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Messerstecherin: Eltern irritiert von Totschlag-Anklage

OP-Analyse Messerstecherin: Eltern irritiert von Totschlag-Anklage

Die Familie der Ende März getöteten Laura S. ist am Prozess gegen die Messerstecherin am Landgericht beteiligt. Ihre Eltern treten als Nebenkläger auf, Verwandte sprechen über den Charakter der Getöteten. Die OP analysiert den ersten Verhandlungstag und beantwortet die Frage, wieso die Staatsanwaltschaft Totschlag, nicht Mord anklagt.

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„Unsere Tochter soll ein Gesicht haben, mehr sein als nur ein Opfer“, sagen die Eltern der durch 30 Messerstiche getöten Laura S. (29) beim Prozessauftakt am Montag.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Laura S.‘ Mutter trägt ein weißes T-Shirt mit dem Bild ihrer Tochter. Ein runder Bilderrahmen samt Foto der mit 29 Jahren Getöteten liegt vor ihr auf dem Holztisch. Als die Staatsanwaltschaft am Montag die Anklage verliest, halten Mutter und Vater der Frau Hände. Sie wirken gefasst, die Mutter aus Bayreuth schreibt studenlang akribisch mit, was gesagt wird, wer was sagt, wer fragt, wer wie reagiert. „Unsere Tochter soll ein Gesicht haben, mehr sein als nur ein Opfer“, sagt sie. Die Tante der durch 30 Messerstiche umgebrachten Studentin sagt: „Sie war ein heller Mensch, fröhlich. Ich zittere innerlich, wir als Familie sind traumatisiert.“ Annika H., Cousine der tödlich Verletzten ergänzt: „Laura war jemand, der bei Streits schlichtete, eine ruhige Person. Provokationen von ihr, das ist reine Projektion der Täterin“, sagt Annika H., Cousine des Opfers.

Bei Prozessbeginn gegen eine 27-jährige Jurastudentin, die die Tötung von Laura S. gesteht, am Montag sorgt die Nebenklage für eine Überraschung: Rechtsanwältin Elke Edelmann stellt einen Befangenheitsantrag gegen den sachverständigen Psychiater Dr. Wolfgang Kloß, der in seinem vorläufigen Gutachten die Hypothese aufstellt - und nach Ansicht der Eltern „absichtlich und voreingenommen durch Weglassen belastender Zeugenaussagen“ untermauert - dass die Messerstecherin im Affekt gehandelt haben könnte (die OP berichtete). Kloß erläutert: „Affekt kann man nicht ausschließen, eine abweichende Tathypothese drängte sich bislang nicht auf. Man muss das jedenfalls diskutieren“, sagt er.

Während des Prozesses befragt Kloß die Zeugen nach Details, nach ihrer Wahrnehmung der mutmaßlichen Täterin, um sein vorläufiges Gutachten zu vervollständigen, gegebenenfalls zu ändern.

Ein für das Strafmaß - Staatsanwalt Nicolai Wolf klagt nicht Mord, sondern Totschlag an - wichtiger Aspekt ist der Beziehungsstatus der Beschuldigten und des Ex-Freunds, dem Lebenspartner der getöteten Laura S. Der 25-Jährige bestreitet, dass die beiden ein Paar waren, es sei eine reine Sex-Beziehung gewesen. Die 27-Jährige, die offenbar ihre sexuelle Unschuld an den Wirtschaftsstudenten verlor, hat nach eigenen Angaben aber eine über Geschlechtsverkehr hinausgehendes Verhältnis mit ihm gepflegt. Dieser spricht hingegen von „Hysterie“, „Stalking“ und „tausenden Droh-Nachrichten“ seitens der Beschuldigten. Ungeklärt ist bislang das Gerücht, wonach die Angeklagte nach der Trennung ein Baby, mit dem sie von Laura S.‘ Lebenspartner schwanger gewesen sein soll, verloren hat.

Die OP erklärt den Unterschied zwischen Totschlag und Mord: Die Merkmale der Tötung sind entscheidend

Das Strafrecht geht von zwei Formen vorsätzlicher Tötung aus, es unterscheidet zwischen Mord (Paragraf 211 Strafgesetzbuch) und Totschlag (Paragraf 212 StGB). Gleich ist dabei, dass der vermeintliche Täter vorsätzlich und somit willentlich den Tod eines anderen Menschen herbeiführt. Bei Mord sieht das Gesetz eine lebenslange Freiheitsstrafe vor. Bei Totschlag droht eine Freiheitsstrafe von mindestens fünf bis zu 15 Jahren.

Im Unterschied zum Totschlag müssen besonders verwerfliche Begleitumstände vorliegen, um von Mord ausgehen zu können. Juristen nennen diese Mordmerkmale. Die OP erklärt diese.

  • Die Begehungsweise: a) Heimtücke: Zu ihr gehört die Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers. Danach handelt heimtückisch, wer die Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers in feindlicher Willensrichtung bewusst zur Tötung ausnutzt. Entscheidend dabei ist die Arglosigkeit des Opfers, das nicht mit einem Angriff rechnet und dadurch gehindert ist, sich gegen den Angriff auf sein Leben zur Wehr zu setzen. b) Grausamkeit: Dieses Mordmerkmal ist durch eine besonders gefühllose und unbarmherzige Gesinnung des Täters gekennzeichnet, wobei dem Opfer durch die Tötungshandlung besonders schwere Qualen und Schmerzen zugefügt werden. Kindstötung durch Verdursten ist so ein Beispiel.  c) Gemeingefährliche Mittel: Wird zur Tötung ein Mittel verwendet, das bei der Tötungshandlung andere Menschen an der Gesundheit oder am Leben schädigen kann, spricht man von gemeingefährlichen Mitteln. Beispiel: Steinewürfe von Autobahnbrücken, wenn starker Verkehr herrscht.
  • Das besondere Tatmotiv: a) Niedriger Beweggrund: Dieser liegt vor, wenn das Motiv “nach allgemeiner sittlicher Wertung auf tiefster Stufe steht und deshalb besonders verachtenswert ist“. b) Habgier: Habgier liegt vor, wenn der Täter in der Annahme tötet, dass sich sein Vermögen mittelbar oder unmittelbar durch die Tötung eines anderen vermehrt. Charakteristisch ist also das Streben nach einem Gewinn, das der Tat als Handlungsmotiv zu Grunde liegen muss. c) Mordlust: Wenn für die Tötung die Freude daran maßgeblich ist, wird von Mordlust ausgegangen. Es gibt keinen anderen Anlass, kein Bezug zum Opfer als eben nur den Bezug zur „Freude am Töten“.  d) Befriedigung des Geschlechtertriebs: Das ist gegeben, wenn sich zum Zeitpunkt der Tötung ein Täter von sexuellen Motiven leiten lässt.
  • Die Absicht des Täters: a) Verdeckungsmotiv: Das liegt der Tötung zu Grunde, wenn das Opfer getötet wird, damit es später keine Angaben über die Tatbegehung eines anderen Verbrechens machen kann. Etwa bei einem Banküberfall, bei dem die Bankangestellte das Gesicht des Täters unter der weggerutschten Maske erkennen konnte und deshalb getötet wird. b) Ermöglichung einer Straftat: Hier tötet der Täter, um eine andere Straftat begehen zu können. Dabei reicht es aus, dass der Täter annimmt, durch die Tötung die andere Straftat schneller, leichter oder ungefährdet begehen zu können.

OP-Analyse zur Totschlags-Anklage der Südviertel-Messerstecherin:

Offenbar erkannte die Staatsanwaltschaft Marburg die Erfüllung eines der Mordmerkmale nicht an. Heimtücke, Arg- und Wehrlosigkeit sind nicht gegeben, weil es (so legen es die Aussagen der ersten Zeugen nah) vor dem ersten Messerstich noch zu einem Streit kam, die mutmaßliche Täterin nicht sofort nach Verlassen des Hauses, etwa aus dem Hinterhalt zustach oder das Opfer im Schlaf tötete. Ein niederer Beweggrund, das zweite in Frage kommende Merkmal, könnte von den Anklägern verneint worden sein, wenn die Angeklagte nicht vorranging die 29-Jährige, sondern deren Lebenspartner, ihren Ex-Freund angreifen wollte.

von Björn Wisker

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Bluttat im Südviertel
Die Angeklagte versteckt sich hinter einem Ordner und zwei Polizisten, als sie gestern den Gerichtssaal betritt. Anwalt Sascha Marks (rechts) verteidigt die 27-Jährige, die gestanden hat, die 29-jährige Laura S. getötet zu haben.

Während des Prozessauftakts vor dem Landgericht schilderten Zeugen die dramatischen Szenen der tödlichen Messer-Attacke im Südviertel im Frühjahr. Auch der Lebenspartner des Opfers, Ex-Freund der Angeklagten, sagte aus.

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