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„Menschen mit Angst suchen Erklärungen“

Diskussion über Pegida „Menschen mit Angst suchen Erklärungen“

Über Ursprung und Lage der Pegida-Bewegung, politische und mediale Verantwortung sowie eine umfassendere Debatte über Zuwanderung diskutierten am Donnerstag drei Referenten mit den 140 Besuchern.

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Professor Ulrich Wagner (von links), Moderator Frank Simon, Dr. Bilal Farouk El-Zayat und Volkhart Mosler diskutierten auf dem Podium.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. „Pegida und Rassismus – woher kommt die Massenbewegung“ lautete das Thema des Vortragsabends, zu dem die Fachschaft des „Centrums für Nah- und Mittelost-Studien Marburg“ eingeladen hatte.

Den Ursprung der Bewegung und einer Ideologie, „welche die Flüchtlinge für die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage verantwortlich“ mache, sieht Sozialpsychologe Professor Ulrich Wagner in einer durch wachsende gesellschaftliche Unterschiede entstandenen „diffusen Angst vor Bedrohung und davor, von Einwanderern überschwemmt zu werden.

Und ob berechtigt oder nicht – Menschen mit Angst suchen nach Erklärungen“, betonte der Wissenschaftler. Je mehr Menschen verunsichert seien, desto eher springen sie nach Wagners Ansicht auf einen Zug wie Pegida auf. Hinzu kommen fehlender Kontakt und geringe Erfahrungen mit Mitbürgern mit Migrationshintergrund im Osten Deutschlands wie in Dresden, dem Schwerpunkt der Bewegung.

Man müsse weiterhin überlegen, wie mit dem gesellschaftlichen Problem umgegangen werden sollte und welche Handlungsempfehlungen aus dem aktuellen Wissenstand abzuleiten sind, sagte Wagner und stellte eine kurze Analyse des Positionspapiers des Pegida-Vereins vor. Dieses enthalte neben allgemein anerkannten politischen Bestrebungen ebenfalls eine „diffuse Ansammlung von nicht zusammenpassenden Äußerungen“.

Zusammenfassend sei augenscheinlich das Ziel, „dass irgendwie Recht und Ordnung bewahrt werden muss“, der Kern der Sache, so das Resümee des Sozialpsychologen. Wagner geht davon aus, dass die „sichtbare Bewegung“ mit der Zeit verschwinden wird, die Gedanken in den Köpfen der Menschen jedoch nicht, so die Befürchtung des Wissenschaftlers. Ähnlich sahen dies auch einige Zuhörer: „Die Gegen-Demos werden an dem festen Gedankengut nichts ändern“, sagte ein Diskussionsteilnehmer.

Massenbewegung oder „medial aufgebauscht“?

Die Ansichten der Pegida-Bewegung sieht Volkhart Mosler von den Frankfurter Linken „lieber in den Köpfen als auf der Straße“. Mittlerweile habe sich der Zulauf der Initiative verringert, die bisherige „Patt-Situation“ zwischen Pegida-Befürwortern und -Gegnern habe sich in jüngster Zeit in Richtung Anti-Pegida verschoben, lobte Mosler. Kritik äußerte der langjährige Antifaschist an der Bundesregierung, welche die Angst vor einer Islamisierung weiter „von oben“ antreiben würde.

Die Frage, ob Pegida wirklich als Massenbewegung betrachtet werden könne oder eher „medial aufgebauscht“ wurde, stellte Dr. Bilal Farouk El-Zayat, ehemaliger Vorsitzender der islamischen Gemeinde Marburg. Durch den vergangenen Medienrummel und eine unterschwellige Berichterstattung gingen andere wichtige Berichte über regelmäßige islamo­phobe Anschläge auf Moscheen in ganz Deutschland und Muslimgläubige allzu häufig verloren, kritisierte der Mediziner.
„Die Medien sollten sich ihrer Verantwortung stärker bewusst werden“, betonte El-Zayat. Ebenso die führende Politik, ergänzte Wagner. Die ganze Gesellschaft müsse aktiv werden und einen allgemeinen Konsens finden, wie mit Flüchtlingen und Zuwanderung umgegangen werden muss, und auch ihre Politiker „auf den fahrenden Zug setzen“.

Die positive Seite an der Pegida-Bewegung sei, dass die Politik gezwungen werde, Stellung zu beziehen. Die momentane Situation sieht Wagner als die beste Möglichkeit, endlich eine umfassende Debatte über Zuwanderung in Gang zu bringen, nicht nur über die Nützlichkeit von Flüchtlingen zu sprechen, sondern mit System zu klären, wie diese am besten menschenwürdig untergebracht werden können.

von Ina Tannert

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