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Mit dem Fahrrad durch Südamerika

Marburger unterwegs Mit dem Fahrrad durch Südamerika

Wenn sie mit konzentriertem Blick den Berg hinab rollen, der Fahrtwind ihnen die Tränen in die Augen treibt, dann wissen sie: das ist ihre persönliche Freiheit. Gesucht und gefunden bei einer Radreise durch Südamerika.

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Alles, was sie zum Leben brauchen, haben sie auf dem Fahrrad dabei. Die Marburger Matthias Siemon und Andrea Bailer reisen mit ihren Fahrrädern durch Südamerika.

Quelle: Privatfotos

Marburg. Das Erste, was Matthias Siemon nach Hause schickte, war weder eine Postkarte noch ein Reisesouvenir. Stattdessen 25 Kilogramm überflüssiges Gepäck. Überbleibsel aus einem Leben, in dem er und seine Freundin Andrea Bailer einen festen Tagesablauf, ein festes Dach über dem Kopf, ein festes Einkommen hatten. Das war vor zehn Monaten. Sie haben ihr bürgerliches Leben gegen Abenteuer - die Routine gegen Unvorhersehbarkeit, Deutschland gegen Südamerika getauscht. Das Paar ist mit dem Rad unterwegs. Gestartet in Buenos Aires. Das Ziel? Noch ungewiss. Sie strampeln, wohin die Reifen sie tragen. Weiter, weiter, immer weiter über einen Kontinent, von dessen Kultur sie fasziniert, von dessen Landschaften sie verzaubert sind.

Argentinien, Uruguay, Brasilien, Chile

Mehr als 8000 Kilometer haben sie bisher zurückgelegt - per Fahrrad, Schiff, Auto und Bus. Zehn Radreifen haben sie bisher zerschlissen. Argentinien, Uruguay, Brasilien und Chile durchradelt. Sie strampeln bei monsunartigem Regen und brüllender Hitze. Überwältigt von den Bildern und Begegnungen, die ihre Reise prägen. „Wir haben viele Radfahrer getroffen. Anfangs waren wir die mit dem meisten Gepäck. Man könnte auch sagen, wir waren die größten Idioten. Denn auf den bergigen Straßen leidet man mit jedem überflüssigen Kilo“, erinnert sich Matthias Siemon. Also wurde aussortiert: Gitarre? Überflüssig. Spanische Lehrbücher? Kompletter Unsinn. Wenn es um die Verständigung geht, haben Hände und Füße schon immer mehr gebracht, als das hektische Blättern in abgegriffenen Büchern. „Den einzigen Luxus, den wir noch mitschleppen ist mein E-Book-Reader. Andrea hat sich in Nordargentinien einen Alpaka-Pullover und ein Gaucho-Messer zugelegt, die beiden Sachen dürfen auch noch mitfahren“ erklärt Siemon.

„Kann ich Sie mitnehmen?“ - große Hilfsbereitschaft überrascht

Die Reise hat ihn verändert, ihm ein neues Menschenbild vermittelt. „Wenn mich in Marburg jemand nach dem Weg fragt dann gebe ich Auskunft. Das war es dann aber auch. Hier ist das anders. Wir hatten uns in Concepción, einer mittelgroßen Stadt völlig verfahren. Andrea fragte einen Autofahrer nach dem Weg. Als Antwort stieg dieser in sein Auto und fuhr 20 Minuten im gemäßigten Fahrradtempo vor uns her. Das Gehupe der anderen Autofahrer kümmerte ihn wenig“: Es sind Begegnungen wie diese, die ihn immer wieder faszinieren.

Begegnungen wie die mit dem alten Mann, der nachts an die Tür der Schutzhütte klopfte, in der die beiden Deutschen ihr Lager aufgeschlagen hatten. Ihnen ein sauberes Bett, Essen und Trinken anbot. Es war übrigens Weihnachten. Da waren die vier Freunde, die die beiden hungrigen Reisenden einluden, sich an dem Grillfleisch zu bedienen, dass sie gerade erst aufgelegt hatten. Da waren die unzähligen Autofahrer, die immer wieder anhielten und fragten, ob sie die beiden Radler ein Stück mitnehmen sollen. Gastfreundschaft und Hilfe als Regel - nicht als Ausnahme.

Essen, Wein, Schlafen - Dann ist fast alles wieder gut

Und trotzdem gab es sie, diese schweren Momente, in denen Matthias Siemon und seine Freundin Andrea Bailer die Reise am liebsten abgebrochen hätten: „Zur physischen Erschöpfung kommt beim Radfahren auch noch die psychische dazu. Auf der Carretera Austral mussten wir einen kleinen Pass überqueren, etwa 600 Höhenmeter. Bei der Anfahrt fing es an zu regnen. Auf der Abfahrt wurde es dann so kalt, dass ich meine Hände und Füße nicht mehr spürte. Andrea zitterte am ganzen Körper. Über zwei Stunden haben wir bis in die nächste Stadt gebraucht. Aber wir fanden eine schöne, saubere und warme Unterkunft und nach einer Mahlzeit und ein paar Gläsern Wein haben wir geschlafen. Am nächsten Tag schien sogar kurz die Sonne. Keine Rede mehr von Hinschmeißen oder Aufgeben. Solche Situationen gibt es immer wieder und da tut es gut zu zweit unterwegs zu sein“, fasst der 46-Jährige zusammen.

Lektion fürs Leben: Leise geht es in Südamerika nicht

Eines haben sie während der letzten Monate gelernt: Pläne sind dafür da umgeschmissen zu werden. Wo sie demnächst landen werden? Das wissen sie noch nicht. Vielleicht einen Abstecher nach Kanada. Vielleicht einen in die USA? „Wir wissen nur, dass wir im November zurück sein wollen, sagt Siemon.

Fragt man ihn, welche Schlüsse er aus den vergangenen Monaten gezogen hat, überlegt er kurz. Dann aber sprudelt es nur so aus ihm heraus. „Leise geht gar nichts in Südamerika, es fehlt grundsätzlich Salz am Essen, Lama ist lecker aber oft etwas trocken, ein „Nein“ heißt nicht zwingend „nein“ - es gibt immer eine Möglichkeit und ein bisschen mehr Gelassenheit. Das Wichtigste, so Siemon, der vor seiner Abreise als Physiotherapeut und als Lehrer für Anatomie, Physiologie und Pathologie gearbeitet hat, sei aber die Gewissheit: nach der Tour ist vor der Tour.“

Weitere Berichte von der Tour und viele schöne Fotos finden Sie auch im Blog der Radreisenden.

von Marie Lisa Schulz

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