Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Migration ist „Normalzustand“ der Geschichte

Podiumsgespräch „Migration aus historischer Perspektive“ Migration ist „Normalzustand“ der Geschichte

„Gesellschaften ändern sich immer – sie sind niemals homogene Konstrukte“. Dieser These eines Flüchtlingshelfers folgten auch drei Marburger Historiker beim Podiumsgespräch „Migration aus historischer Perspektive“.

Voriger Artikel
Debatte am Straßenrand bei Dauerregen
Nächster Artikel
Mit 63 Jahren fängt die Ratsarbeit an

Flüchtlinge folgen im österreichischen Julbach nahe der deutschen Grenze einem Schild mit der Aufschrift „Germany“ und der Abbildung einer deutschen Flagge.

Quelle: Armin Weigel

Marburg. Ob französische Hugenotten, deutsche Amerika-Auswanderer oder „Ruhrpolen“ – die Geschichte ist voll von Beispielen, in denen Menschen ihr Glück in der Ferne suchten.Die aktuelle Flüchtlingskrise stellt demnach zwar eine enorme Herausforderung dar, um ein neues, einzigartiges Phänomen handelt es sich bei der massenhaften Migration aber nicht.

Um die derzeitige Situation in den geschichtlichen Kontext zu stellen, hatte die Elisabethschule drei Professoren des Fachbereichs Geschichte an der Uni Marburg zu einem ­Podiumsgespräch eingeladen. Anlass zu dieser ungewöhnlichen Veranstaltung mit rund 80 Gästen war die Verabschiedung der langjährigen Lehrerin an der Elisabethschule, Gertrud Heinemeyer, die auch mit dem Fachbereich Geschichte didaktisch zusammengearbeitet hatte.

Einiges lernen könne man, mit Blick auf Migration, beispielsweise aus der Geschichte der USA, berichtete Professor Wolfgang Krieger. Die Vereinigten Staaten seien zwar ein Einwanderungsland, doch auch dort gebe es seit etwa 1860 immer wieder Gegenbewegungen, die sich gegen die Aufnahme bestimmter Bevölkerungsgruppen richteten. Daran könne man sehen, dass man trotz massiver Opposition ein Einwanderungsland sein könne.

Vielfältige Beweggründe

Krieger stimmte einem Zuhörer zu, dass Migration im Prinzip „der Normalzustand“ in der Geschichte sei und teilte somit auch die zu Beginn geäußerte These Benjamin Edingers von der Asylbegleitung Mittelhessen. Dennoch sei Migration steuerbar. Klassische Einwanderungsländer wie Kanada, USA oder Australien hätten längst entsprechende Gesetze, während Deutschland ein solches Gesetz zu lange vor sich hergeschoben habe.

Die Beweggründe, aus denen Menschen ihre Heimat verlassen, sind vielfältig, verdeutlichte Professor Eckart Conze. Sogenannte „Push-Faktoren“ seien politischer, ökonomischer oder aber kultureller Natur. Conze warb jedoch dafür „diese Felder nicht zu sehr voneinander zu trennen“.

Häufig griffen mehrere Faktoren ineinander. Verlasse jemand zum Beispiel ein Land, weil er dort keine Perspektive habe, seine Familie zu ernähren, sei dies „ja irgendwie auch ein politischer Grund“, weil die Regierung es nicht ermögliche, so Conze. Der Historiker richtete sich gegen den Begriff „Wirtschaftsflüchtling“ und plädiert dafür, stattdessen von „Lebenschancen“ zu sprechen, die jene Menschen suchten.

Migrationsbewegungen auch außerhalb Europas

Bei Wirtschaftsflüchtlingen müsse man zudem differenzieren, ergänzte Krieger. Auch die deutschen Amerika-Auswanderer seien Wirtschaftsflüchtlinge gewesen. Zwischen 1820 und 1920 stellten die Deutschen mit etwa 6 Millionen Menschen die größte Einwanderergruppe in den USA. Sie seien jedoch nicht die Ärmsten der Armen gewesen, da diese sich die Überfahrt nicht hätten leisten können. Vielmehr habe es sich um Menschen gehandelt, die sich etwas aufbauen wollten, sagte Krieger.

Professor Benedikt Stuchtey glaubt, dass Deutschland derzeit Erfahrungen macht, die frühere Kolonialmächte wie Großbritannien, Frankreich oder Belgien bereits nach 1945 gemacht hätten. Aber auch außerhalb Europas habe es in jüngerer Vergangenheit starke Migrationsbewegungen gegeben.

„Städte wie London, New York, Istanbul oder Tokio sind ohne Migration gar nicht denkbar“, so Stuchtey. Migration gehe aus globaler Perspektive „mindestens bis weit ins 18. Jahrhundert“ zurück und die Geschichte weise dabei eine Konstante auf: „Die Überschreitung von Grenzen, schafft immer wieder auch neue Grenzen – in den Köpfen“, sagte Stuchtey. Migranten müssten in ihrer neuen Heimat immer auch viele Vorurteile überwinden.

Rechtsstaatlichkeit wichtiger als Sprache

Conze schloss sich dieser Betrachtung an. Bei der Integration der Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg, die derzeit häufig als Vergleich herangezogen wird, sei bis weit in die 1950er-Jahre auch nicht klar gewesen, ob sie ein Erfolg werde. Dazu sei sie erst viel später „umgedichtet“ worden.

„Aus damaliger Sicht war das kein Erfolg, denn es gab massive Konfrontationen“, erklärte er. Daher glaube er nicht, dass allein die Muttersprache oder eine Leitkultur Kriterien für das Gelingen der Integration seien. Als Grundlage für „multikulturelle, multiethnische und integrative Gesellschaft“ müsse vor allem die Rechtsstaatlichkeit im Vordergrund stehen.

von Peter Gassner

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr