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Mieter packen Eigentum im Eiltempo

Feuer am Richtsberg Mieter packen Eigentum im Eiltempo

Ansturm auf die Notquartiere: Nach dem Hochhaus-Brand im Studentenwohnheim am Richtsberg am Dienstag sind 200 der 280 Bewohner in Ersatz-Wohnungen untergekommen. Die Suche nach der Brandursache dauert an.

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Warteschlange im Hauseingang. Fotos: Björn Wisker, Florian Gaertner

Marburg. Brandschutzgutachter und Polizisten hätten gestern beginnen sollen, die Schäden am Gebäude zu untersuchen. Speziell der Keller, wo der Brand ausbrach, steht im Fokus. Jedoch: Das Löschwasser steht derart hoch, dass erst eine Spezialfirma die Flüssigkeit abpumpen muss, bevor die Nachforschungen beginnen können.Nach OP-Informationen ist die Statik des Hochhauses zwar intakt, jedoch hat das Feuer sämtliche Strom-, Gas- und Wasserleitungen zerstört. „Das Haus ist zumindest vorübergehend unbewohnbar“, sagt Carmen Werner, Feuerwehr-Chefin in der Universitätsstadt.

Wie lange die Mieter nicht in ihren Wohnungen leben können, ist unklar. Erste Schätzungen gehen von mindestens zwei Monaten aus – wenn das Haus überhaupt repariert werden soll. Das Studentenwerk will vor Aussagen zur Zukunft des Wohnheims, das hauptsächlich Familien und ausländische Studenten beherbergt, die Ursachensuche, Gutachter- und Versicherungs-Einschätzungen abwarten.
Gestern durften die 280 Bewohner ein zweites Mal nach dem Brand in ihre Wohnungen, um etwa die Kühlschränke zu leeren und weitere persönliche Gegenstände mitzunehmen – darunter auch Ausweise, Reisepässe, Kreditkarten, die einige in der Hektik des Feueralarms und der Löscharbeiten vergessen hatten.

Alles einpacken was wichtig ist

„Ich habe wichtige Dokumente, etwa den Mietvertrag mitgenommen. Und da die Semesterprüfungen bald beginnen, sind natürlich die Bücher und Lernsachen wichtig“, sagt Emmanuele Regino, Sozialwissenschaftsstudent. „Ich habe versucht alles einzupacken, was irgendwie wichtig und teuer ist“, sagt Sven Hiestermann, Chemie-Student, der im zehnten Stock wohnt. „Im Halbschlaf hab ich am Dienstag Sirenen gehört, und es wurden immer mehr. Dann rumpelte es schon an der Tür und jemand rief, wir sollten raus, weil es brennt“, erinnert er sich. Er packt sich ein Handtuch als Atemschutz und flieht. Kurze Zeit später ist das Treppenhaus verraucht, Rettung nur noch über Balkone möglich. Der Rauch zog bis in die obersten Etagen. „Es ist eine dunkle Schicht auf den Möbeln. Als ich mein vergessenes Handy nahm, war darunter eine helle Fläche, drum herum alles rußig.“

„Erstmal bin ich erleichtert, dass ich meine Sachen noch habe und die Wohnungen nicht abgebrannt sind“, sagt Julia Rybka, Chemie-Studentin. Neben ihren Studien-Unterlagen habe sie Fotos und andere Erinnerungsstücke mitgenommen. Derzeit wohnt das Pärchen Rybka/Hiestermann bei Freunden.

Ungewissheit bleibt

Jetzt, mehr als einen Tag nach dem Brand, plagt die Bewohner die Ungewissheit: Wann kann man wieder einziehen? Kehrt man überhaupt zurück? Sind die Elektrogeräte durch den Rauch kaputt gegangen? Ist im Keller wirklich alles zerstört?
Für den Tunesier Adam Salhi, Doktorand im Fach Deutsch als Fremdsprache an der Universität, und seine Familie ist der Brand und der Zwangs-Auszug ein „harter Schlag“ – gerade angesichts der anstehenden Prüfungen und des bald beginnenden Ramadan. „Das tut weh.“ Dass der Brand im Keller ausgebrochen ist, wundert ihn nicht. Dieser sei in der Vergangenheit „vollgestellt und zugemüllt“ gewesen. Auch habe dort viel Holz, etwa Bettkästen und Schränke, gestanden. Das Wort Brandstiftung macht die Runde. „Um in den Keller zu kommen, braucht man aber einen Schlüssel“, sagt Salhi, der seit drei Jahren im Haus wohnt. Er könne nicht so recht an ein absichtlich gelegtes Feuer glauben.

Von den 280 Bewohnern des Studentenwohnheims sind mittlerweile 200 in Notquartieren untergebracht, der Rest ist bei Familie und Freunden untergekommen. „Nur das ehemalige Arbeitsgericht in der Gutenbergstraße dient noch als Reserve“, sagt Franziska Busch, Sprecherin des Studentenwerks. Bis Dienstagabend organisierte das Studentenwerk 120 Ersatz-Wohnungen, etwa in den Universitäts-Kindertagesstätten am Schwanhof und in der Deutschhausstraße, ebenso im Altenzentrum in der Sudetenstraße. Ab Dienstagabend häuften sich die Anfragen nach einer Übergangs-Bleibe – die Kapazität drohte gesprengt zu werden. „Wir hatten noch ein paar Unterkünfte in der Hinterhand, konnten die Wünsche so noch recht problemlos erfüllen“, sagt Busch. Viele Familien wohnen nun in einer vom Studentenwerk bereits vor längerem angemieteten Etage im Altenzentrum Sudetenstraße.

Adam Salhi hat, wie viele Brand-Opfer, den Humor nicht verloren: „Immerhin könnte man das hässlichste Haus Marburgs jetzt mal streichen.“

von Björn Wisker

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