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Militär-Gegner bewältigt Horror-Fluchtroute

Flüchtlinge Militär-Gegner bewältigt Horror-Fluchtroute

Das ist die Geschichte von Hayat. Sie beginnt in einem Jugendknast in Ostafrika, schildert Tod und Verzweiflung, bevor sie in Marburg endet – einer Stadt, die sich zu einer Eritreer-Enklave wandelt.

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Wie im Fall von Hayat, wird bei rund 98 Prozent der Eritrea-Flüchtlinge (2014 waren es 13 250) ein Schutzbedarf gesehen.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. An den Sprint in Richtung der Hügel, als die Gewehrkugeln neben ihm einschlagen, erinnert er sich noch gut. Wie weit die Soldaten hinter ihm sind, weiß er nicht. Paff, paff, paff: Barfuß rennt Hayat den Berg hinauf, schneller, immer schneller, hoffentlich schneller als die Kugeln. Den Schüssen auszuweichen, ist sinnlos, das weiß er. Entweder die Kugel schlägt irgendwo im Körper des Fliehenden ein oder irgendwo in der staubig-sandigen Weite Eritreas. Pech oder Glück – darauf reduziert sich das Leben. Hayat lernt nach Sekunden auf der Flucht, dass nur Glück entscheidet, wie weit er kommt.

Diese Szene im April 2012 war der Beginn einer mehr als zwei Jahre dauernden Flucht, die den heute 22-Jährigen mehr Schrecken haben sehen, haben erleben lassen, als ein Jugendlicher, als ein Mensch sehen und erfahren sollte. Verfolgt vom Militär, gejagt von Räubern, gezwungen von Menschenhändlern, den eigenen Urin zu trinken – das war nur ein Teil des Weges auf der laut Amnesty International „derzeit gefährlichsten Fluchtroute der Welt“.

Zu Fuß. Unter Planen auf Pick-ups. Mit einem Dutzend anderer auf der Ladefläche in Transportern. Tags, nachts – monatelang. Und wieso? Um aus einem Staat zu fliehen, der als einer der repressivsten der Welt gilt.

Für Hayat ging es nicht um Geld, Mode, ein Smartphone, wie auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf immer mehr Flüchtlings-Kritiker hinter vorgehaltener Hand mutmaßen. Für ihn ging es um Leben oder Tod. Denn dass er bald gestorben wäre, war ihm klar. Zu oft hat er im Jugendarrest Wi‘a nahe der Stadt Massawa, wo er wegen der Verweigerung zum Militärdienst eingesperrt wurde, bekannte Gesichter nicht in die Zellen zurückkehren sehen.

Polizei, Armee, Banden überall

„Man fühlt sich in diesem Land nie sicher. Tag oder Nacht. Sie können jederzeit kommen und dich zum Militär schleppen. Du weißt nie, was als Nächstes auf dich zukommt.“

Nach dem Entwischen während eines Arbeitseinsatzes vor den Toren des Gefängniskomplexes, tagelangem Umherirren, hungrig, durstig, schlich er sich an den Grenzen der Küstenstadt Massawa entlang. Wie rauskommen? Unentdeckt? Über das Rote Meer? Zu stark bewacht. Über die P1, die einzige Straße Richtung Westen? Zu gefährlich. Polizei, Armee, Banden überall. Warten. Irgendwann muss er es wagen. Trampen. Hoffen, dass er nicht im Auto eines Spions sitzt.

Das wäre sein Todesurteil.

Hayats Ziel: In der gefährlichen, aber immerhin anonymeren Hauptstadt Asmara Geld für Schlepper auftreiben – irgendwie, in einem der ärmsten Länder der Welt. Hayat hat Glück. Glaubt er. Nach ein paar Monaten hat er 10 000 Nakfa (rund 400 Euro), so der Name der Währung, zusammen. Das reicht für gefälschte Papiere, für einen Bus nach Teseney, 45 Kilometer von der Grenze entfernt. Wie er zu dem Geld kam, will er nicht erzählen. Dass er mit dem Geld vor allem Eintritt für Strapazen, Leid und Tod zahlt, wird ihm erst später, in Kassala, einem UN-Flüchtlingscamp auf der sudanesischen Seite der Grenze klar.

Zehntausende Landsleute leben dort, Zehntausende kennen jemanden, dessen Flucht irgendwo zwischen Sudan und Mittelmeer gescheitert ist. Wochenlang hört er Geschichten von Erschießen, Ertrinken, Ersticken, nachdem er das Lager eines Nachts, zwischen bewaffneten Männern hindurch schleichend, erreicht hatte. Irgendwann im Lager rollen Pick-ups auf ihn zu, stoppen ein paar Meter weiter. Männer steigen aus, zerren drei Frauen in die Autos, schlagen einem Mann mit Stangen den Schädel ein, fahren fort. Menschenhändler, wie er ahnt.

„Ohne Freiheit ist man sowieso tot“

„Als Eritreer sind wir so oder so zum Sterben verdammt. Entweder sind wir verloren, weil wir in dem kaputten Land bleiben, oder wir riskieren den Tod beim Verlassen des Landes oder eben auf der Flucht. Ohne Freiheit ist man sowieso tot“, sagt er. Der Entschluss zur Reise nach Europa ist nach wenigen Monaten in Kassala endgültig gefasst. Allen Warnungen der UN-Mitarbeiter vor kriminellen Schleuser-Banden zum Trotz, sucht er genau die auf – immerhin sei auch das Lagerleben alles andere als sicher. Gangs beherrschen den Alltag, Banden entführen junge Frauen, um sie in Nordafrika als Sexsklavinnen anzubieten. Wie viel es ihn kostete, die Schleuser zu bezahlen – mindestens 5000 Euro, wie UN- Experten berichten – will Hayat nicht sagen. Nur so viel: Er habe Kontakt zu Verwandten im Ausland gehabt, die ihm halfen.

Die mit Checkpoints von düsteren Gestalten gesäumten Wege in die sudanesische Hauptstadt Khartoum passierte er mit Hilfe der Schmuggler problemlos. Sieht man von der Schießerei nach einer Motorpanne ab, bei der Kugeln einen Begleiter durchlöcherten. „Der starb später im Truck, dann warfen ihn die Schleuser in den Sand“, sagt Hayat. Der Horror begann erst auf dem nächsten Abschnitt – der Weg durch die sudanesisch-libysche Wüste.

„Jeder wusste, dass er sterben wird“

„An einem Sammelpunkt stand ich mit 50 anderen. Wir bekamen rationiertes Wasser, ein wenig zu essen, alle waren zuversichtlich.“ Dieses Gefühl schlug vier Tage später um, als die Flüchtlinge nur noch Urin tranken, ihre Haut von der Sonne verbrannt abblätterte und jeder Atemzug in der Lunge brannte. Wer zu langsam lief, wer die Schleuser um mehr Wasser anflehte, wurde zusammengeschlagen, zurückgelassen.

„Jeder wusste, dass er sterben wird.“ Eine Woche später, mehrere Flüchtlinge lagen schon lange irgendwo tot im Sand, brachten Pick-ups frisches Wasser. „Das rettete mir das Leben.“ Es dauerte weitere vier Tage, mit Dutzenden anderen auf eine Ladefläche gepfercht, bis Hayat an der Mittelmeerküste ankam. Von Polizisten erwischt zu werden, hätte bedeutet, dass er in eines der 19 gefürchteten Abschiebe-Lager des Landes gekommen wäre. Die Organisaton Human Rights Watch wirft den Behörden vor, sich nicht um die Einwanderer zu kümmern, stattdessen Gewalt gegen diese zu tolerieren. Berichte listen auf, dass Flüchtlinge in Schiff-Containern eingesperrt, ausgepeitscht und aufgehängt werden.

Viele Tage verbrachte Hayat in einem schwer bewachten Haus irgendwo zwischen Sirte und Tripolis. „Männer mit Maschinenpistolen waren überall, man durfte nichts sagen, schon gar nicht gesehen werden. Das war wie im Gefängnis zu Hause.“

Marburger Eritreer spüren „extremen Zulauf“

Eines Nachts stürmten Vermummte in das Zimmer, er wurde mit anderen in einen Lastwagen getrieben und zu einem Hafen gefahren. „Es war völlig dunkel, plötzlich waren wir auf einem Schiff, das immer voller wurde.“ Rettungsboote? Essen? Toiletten? Dass es all das nicht geben würde, wurde erst im Morgengrauen Dutzende Seemeilen vor der Küste gewiss. Als die Wellen ruppiger wurden, stürzten Flüchtlinge ins Meer. Schreie, die in Sekunden verstummten. „Mehr Platz war wichtiger als Mitgefühl.“ 1000 Mittelmeer-Tote gab es nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration im Jahr von Hayats Flucht. 2015 sind es bereits mehr als 1750. Hayat kannte die Zahlen nicht. Die Gefahr schon. „Ich habe Angst vor dem Wasser. Aber ich habe noch mehr Angst vor Folter und Hunger.“

20 Stunden nach dem Ablegen kommt ein Schiff der italienischen Küstenwache in Sicht. Die Rettung. „Alle an Bord haben vor Glück gebrüllt, zu Gott gebetet.“ Er wurde vom berüchtigten Lampedusa nach Palermo gebracht. Erste Erholung. Sein Weg führt ihn mit dem Zug weiter. Nach Deutschland. „Sicher, sauber, schön soll es sein.“

Hayat ist seit einigen Monaten in psychologischer Betreuung. Im Frühjahr lernte er einen schon einige Jahre in Marburg wohnenden Afrikaner kennen, der ihm einen Profi vermittelte, der ihm ehrenamtlich hilft. „Dafür bin ich unendlich dankbar. Reden hilft mir.“

Läuft er durch die Stadt, hört hupende Autos, klingelnde Handys; jedes unerwartete Geräusch löst in ihm reflexartig Angst aus. Erinnerungen, Emotionen aus der Fluchtzeit kommen hoch. In Gedanken hört er etwa die Sirene im Jugendgefängnis, auf die stets Schüsse folgten. Er fühlt sich dann zurückversetzt an den Tag, als er sich in der Wüste mit dem Sterben abgefunden hatte. Er denkt an die Fahrt über das Mittelmeer, die von Bord Gefallenen – oder Gestoßenen. „Wenn es ums Überleben geht, sind alle Wölfe.“

Mittelhessen hat sich zur Eritrea-Enklave entwickelt

„Viele durchleben das Geschehene wieder und wieder, das kennzeichnet eine posttraumatische Belastungsstörung“, erklärt Jan Vogel, Psychiater. Geräusche, selbst etwas Banales wie nachts auf den Boden gefallene Tassen „können eine traumatische Ladung haben“, lösen Reize aus, die Erlebnisse zurückbringen. Wichtig für Stabilisierung und Therapie sei ein geklärter, sicherer Aufenthaltsstatus. Neben medikamentöser Behandlung sei vor allem der Aufbau eines sozialen Netzes nötig. „Sich wertgeschätzt zu fühlen, baut Selbstbewusstsein auf, Probleme ab“, sagt Vogel.

Monatlich kommen rund 500 Flüchtlinge aus Eritrea im Bundesland an. Mittelhessen hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Eritrea-Enklave entwickelt, in Marburg gilt das Restaurant „Dromedar“ als Treffpunkt. „Seit einem Jahr leben extrem viele Eritreer in der Stadt, vor allem junge Männer. Die haben viele Fragen, viele Sorgen und auch viele falsche Hoffnungen“, sagt Aman Ashgedom, Restaurant-Inhaber. Er habe mit vielen gesprochen, sie etwa zu Ärzten oder Behörden begleitet – die meisten vereine „die Perspektivlosigkeit Zuhause“ und – wie Hayat – „die Angst vor 10, 15, 18 Jahren Militärdienst und Zwangsarbeit. Bei einem Gehalt, von dem man nicht mal sich selbst ernähren kann.“

Ashgedom selbst bezieht seine Gewürze von Verwandten, die noch in Eritrea leben. Doch auch viele von ihnen seien zuletzt nach Kanada geflohen. Er versteht Hayat. „Es ist weniger Armut, es ist die gnadenlose Diktatur, auf die Jüngere keinen Bock haben. Also fliehen sie.“

von Björn Wisker

  • Hintergrund: Rund eine von sechs Millionen Eritreer lebt im Ausland, 360 000 sind nach UN-Angaben derzeit als Flüchtlinge in Europa registriert. Die Organisation schätzt, dass monatlich rund 4000 Einwohner ihr Heimatland verlassen. Der ostafrikanische Staat soll laut Amnesty International seit Ende der 1990er mindestens 10 000 Menschen alleine aus politischen Gründen inhaftiert haben. Landwirtschaftliche Felder liegen brach, weil Männer und Frauen oft jahrzehntelang Militärdienst leisten müssen. Wer sich weigert, wird bestraft, wer fliehen will, wird als Deserteur erschossen. Strom ist knapp, Schulen und Unis gibt es kaum noch.
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