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Mit Wattestäbchen gegen den Krebs

DKMS-Typisierung Mit Wattestäbchen gegen den Krebs

Die Diagnose Blutkrebs ist ein Schock – doch Stammzellspenden können vielen Patienten helfen. Weil die Gewebemerkmale von Patient und Spender exakt passen müssen, registriert die DKMS potenzielle Spender.

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Wattestäbchen, die Leben retten können: Nora Hense (rechts) und Sabrina Försterling haben sich im Hörsaalgebäude bei der DKMS registrieren lassen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Der Weg zu einem großen Ziel beginnt oft mit kleinen Schritten. In diesem Fall beginnt es mit winzigen Fetzen Gewebe auf Wattestäbchen – das große Ziel heißt: Leben retten. Dutzende Menschen, die meisten von ihnen Studierende, sitzen gestern Morgen im Hörsaalgebäude und streichen mit Wattestäbchen an der Mundschleimhaut entlang, um sich bei der DKMS (Deutsche ­Knochenmarkspenderdatei) als Stammzellspender registrieren zu lassen.

Für Nora Hense und Sabrina Försterling, die an der Philipps-Universität Romanische Kulturen studieren, ist klar: Krebs kann jeden treffen – und deshalb wollen sie potenzielle ­Lebensretterinnen werden. „In meinem Handballverein gab es mal eine Riesentypisierungsaktion für einen Spieler. Und es wurde auch ein Spender gefunden“, erzählt Hense. Als die beiden Frauen per E-Mail von der Aktion an der Universität erfuhren, stand deshalb fest: Diesmal sind sie dabei.
„Viele Studenten 
 wollen sich engagieren“

Den Anstoß zu der Typisierung gaben fünf Studierende aus verschiedenen Fachbereichen. Ihre­ 
Motivation: Der Gesellschaft „etwas zurückgeben“, sagt Gamze Yüksel. Der Lehramtsstudentin liegen besonders die vielen Kinder am Herzen, die an Blutkrebs erkranken – und durch ­eine Stammzellspende wieder gesund werden können. „Ich hatte selbst einmal ein Kind in einer Klasse, das Leukämie hatte“, erzählt Yüksel. Auch in ihrer Familie gab es einen Leukämie-Fall.
An der Uni fanden Yüksel und ihre Mitstreiter weitere Freiwillige, die bei der Organisation der Typisierung mithelfen. „Wir sind beide schon registriert“, erzählen Aysu Taskan und Gülsan Bakoglu. Diesmal helfen sie den potenziellen Lebensrettern beim Ausfüllen der Formulare. Einerseits geht es um die ­Kontaktdaten, damit typisierte­ Menschen erreichbar sind, wenn sie als Stammzellspender infrage­ kommen. Andererseits werden ein paar ­Daten zur ­Gesundheit abgefragt. Denn wer bestimmte­ chronische Krankheiten hat, sehr wenig wiegt oder stark übergewichtig ist, kommt als Stammzellspender nicht infrage.

Christian Werheid von der DKMS ist als Ansprechpartner vor Ort, wenn zum Beispiel zu klären ist, ob jemand trotz einer Erkrankung als Spender infrage kommt. „Die Studenten sind auf uns zugekommen“, berichtet er. „Zum Glück wollen sich viele­ engagieren.“ 474 Stammzell-Spender lassen sich im Hörsaalgebäude und auf den Lahnbergen bis zum Nachmittag registrieren – nach Werheids Aussage war die Typisierung in Marburg damit überdurchschnittlich erfolgreich. „Das war eine super Aktion“, lobt er die Studierenden. Die Universität sei für die Typisierung ein „idealer Ort“ – auch, weil viele junge Menschen vor Ort sind. „Sie sind meist gesund und bleiben noch lange in der Datei“, erklärt Werheid. So steigt die Chance, dass sie eines Tages als Stammzellspender zur Verfügung stehen.

„Wenn ich Blutkrebs hätte, wollte ich auch Hilfe“

Dazu müssen allerdings die Gewebemerkmale von Patient und Stammzellspender exakt passen. Deshalb werden die Wattestäbchen ins Labor geschickt. „Das ist ein ziemlich aufwändiges Verfahren, um die Gewebemerkmale zu entschlüsseln“, erklärt Werheid. Jede Analyse kostet nach seinen Angaben etwa 40 Euro.

Dieses Geld müssen natürlich nicht die potenziellen Stammzell-Spender bezahlen – für sie ist die Typisierung kostenlos. Die DKMS sammelt deshalb zur Finanzierung der Typisierung aber auch Geldspenden. Und auch dabei helfen Marburger Studierende – unter anderem, indem sie Kuchen verkaufen und den Erlös spenden. 178,50 Euro Spenden verbucht die DKMS diesmal.

Laut DKMS findet derzeit durchschnittlich jeder siebte Patient keinen passenden Stammzellspender. Doch die Chance von Patienten, einen passenden Spender zu finden, ist sehr unterschiedlich. Denn manche Gewebemerkmale sind bei potenziellen Spendern in Deutschland häufiger, andere sehr selten, erklärt Werheid. Das hat auch etwas damit zu tun, woher der Patient oder seine Eltern kommen. „Wenn zum Beispiel die Mutter des Patienten Deutsche ist und der Vater aus der Türkei stammt, ist es schwieriger, einen passenden Spender zu finden“, sagt Werheid. „Und ein türkischstämmiger Spender­ kommt eher als Spender für ­einen Türken infrage.“ Deshalb sei es besonders wichtig, dass auch Menschen mit ausländischen Wurzeln sich typisieren lassen.

Stellt sich schließlich heraus, dass ein bei der DKMS registrierter Mensch als Stammzellspender für einen Blutkrebs-Patienten infrage kommt, wird der potenzielle Lebensretter informiert. Er muss dann zunächst untersucht werden – und hat selbstverständlich noch die Entscheidungsfreiheit, ob er wirklich zu der Stammzellspende bereit ist.

In den meisten Fällen wird bei einer sogenannten peripheren Stammzellentransplantation durch eine Behandlung ­erreicht, dass die Stammzellen ins Blut ausgeschwemmt werden, erklärt Gamze Yüksel. Dem Spender werde dann lediglich Blut abgenommen. Seltener ist eine Operation nötig, bei der Knochenmark aus dem Beckenknochen entnommen wird.

„Ein bisschen Bammel gehört schon dazu“, gesteht ­Sabrina Försterling auf die Frage, ob ihr ein wenig mulmig ist bei dem Gedanken, eines Tages wirklich als Stammzellspenderin­ ­gebraucht zu werden. Aber: „Wenn ich Blutkrebs hätte, wollte ich auch jemanden haben, der mir hilft.“

von Stefan Dietrich

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