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„Mit Händen, Füßen und ganz viel Herz“

Flüchtlinge in Marburg „Mit Händen, Füßen und ganz viel Herz“

Seit knapp zwei Monaten leben Fotjon Berisha (26) und seine Familie bei Stefan und Monika Stanger in Schröck. In seinem Heimatland Albanien ist er vom Tode bedroht.

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Leben unter einem Dach: Shkelqim Lika (von links), Stefan Stanger, Merjem Berisha, Isabela Berisha, Monika Stanger und Fotjon Berisha.

Quelle: Till Conrad

Schröck. Es ist eine Geschichte, die zeigt, wie die viel beschworene „Willkommenskultur“ in Marburg gelebt werden kann: Am Heiligen Abend saßen Fotjon (26), Merjem (19) und Isabela Berisha (7 Monate) sowie Merjems Bruder Shkelqim Lika (14) zusammen mit Monika und Stefan Stanger unter dem Christbaum in deren Wohnzimmer in Schröck und feierten gemeinsam Weihnachten.

Familie Berisha wohnt seit Mitte November bei den Stangers in Schröck; das Ehepaar hatte die Dachwohnung seines Hauses der Stadt Marburg als Unterkunft für Flüchtlinge angeboten.

Familienvater:„Hier ist es gut“

„Hier ist es gut“, sagt Fotjon, und dann berichtet er über die Gründe seiner Flucht nach Deutschland: Weil in der Familie nicht genug Geld da war - die Not war so groß, dass er in Containern nach Essbarem suchte -, ging Fotjon zum Arbeiten nach Italien, war beim Ernteeinsatz auf einer Obst- und Gemüsefarm, und erlebte dort, wie mehrere Männer eine Landsfrau ganz offensichtlich entführen wollten. Durch sein beherztes Eingreifen konnte die Frau gerettet werden, aber danach erhielt Fotjon, der bei der Rettungstat schwere Kopfverletzungen davontrug, deutliche Warnungen der albanischen Mafia, die ihm Rache schwor und sein Leben bedrohte. Offensichtlich, so berichtet der junge Mann, sollte die Frau verschleppt und zur Prostitution gezwungen werden.

Nach Ansicht des Flüchtlingshilfswerks UNHCR ist die Anwerbung von Frauen oder Minderjährigen durch Nötigung oder Täuschung für die Zwecke der Zwangsprostitution oder der sexuellen Ausbeutung eine Form von Menschenhandel und Folter. Sie kommt in Albanien, so UNHCR, regelmäßig vor.

Fotjon jedenfalls hatte nach dem Vorfall genug Grund, um sein Leben zu fürchten. Zusammen mit seiner jungen Frau Merjem, dem gemeinsamen Baby und dem minderjährigen Bruder seiner Frau floh er nach Deutschland.

Über Dortmund und Gießen kam die Familie in den Landkreis, wohnt seit November in Schröck bei den Stangers.

Die Bundesregierung prüft gerade, ob Albanien als „sicheres Herkunftsland“ eingestuft werden soll - das würde im Falle der Berishas heißen, dass sie ohne Asylverfahren abgeschoben werden könnten.

Die Republik Albanien ist zwar Mitglied der Nato und Beitrittskandidat der EU, aber nach Einschätzung des Auswärtigen Amtes ist die Rechtslage in Albanien keineswegs eindeutig.

Korruption, Diskriminierung und Blutrache in Albanien

Das Auswärtige Amt wird von der „Berliner Zeitung“ mit einem vertraulichen Lagebericht zitiert, in dem von ethnisch motivierter Diskriminierung gegenüber Roma, von Korruption und organisiertem Verbrechen die Rede ist. In Albanien herrsche „eine Kultur der Straflosigkeit und fehlenden Implementierung der vorhandenen Regelwerke“. Aufgrund der langsamen und korruptionsanfälligen Justiz gebe es zudem keine effektive Strafverfolgung und keinen wirksamen Schutz gegen Bedrohungen durch die Blutrache, rassistische und homophobe Übergriffe oder geschlechtsspezifische Gewalt, schreibt die Flüchtlingsorganisation „pro asyl“ in einem Gutachten.

„Es gibt keine Ausländer, sondern nur Menschen“

Familie Berisha hat Asylanträge gestellt. Eine Arbeitserlaubnis hat Fotjon inzwischen auch, nun sucht er, zunehmend verzweifelt, Arbeit. Bislang hat sich alles zerschlagen. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Agentur für Arbeit bei potenziellen Jobangeboten zu prüfen hat, ob es „bevorrechtigte Arbeitnehmer“ gibt. Dies sind Deutsche, aber auch EU-Ausländer oder anerkannte Flüchtlinge. Die kommen dann eher zum Zuge, und der Arbeitgeber ist verpflichtet, diese Menschen einzustellen.

„Ich nehme jede Arbeit“, sagt Fotjon dennoch. Von Almosen oder staatlicher Unterstützung will er nicht leben.

Für Monika Stanger ist diese Situation ohnehin nicht verständlich. „Für mich gibt es keine Ausländer, sondern es gibt nur Menschen“, sagt die Frau, die die gelegentlich schwierige Verständigung mit der Familie Berisha so beschreibt: „Mit Händen und Füßen und ganz, ganz viel Herz“.

Und das ist beiden Familien auch anzusehen. Beim Treffen im Wohnzimmer der Stangers begrüßen sich Vermieter und Mieter mit einer herzlichen Umarmung, binnen Minuten stehen Kaffee und Stollen auf dem Tisch.

„Sie sind so dankbar, so liebevoll und höflich“, sagt Monika Stanger über Familie Berisha. Und Stefan Stanger ergänzt: „Sie bringen uns Achtung entgegen.“ Beide genießen es, wenn Shkelqim gelegentlich beim gemeinsamen Einkauf den Einkaufswagen schiebt. „Das findet man heute nicht mehr oft.“

Deutschunterricht mit dem Kinderbuch

Natürlich gibt es Schwierigkeiten bei der Verständigung - aber die Stangers wissen, wie sie damit umzugehen haben. Monika Stanger weiß, wie gut Kinder Deutsch lernen, wenn man ihnen Kinderbücher vorliest - in der kleinen Isabella und Mutter Merjem hat sie gleich zwei Zuhörerinnen. Und zur Not tut es auch mal ein Google-Übersetzer.

Für die Stangers jedenfalls ist die Familie Berisha ein Glücksfall. Die Dachwohnung, ein selbst ausgebautes und liebevoll eingerichtetes Schmuckstück, war ursprünglich einmal an Monteure vermietet. Als Monika Stanger aber in der OP las, dass die Stadt Marburg Unterkünfte für Flüchtlinge sucht, meldete sie sich - und wenige Tage später waren die Berishas da. „Es passt!“, sagt Monika Stanger heute, sechs Wochen später. Sie wollte unbedingt - das war ihr Wunsch an die Stadt - eine Familie im Haus haben, denn „Kinder sind ein Geschenk“, sagt sie, und: „Wo Kinder sind, da ist Leben.“ Ein wenig wird ihre Freude getrübt, wenn sie sieht, mit welchen Schwierigkeiten Familie Berisha zu kämpfen hat: So zog sich die Behandlung einer schmerzhaften Zahnentzündung bei Merjem aufgrund von Verständigungsschwierigkeiten über Stunden hin. Einen Dolmetscher durfte sie nicht hinzuziehen - eine Praxis, die etwa der Berufsverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) scharf kritisiert.

Shkelqim lernt Deutsch an der Sophie-von-Brabant-Schule. Er spielt Fußball bei der Jugendspielgemeinschaft Schröck/Bauerbach - Stürmer. Wie viele Jungs seines Alters will er einmal Fußballprofi werden. Von der Marburger Tafel in der Ernst-Giller-Straße bringt er regelmäßig Lebensmittel für die Familie mit nach Hause.

Auf einem alten Fahrrad fährt Shkelqim einmal pro Woche zum Training auf den Sportplatz an den Elisabethbrunnen, ein weiteres Mal fährt ihn Monika Brabant mit dem Auto zum Training nach Bauerbach.

Was das Motiv für ihre Haltung ist? „Ich wollte zu Weihnachten eine Familie glücklich machen“, sagt sie. Es scheint, als habe sie gleich zwei glücklich gemacht: Ihre eigene und die der Berishas.

von Till Conrad

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