Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Messerstecher gesteht versuchten Mord

Prozess gegen psychisch kranken Marburger Messerstecher gesteht versuchten Mord

Wegen versuchten Mordes steht seit Donnerstag ein Marburger vor dem Landgericht. Der geständige Täter gilt Experten zufolge als schuldunfähig.

Voriger Artikel
Forscherin nutzt Filme, Zeitungen und Literatur
Nächster Artikel
„Ein politisches Instrument werden“

Rechtsanwalt Thomas Strecker (links) beobachtet, wie ein Justizvollzugsbeamter dem Angeklagten die Handschellen abnimmt.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. In einem Mehrparteienhaus am Richtsberg lauerte der Mann Mitte Juli vergangenen Jahres seinem Nachbarn im Treppenhaus auf – „um ihn heimtückisch zu töten“, so die Anklage. Mit einem langen Küchenmesser stach er dem überraschten Nachbarn brutal in den Bauch. Es folgte ein anhaltender Kampf, währenddessen der Angreifer seinem Opfer mindestens fünfmal in Bauch, Schulter und Rücken stach.

Erst drei durch laute Schreie, Kampflärm und Hilferufe alarmierte Nachbarn konnten die Männer schließlich voneinander trennen. Nur durch eine Notoperation wurde das Leben des Mannes gerettet. Vor Gericht gab der Täter sein Handeln unumwunden und offen zu: „Der Angriff war geplant, das Messer habe ich extra dafür gekauft.“

Der Hintergrund der Tat erschreckend: Sein Motiv erklärt der psychisch gestörte Täter mit einer prekären Lebenssituation, aus der er sich versuchte zu befreien – er wollte den Nachbarn töten, um eingesperrt zu werden. „Das war die einzige Möglichkeit, meine Situation zu verbessern.“

Monate vor der Tat verlor der Mann seine Arbeitsstelle, seine finanzielle wie soziale Situation verschlechterte sich zunehmend. Sein Ziel hat er erreicht – seit der Tat ist der Mann in der Psychiatrie in Haina untergebracht. Dort habe er das, was er dringend brauche – „drei Mahlzeiten am Tag und ein geordnetes Leben“, sagte der Angeklagte.

Der 47-Jährige leidet an einer sogenannten krankhaften seelischen Störung, die ärztliche Diagnose lautet auf paranoide Schizophrenie. Ob seines psychischen Zustandes gilt der Mann als schuldunfähig. Die Hauptverhandlung dreht sich daher nicht um ein bestimmtes Strafmaß, sondern allein darum, den als gefährlich geltenden Mann von Rechts wegen in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung unterzubringen. Dies befürwortet der Täter, ist sich seines Zustandes bewusst.  Reue oder Bedauern ob seines brutalen Mordversuches zeigte er dagegen nicht vor Gericht. Darüber hinaus geht er in einer scheinbar wahnhaften Vorstellung davon aus, dass sich sein Opfer quasi gezielt in das Messer stürzte.

„Er wollte sterben“, vermutet der Angreifer. Seiner Wahrnehmung nach wurde er zudem von dem Geschädigten sowie weiteren Nachbarn seit längerer Zeit massiv verleumdet, „psychisch traumatisiert“ und von der Gesellschaft als solches „entrechtet und entwürdigt“, erklärte der Angeklagte eine Art parallele Racheaktion mit scheinbar auch rassistischen Hintergründen an dem Nachbarn. „Ich habe ihm die Schuld daran gegeben“, erklärte der Täter ein weiteres Motiv.

  • Der Prozess wird fortgesetzt am Freitag, 22. Januar, ab 9 Uhr im Landgericht Marburg.

von Ina Tannert

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr