer. Und auch Müllers Weg nahm einen anderen Verlauf, als es sich der Abiturient damals vorgestellt hatte. Würde er heute nochmal vor der Wahl stehen, er würde es wohl genauso machen. „Der Lehrerberuf bietet so viele Möglichkeiten, für einen selbst Zufriedenheit zu finden.“ Und natürlich den Kontakt zu Menschen, ohne den er sich ein Arbeitsleben nicht hätte vorstellen können.

Gesangsverein hat ein aktives Mitglied mehr

Für den Ruhestand, der eigentlich bereits am 18. Dezember begonnen hat, hat Müller keine „Checkliste“, aber klare Vorstellungen. Es soll auf keinen Fall mehr Terminstress geben als im Berufsleben. Der Gesangverein, für den er früher zu wenig Zeit hatte, könne durchaus wieder mal mit ihm rechnen. „Mehr Lesen und häufiger reisen“, die Standardwünsche von Ruheständlern - auch das, ja. Sportlich fit bleiben auch.

Aber ausschließlich auf das eigene Leben fixieren will er sich nicht. Nur Briefmarken sammeln oder Rasenmähen, „das würde mir nicht reichen“, sagt Müller. Er will nun im Ehrenamt Menschen zur Seite, aber nicht im Vordergrund stehen. Und zwar bei der Telefonseelsorge. Dafür will er sich demnächst ausbilden lassen. Respekt hat er vor der anspruchsvollen Aufgabe: „Ich hoffe, dass ich das schaffe.“

von Michael Agricola

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