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Mineralwasser wird knapp

E.coli-Alarm Mineralwasser wird knapp

Der Bakterien-Befall hat Auswirkungen auf den Alltag: Seit Freitag und noch einen Großteil dieser Woche wird laut Gesundheitsamt das Wasser abgekocht werden müssen.

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Der Tegut-Markt in Cappel hat 20 Europaletten stilles Wasser extra anliefern lassen. Die Nachfrage ist riesig.Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Die Zahl der unmittelbar von der Verunreinigung betroffenen Menschen in Mittelhessen geben die Behörden mit 180.000 an - so viele wie nie bei ähnlichen Vorkommnissen in der Region. Die Verunreinigung fiel dem Zweckverband Mittelhessischer Wasserwerke (ZMW) erstmals am Freitag­morgen auf der Strecke der Fernleitung zwischen Wohratal und Gießen auf.

Laut ZMW wird das Wasser weiterhin mit Chlor gereinigt, doch bis es flächendeckend in der 65 Kilometer langen Leitung angelangt sei, dauere es mehrere Tage. Dementsprechend werde, sobald die Messwerte wieder in Ordnung seien, es regional verzögerte - von Nord nach Süd - Entwarnungen geben. Heißt: In und um Kirchhain wird das Wasser schneller wieder sauber und trinkbar sein als in Marburg oder Gießen.

Der ZMW sieht „ganz gute Chancen“, dass sich die Situation im Landkreis ab Mittwoch entspannt, die Abkoch-Empfehlung gegen Ende der Woche aufgehoben werden kann. „Wir rechnen damit, dass das Wasser noch so lange verunreinigt ist“, sagt Loew. Um welchen E.coli-Stamm es sich handelt, ist noch nicht klar.

Ansturm auf Mineralwasser

Das verkeimte Leitungswasser sorgt für einen verstärkten Kauf von Trinkwasser in den Marburger Getränkemärkten. „Es ist viel los“, sagt Martin Klehm, Angestellter beim Trinkkontor Buchtaleck und Schmidt in der Neuen Kasseler Straße. Besonders nachgefragt sei stilles Wasser, Engpässe gebe es in dieser Filiale allerdings nicht.

Anders als bei Burghardt und Schneider in Cappel. Dort war Mineralwasser ohne Kohlensäure bereits Freitagabend ausverkauft, sagt Beate Schneider.

Im Edeka-Neukauf Pinschmidt-Getränkemarkt in Ockers­hausen ist Mineralwasser Naturell seit Samstag nicht mehr vorrätig, berichtet Verkäufer Eric Wagner. Zur Neige gehen die Vorräte auch im Logo Getränke-Fachmarkt in der Afföllerstraße, sagt Marktleiter Wolfgang Lich.

Doch alle von der OP befragten Getränkehändler beruhigen die Kunden: Nachschub sei unterwegs, bei den Herstellern gebe es keine Engpässe, sagt etwa Schneider.

Salat verschwindet von Speisekarten

Auch die heimische Gastronomie stellt die Trinkwasser-Verunreinigung vor große Herausforderungen. „Salat und Gemüse müssen gewaschen werden - das ist eine erhebliche Mehrarbeit. Denn das Wasser muss zunächst in großen Töpfen aufgekocht werden und dann abkühlen“, sagt Dirk Wolf, Vorsitzender des Dehoga-Kreisverbands Marburg-Biedenkopf.

„Es gibt schon Betriebe, die keine Salate mehr anbieten“, sagt Wolf. Auch die Eiswürfel-Produktion sei problematisch. Hoteliers würden ihren Gästen Mineralwasser aufs Zimmer stellen, „damit sie sich die Zähne putzen können“. Immerhin ein Problem gibt es nicht: „Bei gewerblichen Spülmaschinen gibt es zum Glück keine Einschränkungen, denn sie kommen über die Temperaturempfehlungen“, sagt Wolf.

Mehrere OP-Leser berichten indes von „totaler Arg- und Sorglosigkeit“ in gastronomischen Betrieben. So soll in mehreren Oberstadt-Kneipen am Wochenende auf Bestellung Leitungswasser serviert worden sein; ohne jeden Hinweis auf die Verunreinigung.

Zahnklinik schickte Patienten unbehandelt nach Hause

Von der Problemlage ist auch die Marburger Mensa betroffen - allerdings in einer größeren Dimension, wie Martin Baumgarten vom Studentenwerk Marburg berichtet. „Wir kochen rund 600 Liter täglich ab, die dann über Nacht abkühlen, damit wir es am nächsten Tag zum Waschen des Salats verwenden können.“

Zehn Steigen Kopfsalat werden in der Mensa täglich verarbeitet, hinzu kommen etliche Kilo Tomaten und Gurken - alles muss gewaschen und geputzt werden. Und die Gäste in den Mensen müssen mit weiteren Einschränkungen klarkommen: Es gibt keine Cola-Getränke. Denn diese werden in sogenannten „Postmix-Anlagen“ aus Wasser und Sirup gemischt - die Anlagen sind an die Wasserleitungen angeschlossen. „Aber da können wir kein Risiko eingehen“, sagt Baumgarten.

Beim UKGM können die Trinkwasserbrunnen auf den Stationen ohne Bedenken genutzt werden, sagte Pressesprecher Frank Steibli. Sie verfügten über eine eigene Filteranlage. Zudem habe der Einkauf für eine ausreichende Versorgung der Stationen Trinkwasser in Flaschen gefüllt. Bei Operationen werden ausschließlich fertige Spüllösungen verwendet. Überall dort, wo Ärzte mit Wasser in Berührung kommen, desinfizieren sie sich anschließend, sagt Steibli. Die Wasserent­nahmestellen in den OP-Sälen hätten Filter.

Sonderfall Zahnklinik: Hier wurden am Montag Patienten in der Abteilung für Zahnerhaltung auf Empfehlung des Gesundheitsamts vorsichtshalber nicht behandelt und nach Hause geschickt, berichtete ein Betroffener.

von Björn Wisker, Michael Arndt, Andreas Schmidt und Till Conrad

 
OP-Umfrage: Wie beeinflusst die Wasserverunreinigung IHREN Alltag?
 
Kathrin Liebegott (40) , stellvertretende Küchenchefin im Marburger Gasthaus zur Sonne: „Der Arbeitsaufwand ist schon gestiegen. Lebensmittel 
 waschen wir jetzt immer mit abgekochtem Wasser. Das 
Wasser der Spülmaschine wird in der Maschine ohnehin 
stark erhitzt und außerdem gefiltert. Gleiches gilt für die 
Kaffeemaschine.“
 
Horst Kriebel (86) aus Königswinter, derzeit zu Besuch in einem Hotel in Marburg: „An der Rezeption wurden jedem direkt Wasserflaschen für das Zimmer gegeben, beispielsweise zum Zähneputzen. Auch wurde ich 
gut über die Verunreinigung 
informiert. Ich habe einen sehr positiven Eindruck darüber, wie mit der Situation umgegangen wird.“
 
Larissa Wagner (54) , Kosmetikerin aus Marburg: „Alle sind davon betroffen, auch Restaurants und Cafés. Normalerweise trinke ich Leitungswasser, aber jetzt bestelle ich mir sicher­heitshalber immer Mineral­
wasser. Außerdem biete auch ich in meinem Geschäft meinen Kunden jetzt Mineralwasser als Getränk und auch für Gesichtskompressen an.“
 
Moritz Schmidt (21) , Rechtswissenschaftsstudent in Marburg: „ Ich sehe im Alltag einen erhöhten Aufwand, da man für viele Anwendungen zunächst das Wasser abkochen muss. Für mich bietet die Situation auch Grund zum Ärgernis, da man vorher nicht so schnell über die Gefahren informiert wurde und da sich die Lösung nun hinauszögert.“

 

Manfred Preis (58) , Lasertechniker in Marburg: „Man muss sich überlegen, was man tut. Mein Enkel war über das Wochenende da und wir mussten aufpassen, womit er sich die Zähne putzt und was er trinkt. Die Situation bietet für mich aber sonst keine großen Prob­leme.“

Umfrage: Florian Bernhardt, Fotos: Jan Pultin

 
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Die Quelle für die Verunreinigung ist gefunden

Die Quelle für den Bakterien-Befall des Trinkwassers in Mittelhessen ist gefunden. Einer von acht Brunnen des Wasserwerks in Wohratal weist erhöhte Verunreinigungs-Werte auf, er wurde bereits am Wochenende vom Netz genommen. Das teilte ein Vertreter des Krisenstabs, der am Montag tagte, mit.

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