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Mit Sonne und Wind gelingt die Wende

Neujahrsempfang Mit Sonne und Wind gelingt die Wende

Die Bemühungen um die Energiewende werden zunehmend kontrovers diskutiert, zum Teil sogar in Frage gestellt. Vor diesem Hintergrund hielt der Chef des Umweltbundesamts eine wohltuendmutmachende Rede.

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Umweltbundesamts-Chef Jochen Flasbarth (links) war auf Einladung von Landrat Robert Fischbach nach Marburg gekommen. Den Gästen beim Neujahrsempfang des Kreises gefiel die pointierte Rede des langjährigen Nabu-Vorsitzenden.Fotos: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Jochen Flasbarth brauchte kein Redemanuskript, um den knapp 300 Gästen beim Neujahrsempfang im Kreishaus eine schnörkellose und ideologiefreie Beschreibung der Ist-Situation in Sachen Energiewende zu geben. Und im nächsten Schritt anschaulich aufzuzeigen, wie und wieso sie gelingen kann - auch wenn die Aufbruchsstimmung „deutlich an Fahrt verloren hat“, wie der Präsident des Umweltbundesamts am Donnerstagabend in Marburg feststellte.

Es sei logisch: „Je weiter wir voranschreiten, desto mehr werden wir auch mit Problemen konfrontiert.“ Insofern überrasche es ihn nicht, dass die Kritik zunehme. Flasbarth machte aber zugleich auch Mut. Man müsse sich einfach darüber im Klaren sein, dass es nicht immer leicht sein werde, die Energiewende umzusetzen, „wir werden natürlich auch Fehler machen“. In Deutschland seien die Voraussetzungen dafür jedoch sehr gut, wie ihm auch die Erfahrungen von seinen Auslandsreisen zeigten, wo ihm vermittelt werde: „Wenn es jemand schafft, dann die Deutschen.“

Flasbarth erinnerte an das Erreichte: „Heute stehen wir bei mehr als 25 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien im Netz.“ Vor zehn Jahren hätte man das nicht für möglich gehalten. Und nach Fuku­shima „haben wir etwas beendet, was unsere Gesellschaft zuvor tief gespalten hat“: das Setzen auf die Atomenergie. Auch daraus könne man viel Kraft für die kommenden Aufgaben ziehen.

Flasbarth machte deutlich, dass die Ziele der Bundesregierung, bis zur Mitte des Jahrhunderts 50 Prozent des Endenergieverbrauchs zu senken, aus seiner Sicht nicht ausreichen werden. Industriestaaten wie Deutschland müssten bis 2050 den Treibhausgasausstoß im Vergleich zum Jahr 1990 um bis zu 95 Prozent verringern, damit der Klimawandel aufgehalten werden kann, so der 50-Jährige. Aber: Das sei zu schaffen.

Stromverbrauch sinkt nicht

Es werde Bereiche geben, die sich nicht zu 100 Prozent „erneuerbar“ versorgen könnten, zum Beispiel die Landwirtschaft und Schwerindustrie. In anderen Bereichen aber „haben wir das Know-how dazu“ - zum Beispiel beim Strom, auch wenn der Verbrauch vermutlich auch 2050 nicht niedriger sein werde als heute.

Es werde zwar wohl „keine ganz grundlegende Änderung unserer Lebensweise geben“, zu erwartende Stromersparnisse durch effizientere Nutzung würden künftig durch Mehrbedarf zum Beispiel für Elektromobilität ausgeglichen.

Dennoch stehen aus seiner Sicht die Chancen für eine komplette Umstellung gut. Der Schlüssel dafür liege in der Fotovoltaik und der Windenergie, was Flasbarth an mehreren Punkten deutlich machte.

nAllein für bebaute (Dach-)flächen prognostiziert das UBA ein Strompotenzial von 245 Gigawatt. Daher sei man nicht gezwungen, verstärkt auf Freiflächenanlagen zu setzen, die sonst in Konkurrenz zu landwirtschaftlich genutzten Flächen geraten könnten.

nDie Windkraft bietet „ein Vielfaches von dem, was wir brauchen“, ist sich Flasbarth sicher. Eine Studie des Umweltbundesamtes, die in Kürze veröffentlicht werden soll, beweise, dass vor allem das Potenzial im Binnenland bislang völlig unterschätzt worden sei. Das bedeute auch, das man künftig aus viel mehr Flächen auswählen könne, wo Windenergie genutzt werden kann - das heißt, man könne mehr Rücksicht auf die Interessen der Menschen und des Naturschutzes nehmen. Gleichwohl werde es Konflikte geben, die sich nicht lösen lassen, räumte er ein.

nDamit diese Energie genutzt werden könne, brauche es neue Netze und Speicherkapazitäten, wobei der Netzausbau an erster Stelle stehen müsse. Eine vielversprechende Speicherperspektive sei die „chemische Speicherung“: Strom wird durch Elektrolyse zu Wasserstoff und anschließend mit Kohlendioxid in synthetisches Methangas umgewandelt.

nDie Hauptakteure sieht der Chef des Umweltbundesamts indes auf regionaler Ebene. Zum einen, weil nur hier „das Feuer bei den Leuten entfacht werden kann“ für die Erzeugung von Energie vor der eigenen Haustür. Und weil man hier profitiere, durch die Beteiligung an Projekten oder, weil Arbeitsplätze enstehen - besonders auch vor Ort im Handwerk und in Dienstleistungsberufen.

von Michael Agricola

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