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Messerstiche: Zeugen schildern Drama

Bluttat im Südviertel Messerstiche: Zeugen schildern Drama

Während des Prozessauftakts vor dem Landgericht schilderten Zeugen die dramatischen Szenen der tödlichen Messer-Attacke im Südviertel im Frühjahr. Auch der Lebenspartner des Opfers, Ex-Freund der Angeklagten, sagte aus.

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Die Angeklagte versteckt sich hinter einem Ordner und zwei Polizisten, als sie gestern den Gerichtssaal betritt. Anwalt Sascha Marks (rechts) verteidigt die 27-Jährige, die gestanden hat, die 29-jährige Laura S. getötet zu haben.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Eifersucht, Liebeskummer, Kränkung? Zu den Motiven für die laut Staatsanwaltschaft 30 Messerstiche in den Körper des 29-jährigen Opfers schweigt die Jurastudentin (27). Den Angriff gestand sie jedoch: „Es ist richtig, ich habe Laura S. getötet.“

Das hat ein Hausmeister (52) am Morgen des 26. März mitbekommen. Vom dritten Stock aus hörte er nach eigenen Angaben einen Streit, schaut aus dem Fenster und sah „wildes Gefuchtel“. Er habe aus dem Fenster gerufen – „sofort aufhören!“ Dann erkannte er das Messer „und rannte runter, um zu helfen.“

 

Er habe das Messer, das die Angeklagte fallen ließ, als er aus der Haustür stürmte, weggetreten, um nach der Verletzten zu sehen. Dann habe die 27-Jährige ein zweites Messer gezückt und immer wieder auf die Beine der am Boden liegenden Frau eingestochen, bevor der Helfer ihr die Waffe aus der Hand trat.

Großer Andrang vor dem Gerichtssaal.

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"Blut war überall, schrecklich"

Weitere Nachbarn eilten herbei. „Blut war überall, schrecklich“, sagte eine 52-jährige Lehrerin. Die Beschuldigte wirkte „wie versteinert, unbeteiligt, paralysiert, schaute das Opfer nie an“, sagte eine 60-Jährige.

Während einige Zeugen Decken und Handtücher unter den Kopf des Opfers legten, kümmerte sich die Pädagogin um die mutmaßliche Täterin. „So eine Brutalität! Wieso? Wieso, habe ich sie gefragt und überlegte, wie sie jetzt ein Bonbon lutschen kann.“ Dann sah die Zeugin: Das sind keine Bonbons, sondern Tabletten. Wie mehrere Zeugen vor der Strafkammer des Landgerichts aussagen, hatte die Angeklagte Dutzende Tabletten und eine Wasserflasche dabei, schluckte nach den Messerstichen wohl auch einige. „Sie hat mich kaputtgemacht, ich muss sowieso sterben“, sagte die 27-Jährige laut übereinstimmenden Zeugenaussagen kurz nach der Tat.

Unter den Zeugen war auch der Lebenspartner der getöteten Laura S. – der 25-Jährige pflegte nach eigenen Angaben von Ende 2011 bis Ende 2012 eine Sex-Beziehung mit der Angeklagten. „Wir waren nie ein Paar. Anfangs hatte ich Gefühle, wollte ausloten, ob es mehr wird, aber es passte nicht. Gefühle kommen und gehen, das verstand sie nicht, rastete häufig aus, war regelrecht hysterisch“, sagt der Wirtschaftsstudent. Über mehrere Monate habe er aber Sex mit der Angeklagten gehabt. Er schilderte ein darauffolgendes monatelanges Stalking durch die Messerstecherin. Sie soll ihm täglich „tausendfach

Facebook-Nachrichten, Briefe, SMS geschrieben und angerufen“ haben. Die letzte Droh-Nachricht, so belegen die von Ermittlern ausgewerteten Internet-Daten, stammte vom Vortag der Tat.

„Hexerei“, „Gehirnwäsche“: Ex-Freund sagt aus

Der Tenor aller Nachrichten laut Ex-Freund: „Laura habe mich verhext, mein Gehirn gewaschen. Sie, die Angeklagte, sei die Richtige für mich, eine Trennung würde ich bereuen.“ Hoffnungen, dass es eine ernste Liebesbeziehung mit ihr geben könne, habe er ihr nie gemacht.

„Alles geschieht in ihrer Fantasiewelt. Sie verbreitet Terror und Schwachsinn, hat immer wieder Geschichten erfunden.“ Die Angeklagte sah das anders: Wie Verteidiger Sascha Marks sagt, sei der 25-Jährige der erste Freund und Sexualpartner der Frau gewesen. „Ihr bedeutete das erste Mal viel, sie wolle nicht ausgenutzt werden, sagte sie ihrem Freund. Doch das passierte dann wohl, und ein Hintertürchen ließ er stets auf.“ Deshalb habe sie sich „monatelang Hoffnungen gemacht“, ergänzt die zuvor mit einem Weinkrampf im Gerichtssaal zusammengebrochenen Angeklagte. Der Ex-Freund entgegnete: „Ich beendete das aus Angst nicht richtig. Laura und ich hatten Paar-Paranoia, entfernten Klingelschilder von der neuen, gemeinsamen Wohnung, damit wir von ihr nicht gefunden werden.“

Wirbel gibt es unterdessen um ein vorläufiges psychologisches Gutachten. Die Eltern des Opfers – die als Nebenkläger auftreten – fechten dieses an. Sie haben einen Befangenheitsantrag gegenüber dem Sachverständigen gestellt. Vorwurf: Dieser gehe in seiner Analyse offenbar von einer Affekthandlung aus, untermauere diese These gezielt, vor allem durch Weglassen von belastenden Zeugenaussagen.

Der Sachverständige, Dr. Wolfgang Kloß, bestreitet den Vorwurf. Das Landgericht wies den Antrag ab, will den Gutachter an einem der kommenden Prozesstage (sechs sind bis kurz vor Weihnachten angesetzt) erst hören. Falls das Gericht rund um den Vorsitzenden Dr. Carsten Paul Indizien für die Befangenheits-These der Nebenklage feststellt, könnte der Prozess platzen, ein neues Gutachten durch einen anderen Sachverständigen müsste erstellt werden.

Fortsetzung: 2. Dezember um 9 Uhr, Saal 101.

von Björn Wisker

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Ermittler sichern Spuren am Tatort. Archivfoto

Zum Auftakt des Prozesses am Montagvormittag hat die 27-jährige Angeklagte eingeräumt eine 29-Jährige erstochen zu haben.

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