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Mit 66 Jahren fing ihr neues Leben an

Organspende Mit 66 Jahren fing ihr neues Leben an

Eine Spenderniere rettete der Münchhäuserin Gerda Longwitz vor einem Jahr das Leben. Im OP-Gespräch erzählt sie von ihrem neuen Leben und neuen Gelüsten.

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Eine Spenderniere rettete der Münchhäuserin Gerda Longwitz vor einem Jahr das Leben.

Quelle: Ruth Korte

Marburg. „Eigentlich kann das nicht sein, aber seit ich die neue Niere habe, habe ich morgens keinen Appetit mehr auf Marmeladenbrot“, antwortet Gerda Longwitz  ungläubig auf die Frage, was sich in ihrem Leben seit der Nierentransplantation verändert habe. Statt Marmelade isst die 67-Jährige nun lieber Wurst und Käse auf ihrem Frühstücksbrot und genießt das Leben, das ihr vor einem Jahr neu geschenkt wurde.

Vor der ersten Dialyse hat sie „gezittert vor Angst“

Mit 41 Jahren erfuhr die zweifache Mutter aus Münchhausen, dass sie Zystennieren hat. „Damals habe ich gehofft, dass ich niemals zur Dialyse muss.“ 18 Jahre lang kommen ihre von mehreren Zysten durchsetzten Nieren ohne Blutwäsche zurecht. Mit 59  aber wird eine Dialysetherapie notwendig.

„Als ich das erste Mal zur Dialyse kam, hab ich gezittert vor Angst“, erinnert sich Longwitz. Die Angst bleibt vor jedem Einstich – siebeneinhalb Jahre lang, drei Mal in der Woche.  Dreieinhalb, später sogar fünf Stunden dauert die Blutwäsche. „Der Blutdruck war manchmal etwas niedrig, aber sonst ging es mir immer gut“, sagt die sehr zufrieden wirkende Münchhäuserin. An eine Spenderniere habe sie nie gedacht, obwohl sie wegen ihres fortschreitenden Nierenversagens  immer dringlicher wurde. Das wussten auch ihre Ärzte und setzten sie auf die Spenderliste. Dann, einen Tag nach ihrem 66. Geburtstag, findet sich ein Spender.  „Als der Anruf aus der Klinik kam, war ich gar nicht zu Hause, sondern Pilze sammeln mit meiner Schwester.“ Ihr Handy, über das ihre Tochter, die den Anruf aus dem Transplantationsbüro  entgegengenommen hat, sie verzweifelt versucht zu erreichen, hat sie im Auto gelassen.  Mal wieder. Zusammen mit der Nachbarschaft  begeben sich ihre Kinder auf die Suche nach ihr. Sogar ein Trecker wird dabei eingesetzt.

„Als ich nach Hause kam, standen schon die ganzen Nachbarn auf der Straße. Das ist filmreif gewesen“, erinnert sich Frau Longwitz kichernd. Sie kann sich noch genau an die Worte ihrer Tochter erinnern: „Mutter, es ist eine Niere für dich da!“

Dann geht alles ganz schnell. Sofort wird sie ins Krankenhaus gebracht, dort ein letztes Mal an die Dialyse angeschlossen und schließlich in den Operationssaal geschoben. Zwei Wochen später darf sie das Krankenhaus wieder verlassen. Ein neues Leben beginnt.

„Mir ging‘s super. Die Zeit danach war wunderbar. Bis ich anfing als dicker zu werden.“ Fünfzehn Kilogramm habe sie seit der Transplantation zugenommen. „Das schiebe ich nicht allein auf die Tabletten“, gibt sie zu und lacht.

Viele Empfänger überleben die Wartezeit nicht

Heute erinnert nur noch wenig an die Zeit vor der Transplantation. Der Dialyseshunt in ihrer Ellenbeuge, der jahrelang als Verbindung zwischen Schlagader (Arterie) und Vene diente, um den Blutfluss zu erhöhen und somit das Blut zur Reinigung aus dem Körper zu pumpen, ist gut verheilt. Die Abstände zur Nachuntersuchung werden immer kürzer. „Das Leben ist schon schöner, gelle, das ist ganz klar.“ Klar sei für sie auch, dass Organe zum Spenden da seien: „Warum sollten meine Organe  verbrannt oder beerdigt werden, wenn andere Leute sich darüber freuen?“

Viele erleben das nicht. Allein in den letzten drei Jahren wurden am Marburger Transplantationszentrum bis zu 46 Prozent weniger Organspenden registriert.

Gerda Longwitz hatte Glück. Von den insgesamt elf Patienten, mit denen sie die Dialysetherapie begonnen hat, haben nur zwei eine Spenderniere erhalten. „Die anderen sind verstorben“, sagt Longwitz und ihr fröhlicher Blick wird ein bisschen trauriger. Er verliert sich an den Bürowänden des Marburger Transplantationszentrums, an der neben vielen Dankeskarten ein Zettel mit der Aufschrift hängt: „Don‘t take your organs to Heaven. Heaven knows we need them here“ (Nimm deine Organe nicht mit in den Himmel. Der Himmel weiß, dass wir sie hier brauchen).

Hintergrund
  • Formen der Spende: Man unterscheidet zwischen einer Lebendspende und einer Todspende. Bei einer Lebendspende wird ein Organ oder ein Teil eines Organs von einem lebenden Menschen auf einen Empfänger übertragen. In Deutschland sind das  derzeit nur Nieren und Teile der Leber. Herz, Leber, Lunge, Darm und Bauchspeicheldrüse können hingegen als Ganzes nur hirntoten Menschen bei einer Todspende entnommen werden.
  • Organspender: Das Einverständnis zur Organ- und Gewebespende wird durch das Ausfüllen eines Organspendeausweises erteilt. Man kann das Einverständnis entweder generell erteilen, auf bestimmte Organe oder Gewebe einschränken oder einer Organ- und Gewebespende widersprechen. In der Zeile „Anmerkungen/Besondere Hinweise“ kann eine Person benannt werden, die im Todesfall benachrichtigt werden soll. Liegt die Zustimmung  in eine Organ- und Gewebespende nicht vor, müssen die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen der verstorbenen Person entscheiden.
  • Herkunft: Organe und Gewebe können nur Menschen spenden, die am Hirntod verstorben sind (Ausnahme Lebendspende). Sie werden von der Stiftung Eurotransplant in acht europäische Länder mit einem Einzugsgebiet, in dem 124 Millionen Menschen leben, vermittelt: Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Slowenien und Ungarn.

Quelle: www.organspende-info.de

„Es ist eine Entscheidung dieses Tages“

70 Prozent der Deutschen stehen der Organspende positiv gegenüber, aber nur jeder Dritte hat einen Organspendeausweis. Warum? Professor Joachim Hoyer und Doris Knobloch sprechen im Interview über Ängste, Vorurteile und bewegende Schicksale.

OP: Professor Hoyer, Sie sind Direktor der Klinik für Nephrologie am UKGM und haben langjährige Transplantationserfahrung. Haben Sie auch einen Organspendeausweis?
Joachim Hoyer: Klar (lacht). Ich spende alles – das steht da drin. Und da steht auch drin, wer benachrichtigt werden soll, wenn mir was zustößt: meine Frau.

OP: Was, meinen Sie, hindert so viele Menschen daran, einen Organspendeausweis zu führen?
Hoyer: Es ist gibt eine gewisse Hemmschwelle. Menschen werden nicht gern mit ihrem Tod konfrontiert und wollen schon gar nicht darüber entscheiden oder es verschriftlichen. Deshalb sind viele Organspendeausweise, die zu Hause in Schubladen liegen, nicht ausgefüllt. Viel wichtiger als der Ausweis ist jedoch das Gespräch mit einem Familienangehörigen oder einer nahestehenden Person. Die Spender werden nirgends registriert. Es ist eine Entscheidung dieses Tages. Verstirbt ein Patient ganz plötzlich an einem Hirntod in einem Krankenhaus, wird danach gefragt, ob ein Organspendeausweis vorhanden ist. Wenn der Patient diesen Wunsch nirgends verschriftlicht hat, werden die Angehörigen gefragt, ob und wie der Verstorbene sich in der Vergangenheit zu einer Organspende geäußert hat.
Das Gespräch ist wichtiger als der Spenderausweis
Doris Knobloch: In so einem meist plötzlichen Todesfall eine klare Entscheidung zu treffen, ist für die Angehörigen oft sehr schwer. Da ist es hilfreich, wenn man vorher schon mal darüber gesprochen hat. Wenn ich genau weiß, dass mein Liebster seine Organe spenden will, dann fällt mir die Entscheidung auch leichter. Ich glaube auch, dass Angst ein Hindernis ist. Viele Menschen haben die Vorstellung, dass man Organe entnommen bekommt, ohne tot zu sein. Organspender kann aber nur der werden, der in einem Krankenhaus verstirbt. Erst, wenn er hirntot ist, ist sein Tod amtlich und dann überlegen wir, ob er als Organspender in Frage kommt. Wir fragen zuallererst die Angehörigen oder nahestehende Personen. Bei niemandem wird so genau nachgeforscht wie bei jemandem, der Oranspender wird.
Hoyer: Es gab schon Fälle, wo Transplantationen abgebrochen wurden, weil die Formalien nicht ausreichend geklärt waren.

OP: Wie viele Transplantationen führen Sie hier im Schnitt pro Jahr durch?
Hoyer: Wir hätten pro Woche mindestens einen Empfänger. Im Jahr führen wir aber nur 30 bis 35 Transplantationen durch. Diese Zahl, die schon mal bei 40 lag,  ist zuletzt sogar auf 25 runtergegangen. Wir sehen also leider, dass die Transplantationszahlen sich fast halbiert haben. Die Organangebote fehlen, besonders in Deutschland.
Knobloch: Die Zahlen werden ein bisschen durch die Lebendnierenspenden (siehe Hintergrundkasten) aufgefangen. Dass jemand seinem Liebsten eine Niere hinterlässt, kommt häufiger vor. Auch in Marburg wollen mehr Familienangehörige oder Freunde, die dem Patienten genetisch oder biologisch nicht nahestehend sind, ein Organ spenden. Dies trifft aber nur auf etwa ein Drittel zu. Gerade um die Anderen, die nicht so jemanden haben, müssen wir uns kümmern, weil sie enorm krank sind.
OP: Wie alt sind Ihre Patienten an der Klinik im Durchschnitt und unter welchen Krankheiten leiden sie?
Hoyer: Wir haben zwei Programme. Eins für Kinder und eins für Erwachsene. In unserem Erwachsenenprogramm haben wir ein Durchschnittsalter von ungefähr 61 Jahren. Wir haben aber auch eine ganze Reihe junge Erwachsener. Das Krankheitsbild ist ganz unterschiedlich. Es gibt angeborene Dysplasien, also Fehlbildungen, Zystennieren, das sind Nieren, die zu groß werden und von entarteten Zysten befallen sind, hochdruckgeschädigte oder diabetesgeschädigte Nieren. All diese Patienten brauchen eine regelmäßige Blutwäsche, weil ihre Nieren nicht mehr richtig funktionieren. Das heißt nicht nur, dass sie drei Mal pro Woche zu uns kommen und vier oder fünf Stunden dialysiert werden. Neben der körperlich sehr anstrengenden Dialyse kommen sehr einschränkende Verhaltensregeln dazu. Dialysepatienten dürfen zum Beispiel nicht mehr als einen halben Liter pro Tag trinken. Das ist sehr wenig – gerade im Sommer. Sie dürfen die meisten Obstsorten nicht essen. Sie müssen eine strenge Kalzium- und Phosphatdiät einhalten, weil beides zu einer Gefäßverkalkung führen kann. Viele unserer Dialysepatienten haben zudem Durchblutungsstörungen und schon einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall hinter sich. Ich könnte noch mehr aufzählen, so schwer krank sind die Dialysepatienten. Ein Dialysepatient hat eine durchschnittliche Lebenserwartung von nur 4,8 Jahren. Das ist schlechter als bei einer Reihe von Tumorerkrankungen.
Knobloch: Der älteste Patient im Kinderprogramm ist 18 Jahre alt und der jüngste zwei Jahre. Seine Mutter bringt ihn drei Mal in der Woche aus Kassel hier zur Kinderdialyse, verbringt vier Stunden neben seinem Bettchen und fährt danach die eineinhalb Stunden wieder zurück. Die Geschwister sind alleine. Da ist kein Familienleben mehr. Das sind so Schicksale, die gehen einem, selbst wenn man schon lange hier arbeitet, immer wieder ans Herz.

von Ruth Korte

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