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Messerstecher-Motiv irritiert Juristen

Bandidos-Prozess Messerstecher-Motiv irritiert Juristen

Stiche in Bauch, Brust und Hals: Ein 23-jähriges Mitglied des Motorradklubs „Bandidos“ hat zwei Türsteher lebensgefährlich verletzt. Beim Landgerichtsprozess gibt es Zweifel an der Angeklagtenaussage zum Motiv für die Messerangriffe.

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Zweifacher versuchter Totschlag in der Oberstadt: Das 23-jährige Mitglied des Motorradklubs „Bandidos“ (links) studiert Betriebswirtschaft und wird von Rechtsanwalt Peter Thiel beraten.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Rache nach dem Rausschmiss: Weil er nach Angaben seiner Opfer (30, 35) zu betrunken war, sich nicht an die Regeln hielt, wurde der nun wegen zweifachen versuchten Totschlags angeklagte Wirtschaftsstudent von Sicherheitsleuten aus dem Desbarado verwiesen.

Rund 30 Minuten später kehrte der Betrunkene (den Ermittlungen zufolge mehr als zwei Promille Blutalkohol) von seiner nahegelegenen Wohnung zurück. Ab diesem Zeitpunkt war er nach eigenen Aussagen mit Klappmesser, Schlagstock sowie Reizgas bewaffnet – und hatte sich zu Hause die Kutte seines Motorradklubs „Bandidos“ angezogen. Der aus Halle/Saale stammende Mann stach nach einem knappen Wortwechsel erst auf einen Gemündener (30), dann mehrfach auf einen Weimarer (35) ein. „Aus mir spritzte sehr viel Blut, bis heute sind Teile meines Oberkörpers taub“, sagt der 35-Jährige.

Grund für die Messerattacke: „Mir blieb deren Aggressivität beim Rauswurf im Kopf. Ich war baff. Zwar rechnete ich nicht 100-prozentig mit Problemen, wenn ich nochmal dorthin gebe, aber aus Vorsicht nahm ich die Gegenstände mit. Ich wollte mich im Notfall verteidigen können“, sagt der Wirtschaftsstudent. „Dumm“ sei es gewesen, das Klappmesser griffbereit zu haben anstatt des Reizgases „Ich hätte das mildere Mittel nehmen sollen.“ Er habe aber „nie vorgehabt, jemanden zu verletzen oder gar zu töten“.

Staatsanwalt Nicolai Wolf äußert Zweifel an der Versehens-Version des Angeklagten. „Sie bewaffnen sich bis an die Zähne, kündigen 20 Minuten vorher an, was fast exakt so später passiert. Und das alles, weil sie glauben, dass nichts passiert“, sagt Wolf.

In SMS an Bandidos-Freunde wird Angriff angekündigt

Der Angeklagte entgegnet: Im Moment, als der 30-Jährige ihn gepackt und geschlagen habe, sei  er in „riesige Panik geraten“, habe dann das Messer aufgeklappt und „wild in Richtung des Türstehers gefuchtelt“. Die Sicherheitsleute schildern den Hergang anders. Demnach sei der 23-Jährige zu dem 30-Jährigen gegangen, habe ihn um ein Gespräch gebeten und ihn dann bedroht. „Er zeigte mir ein Emblem auf seiner Jacke, sagte, jetzt ficke er mich. Dann hörte ich etwas klacken und noch bevor ich merkte, dass er mich mit einem Messer getroffen hatte, führte ich ihn raus“, sagt der Familienvater.

Sein 35-jähriger Kollege kam zur Hilfe, doch das Bandidos-Mitglied stach ihn – wie er sagt gezielt – in Bauch, Brust und Hals. Dann überwältigten den Angreifer zwei weitere Tür­steher. Diese sagten vor Gericht zur Tat aber nichts aus – offenbar, weil sie fürchten sich selbst zu belasten. Indiz für die Misshandlung des Angeklagten durch die Sicherheitsleute? Polizisten berichten davon, dass der Student bei ihrem Eintreffen am Tatort „übel zugerichtet“ aussah, das Gesicht „völlig geschwollen“ war und „er einiges abbekommen“ habe – wohl jedoch erst nach seinen Messerattacken.

In einer Whatsapp-Gruppe der „Bandidos“ kündigte der Angreifer 20 Minuten vor dem Angriff die Tat an. Wortlaut der SMS, die von dem Vorsitzenden Richter Dr. Carsten Paul als Beweismittel verlesen wurde: „Ich steche die Assis ab.“ „Ich geh da jetzt wieder rein, mit Kutte, wenn was ist, mach ich die platt, ist mir egal, was passiert“.

„Das zu schreiben war dumm, unüberlegt und reine Profilierung. Ich wollte mich stärker machen, als ich bin“, sagt der Angeklagte. Angeblich habe er in den Klub zurück gewollt, um die Handynummer einer Frau, mit der er sich in der Nacht unterhielt, holen zu wollen. Diese Zeugin ist bis heute nicht gefunden worden. Richter Dr. Carsten Paul sowie Nebenklage-Anwalt Sascha Marks, verwiesen darauf, dass er auf besagte Frau „vor dem Klub, der wenige Minuten später geschlossen hätte, ein paar Minuten hätte warten können.“ Die Antwort des Angeklagten: „Das war keine Alternative.“

von Björn Wisker

 
Hintergrund
Motorradklubs werden von vielen Sicherheitsexperten als kriminelle Organisationen gesehen. Teilweise stehen sie unter Verfassungsschutz-Beobachtung. Die „Bandidos“ gelten als Hauptrivalen der „Hells Angels“, sollen bisweilen in Waffen-, Drogen- und Prostitutionsgeschäfte verwickelt sein. In Marburg gibt es den Klub „MC Gremium“.
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Angeklagter gesteht Messerattacke

Vorwurf des versuchten Totschlags: Ein 23-jähriger Wirtschaftsstudent steht seit Dienstag vor Gericht. Das Mitglied der Motorradklubs MC Bandidos hat am Vormittag gestanden, mit einem Messer vor einem Oberstadt-Klub zwei Türsteher lebensgefährlich verletzt zu haben - unabsichtlich.

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