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Mikrokosmos zwischen Sein und Schein

Forschung Marburg: Zirkus Mikrokosmos zwischen Sein und Schein

Wie Zirkus-Darstellungen in der Literatur unsere Vorstellungen vom Zirkus prägen, das erforscht die Marburger Germanistin Dr. Margarete Fuchs.

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Artistik unter der Zirkuskuppel fasziniert die Zirkusbesucher schon seit jeher: Dieses Foto stammt von dem Fotografen Jürgen Bürgin. Unter dem Titel „Lichter der Manege“ präsentiert er seine Bilder ab dem 17. November in der Uni-Bibliothek.

Quelle: Jürgen Bürgin

Marburg. Zirkus-Impressionen im bunten Zelt: Es riecht nach Sägemehl und Zuckerwatte. Die Clowns schneiden Grimassen. Hoch unter der Zirkuskuppel lassen fliegende Trapezkünstler das Herz der Zuschauer kurz stocken, Löwenbändiger begeben sich todesmutig in den Käfig. Das Grundmuster dessen, wieso Zirkusvorführungen ein großes Publikum begeistern, hat sich seit mehr als 100 Jahren nicht entscheidend verändert, erläutert Dr. Margarete Fuchs im Gespräch mit der OP. Obwohl sie selber sich nicht unbedingt als Zirkus-Fan bezeichnet, kann sie die Faszination an den Manegenkünsten dennoch auch nachvollziehen. „Mich fasziniert das Körperliche: die besonderen Körperbewegungen der Artisten und mit welchen speziellen Gesten das vorgeführt wird“, erzählt die Marburger Germanistin.

„Das populärkulturelle Phänomen Zirkus bietet eine ideale Projektionsfläche für Sehnsüchte aller Art“, beschreibt Fuchs. In Deutschland hat die Begeisterung an Zirkusaufführungen auch schon relativ schnell nach dem Aufblühen der großen Zirkus-Unternehmen wie Circus Krone oder Circus Busch ab Ende des 19. Jahrhunderts Eingang in die Literatur gefunden. Eine Hochphase des populärkulturellen Phänomens Zirkus macht Margarete Fuchs für die Zeit zwischen 1880 und 1930 aus. Seit dem Beginn des 20.Jahrhunderts bis heute gebe es eine große Anzahl von literarischen Texten von Autoren wie Franz Kafka über Thomas Mann und Else Lasker-Schüler bis hin zu Romanen wie „Etüden im Schnee“ von Yoko Tawada, die im Zirkus-Milieu spielen oder bei denen der Zirkus als Motiv auftaucht.

Viel Forschungs-Potenzial in Texten über Zirkus

Doch erstaunlicherweise haben sich die deutschen Literaturwissenschaftler im Gegensatz zu den Kulturhistorikern bis heute damit kaum beschäftigt. In Frankreich und Schweden hingegen gibt es schon länger Uni-Institute, an denen sich Forscher damit befassen.

Dabei steckt nach Meinung von Fuchs sehr viel zu erforschendes Potenzial in den Texten über Zirkus. Vor drei Jahren hatte die Marburger Germanistin die Idee, das Themenfeld in ihrer Habilitationsarbeit systematisch aufzuarbeiten.

So will sie mehr über die Anziehungskraft des Zirkus für die Literatur herausfinden. „Zirkus hat als eine Art Mikrokosmos Modellcharakter: Es ist eine Mischung aus Schein und Sein“, erzählt Margarete Fuchs. Zudem stehe im Mittelpunkt bei den Aufführungen in der Manege oft bei den Zuschauern eine Angstlust. „Etwas Riskantes wird vorgeführt“, so die Forscherin. Das Spielerische werde dann manchmal schnell ganz ernst.

Die damit verbundene Grenzüberschreitung wird in den Sozialwissenschaften auch als Transgression bezeichnet. Und mit diesem Begriff, der zur Erforschung von Raumkonzepten in kulturellen und sozialen Zusammenhängen dient, will Fuchs auch in ihrer wissenschaftlichen Analyse des Themas arbeiten. „Im Zirkus werden kulturelle, anthropologische und physikalische Grenzen und Ordnungen überschritten, werden bedeutungsfreie, riskante Körpertechniken zur Schau gestellt, die alles und nichts zugleich versprechen“, meint Fuchs.

So gehe ein Wanderzirkus schon rein räumlich gesehen über Ortsgrenzen; die Artisten überschritten bei ihren atemberaubenden Aktionen nicht selten das Menschenmögliche. Tiere erlangten fast menschliche Züge, und Zirkuskünstler flögen wie die Vögel oder seien beweglich wie Schlangen, nennt die Forscherin einige Beispiele für solche Überschreitungen von Grenzen.

Aber auch die Interaktion zwischen Tieren und Menschen sowie die Unterschiede zwischen Zirkuskünsten und anderen Kunstdisziplinen will sie erforschen. Genauer untersuchen will Fuchs ebenfalls, wie die Bilder von Zirkus in Literatur, Film und Kunst unsere Vorstellungen und den Diskurs über Zirkus maßgeblich mitbestimmen. Dabei will sie andere kulturelle „Zirkus-Zeugnisse“ wie Programmhefte oder Zirkusplakate aus den vergangenen drei Jahrhunderten einbeziehen.

Das übergreifende Ziel ist eine adäquate Erfassung und Beschreibung sowie die Herausbildung von Methoden und einer begrifflichen Systematik, um das Phänomen Zirkus in seinen historischen und systematischen Ausprägungen differenziert zu erfassen und beschreiben.

von Manfred Hitzeroth

Manegenkünste werden zum Tagungsthema

Die von Dr. Margarete Fuchs initiierte internationale Tagung über „Manegenkünste. Zirkus als ästhetisches Modell“ findet vom 17. bis 19. November an der Uni Marburg statt ( Foto: Jürgen Bürgin).

„Im Zirkus (und nur hier) gibt es den Purzelbaum als Salto Mortale, den Mops als Raubtier, Reisen als Beruf, Schuhgröße 90 und Werkzeuge zum Zersägen von Ehepartnern – und vieles mehr“, schreiben die Veranstalter in der Einladung zu der wissenschaftlichen Tagung.

„Der Zirkus war in seiner Hochphase um 1900 mit gewaltigen Tier- und Kuriositätenschauen und einer verblüffenden Fülle an pompösen Programmen ein unwahrscheinlich prosperierender Kultursektor. Er lockte sogar mit Ringkämpfen, Wettrennen, Ballett, Wasserspielen und Eiskunstlauf“, so die Ankündigung weiter. Übertroffen worden seien aber die großen deutschen Unternehmen nur noch von dem amerikanischen Groß-Zirkus „Barnum & Baily“ der auch nach Europa kam. „The Greatest Show on Earth“ (Die größte Show der Erde) habe ein Zirkus-Programm mit 86 Nummern in einem Hauptzelt mit 8000 Plätzen geboten.

Erstaunlicherweise sei dieses hochkomplexe kulturelle Phänomen im deutschsprachigen Raum bis heute nur auf vereinzeltes Forschungsinteresse gestoßen.

Dieses will die Ger,anistin Dr. Margarete Fuchs nun mit ihren Mitorganisatoren Dr. Anna-Sophie Jürgens (München/Canberra), Privatdozent Dr. Jörg Schuster (Frankfurt/Marburg) und Professorin Anke Abraham (Marburg) ändern. Bei der Marburger Tagung, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, kommen 26 Vortragende aus Deutschland, Frankreich, England, Schweden und den USA zusammen. Die Tagung ist interdisziplinär angelegt: Referenten aus Kultur- und Medienwissenschaften tauschen ihre Forschungsergebnisse rund um den Zirkus unter anderem mit Experten aus den Sozial- und Naturwissenschaften aus. Die Bandbreite der Themen reicht von Zirkusmotiven in der Literatur über Perspektiven des Tierrechts bis hin zur „Ästhetik des Superlativs im Zirkus“.

Aber auch Zirkusdarsteller selber kommen zu Wort. So hält die Trapezkünstlerin Jana Korb (Berlin) einen Vortrag mit dem Titel „Zwischen Kunst, Kleinkunst und Sexarbeit. Frauen im zeitgenössischen und gegenwärtigen Zirkus“. Und die Artistin Sandy Sun (Paris) beschreibt zwei ästhetische Modelle für einen Trapezakt.

Künstlerisch geht es auch im Rahmenprogramm der Tagung zu: So findet am Donnerstag, 17. November, ab 20 Uhr in der Marburger Uni-Bibliothek die Vernissage für eine Ausstellung mit Zirkusfotografien von Jürgen Bürgin (Webseite: www.juergenbuergin.com) statt. Zwei seiner Fotos sind auch auf dieser Seite zu sehen. Zudem wird im Kino „Palette“ am Steinweg am Freitag, 18. November, ab 20 Uhr Alexander Kluges Film „Die Artisten in der Zirkuskuppel“ gezeigt. Die dreitägige Tagung im Neuen Senatssitzungssaal, Biegenstraße 3, beginnt am Donnerstag, 17. November, um 13 Uhr. Gäste sind willkommen. Der Eintritt ist frei, aber um Spenden wird gebeten.

Hintergrund
Es gibt in Deutschland bis jetzt nur erste Ansätze zur Zirkuswissenschaft als einer akademischen Disziplin. Eine erste Tagung fand im April vergangenen Jahres an der Universität Münster statt. Eingeladen waren damals 65 Wissenschaftler und Artisten, von denen einige auch Vorträge hielten. Thema der Zirkusforschung ist neben der Beschäftigung mit den klassischen Zirkusunternehmen, die auch Raubtiere präsentieren und andere Tierdressuren zeigen, vermehrt die Beschäftigung mit dem „Nouveau Cirque“ (Neuer Zirkus) französischer Prägung, als dessen Paradebeispiel der „Cirque de Soleil“ gilt. Diese neuen Zirkuskompanien setzen verstärkt auf Artistik und Akrobatik und Programme, die nicht Nummernrevues sind, sondern die inhaltlich einen roten Faden aufweisen. In Frankreich ist die Zirkusforschung beispielsweise an der Universität Montpellier schon etabliert, wo der Clown, Zirkus-Dramaturg, promovierte Mediziner und Kunstgelehrte Dr. Philippe Goudard ein Institut für Zirkuswissenschaft leitet. Goudard hält auch einen Vortrag auf der Marburger Tagung.
Zur Person

Dr. Margarete Fuchs ( Foto: Thorsten Richter) wurde in Nürtingen geboren. Nach Berufsausbildung und mehrjähriger Berufstätigkeit sowie Abitur auf dem zweiten Bildungsweg studierte sie von 1998 bis 2005 Neuere Deutsche Literatur und Philosophie an der Universität in Tübingen, wo sie nach dem Magisterabschluss als wissenschaftliche Hilfskraft am Deutschen Seminar der Universität Tübingen tätig war. Seit 2008 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Neuere Deutsche Literatur der Universität Marburg, wo sie 2013 promoviert wurde. Derzeit arbeitet sie an ihrer Habilitationsschrift zur Ästhetik des Zirkus.

Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Literaturtheorie, das Thema „Zirkus und Literatur“, Gender-Studien, das Thema „Literatur von 1800 bis zur Gegenwart“, Theatertheorie und Populärkulturen.

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