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Milcherzeuger vor dem Aus

Preisverfall Milcherzeuger vor dem Aus

Heimische Milchbauern brachten gestern ein großes Banner an der Gisselberger Straße an und machten damit deutlich: Es geht um die Zukunft ihrer Höfe. Der Milchpreis ist auf Talfahrt, die Überproduktion geht weiter.

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Milchbauern-Protest: (von links) Stefan Mann, Kurt Werner und Iris Trier, Vertreter des Kreisvorstands im Bundesverband Deutscher Milchviehhalter, übten gestern mittels einer Plakataktion an der Gisselberger Straße Kritik an Bundeskanzlerin Angela Merkel, Landwirtschaftsminister Christian Schmidt und EU-Agrarkommissar Phil Hogan.

Quelle: Carina Becker

Marburg. Genehmigt war die kleine Protestaktion am gestrigen Vormittag ganz bewusst nicht. „Ziviler Ungehorsam gegen die tauben Ohren der Politik und den langen Arm der Bürokraten“, sagte Stefan Mann, Landesvorsitzender, zweiter Bundesvorsitzender und Kreisvorstandsmitglied im Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM).

Gemeinsam mit dem BDM-Kreisvorsitzenden Kurt Werner und der Vorstandskollegin Iris Trier brachte er das großflächige Plakat mit weithin lesbarem Druck auf der Anlage gegenüber der CDU-Geschäftsstelle an. Zuvor hatte Kurt Werner beim Landkreis angefragt, ob man das Banner dort aufhängen könne – doch habe er nur ausweichende Antworten erhalten und keine klare Zu- oder Absage.

Den BDM-Vertretern war es ein Anliegen, ihren Vorwurf zu formulieren und gegen eine Agrarpolitik zu wettern, die ihnen derzeit konsequent die Grundlage für den Fortbestand ihrer Milchviehhöfe entziehe. Seit dem Wegfall der Quote im April vergangenen Jahres geht es mit dem Milchpreis bergab – zugleich erlebt die Branche eine wahre Milchschwemme.

Und die Überproduktion drückt das Preisniveau weiter. Derzeit liegt der durchschnittliche Milchpreis in Hessen laut Kreis-BDM bei rund 27 Cent pro Liter. Um kostendeckend wirtschaften zu können, bräuchten die Erzeuger – je nach Betrieb – zwischen 38 und 48 Cent, sagte Stefan Mann und bezifferte die Wertschöpfungsverluste seit dem Wegfall der Quote auf sechs Millionen Euro im Landkreis bei 140 Milchviehhaltern.

Deren Zahl habe sich in den vergangenen zwölf Jahren kontinuierlich reduziert – so waren es 2004 noch 360 Betriebe, die Milchkühe hielten. „Und so wird das weitergehen, wenn sich nicht schnell etwas ändert“, war sich Kurt Werner sicher.

Milcherzeuger haben Einflus auf Milchmenge

Stefan Mann erwartet schon jetzt den Niedergang von weiteren 15 bis 20 Prozent der heimischen Milchviehhöfe. „Der Verfall kommt schleichend – und es sagt ja auch keiner so offen, dass er davor ist, pleitezugehen. Nach und nach wird der Betrieb verkleinert und dann irgendwann ganz aufgegeben – so sieht das Schicksal vieler Milchbauern aus“, sagte Iris Trier.

Und Stefan Mann ergänzte, dass anderen Milcherzeugern, je nachdem, wie stark sie in den vergangenen Jahren investiert hätten, nichts anderes übrig bleibe als weiterzuarbeiten ohne Gewinn, bis die Bank den Geldhahn ganz zudrehe.

Dabei könnte es einen Ausweg geben aus der Misere, davon sind die BDM-Vertreter überzeugt. Seit Jahren fordern sie eine flexible Milchmengensteuerung – nicht etwa in Form einer neuen Milchquote, sondern durch Marktbeobachtung, Mengenüberwachung und gezieltes Nachsteuern.

„Als Milcherzeuger haben wir ja durchaus einen Einfluss auf die Milchmenge“, führte Iris Trier aus und verdeutlichte, dass die Landwirte beispielsweise durch gezielte Fütterung viel erreichen könnten. „Eine Senkung um ein paar Prozentpunkte kann dann schon eine große Wirkung entfalten.“

„Wer keine Reserven hat, geht irgendwann hops“

Ein solches Monitoring, wie der BDM es seit Jahren fordert, müsste freilich europaweit erfolgen – passend zur europäischen Milchmarktpolitik, verdeutlichten die Milcherzeuger im Gespräch mit der OP. „Wir wollen keine ständigen Liquiditätshilfen, wir wollen eine angepasste Produktion“, erklärte Stefen Mann und führte aus, dass eine Abgabe benötigt werde, die die Erzeuger zahlen müssten, wenn sie mehr lieferten als abgesprochen sei. „Eine solche Mengenplanung wäre schnell umsetzbar.“

Ansonsten gelte: „Wer keine Reserven hat, geht irgendwann hops – und es müsste so lange ein Höfe-sterben geben, bis Milchmenge und Bedarf wieder zusammenpassen“, sagte Iris Trier. Und die BDM-Vertreter waren sich einig, dass die derzeitige Milchmarktpolitik im Bund und in der EU genau darauf abziele.

„Man darf dabei aber nicht vergessen, dass wir mit der Milchschwemme jetzt eine Bestie losgelassen haben, die vor den großen Höfen nicht haltmachen wird. Diesmal trifft es alle, kleine und große Höfe“, sagte Stefan Mann.

von Carina Becker

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