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Mit dem Aal-Taxi von der Lahn in den Rhein

Artenschutz Mit dem Aal-Taxi von der Lahn in den Rhein

Alljährlich findet in den Wintermonaten die Abwanderung der Aale aus den Flüssen ins Meer statt. Flussabwärts von der Lahn bis nach Florida haben sie einen weiten und gefährlichen Weg vor sich.

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Jürgen Schwarz, Vorsitzender des Fischereivereins Marburg, lässt Aale aus der Lahn am Rhein wieder frei.

Quelle: Dr. Christian Cramer

Marburg. Die sogenannten Blankaale schwimmen in die 7000 Kilometer entfernte Sargassosee, östlich von Florida (USA), um ihren Nachwuchs auf die Welt zu bringen.

Da sich die flussabwärts wandernden Fische an der Hauptströmung orientieren, ist die Reise nicht ganz einfach, denn zahlreiche Wasserkraftwerke sind zu überwinden. Dort verharren die Tiere eine Zeit lang vor den Kraftwerksrechen und suchen nach einem für sie geeigneten Weg, um Wehre und Turbinen zu passieren. Vor allem die Lahn ist hiervon betroffen, denn allein von Marburg bis zur Mündung in den Rhein bei Lahnstein gibt es 29 Wasserkraftanlagen. Nur selten sind technische Vorrichtungen für Aale montiert, beispielsweise ein sogenannter Bypass, der abwandernde Fische um die Turbinen herumleitet. Schädigungen, wie zum Beispiel Quetschungen oder innere Verletzungen aufgrund von Druckschwankungen sollen damit vermieden werden. Viele Kraftwerksrechen, die dem Schutz von Flussbewohnern gelten, sind für Aale leicht passierbar, da der Abstand der Rechenstäbe in der Regel groß ist. „In Hessen haben derzeit erst wenige Neuanlagen den 15-mm-Rechen eingebaut“, weiß Walter Fricke, Experte der Oberen Fischereibehörde beim Regierungspräsidium (RP) Gießen. Die Sterblichkeitsraten pro Anlage seien dort enorm hoch. Je nach Turbinentyp lägen sie zwischen 15 bis 80 Prozent. Fricke zufolge reichen schon wenige Wasserkraftanlagen in einem Fluss aus, um dafür zu sorgen, dass kaum ein abwandernder Aal lebend die Flussmündung erreicht. In stauregulierten Flüssen wie der Lahn sei dieses Problem besonders groß.

Das RP hat zur Umsetzung der EU-Aalverordnung einen Fischereibiologen beauftragt, zusammen mit einigen Fischereivereinen an der Lahn abwandernde Blankaale abzufangen und an die Lahnmündung zu transportieren, um sie dort in den Rhein einzusetzen. Von dort aus können die Laichtiere ohne nennenswerte Hindernisse den Fluss durchwandern und unverletzt das Meer erreichen. Ab September 2014 erfolgten mehrere Befischungen in den Zuflüssen der Lahn. Erstmals konnte ein stillgelegter Aalfang in einer Mühle an der Lahn reaktiviert werden. Allein dort wurden in mehreren Nächten etwa 500 Aale für den Transport in den Rhein gefangen.

Insgesamt haben die Fachleute im vergangenen Jahr etwa 600 Tiere zum Rhein transportiert und dort eingesetzt. „Das ist ein wichtiger Beitrag, um den Bestand an laichreifen Tieren dieser Art zu erhalten, die mittlerweile vom Aussterben bedroht ist“, betont Fricke. Denn der europaweite Aalbestand sei allein in den letzten zwei Jahrzehnten um 30 Prozent zurückgegangen.

In den kommenden Jahren sollen zur Steigerung der Fangmengen weitere stillgelegte Aalfänge an Wasserkraftanlagen in der Lahn reaktiviert werden, teilt das RP Gießen mit. Weitere Vorhaben zur Umsetzung der Hessischen Biodiversitätsstrategie, wie ein entsprechendes Turbinenmanagement, sind in Planung. Experten führen dabei nächtliche Befischungen während Hochwasserereignissen durch, um festzustellen ob tatsächlich Aale im jeweiligen Flussabschnitt abwandern. Sollte sich dies herausstellen, so werden die Turbinen in der Nacht abgeschaltet.

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