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„Mensch Robert, werd‘ doch endlich wach“

Cannabis-Sucht „Mensch Robert, werd‘ doch endlich wach“

Er hat einen großen Teil seines Lebens im Kifferrausch verbracht. Er hat andere bestohlen, um seine Sucht zu finanzieren. Er kam ins Gefängnis. Ein Jahr auf Hof Fleckenbühl soll Robert Beilke helfen, sein Leben in den Griff zu kriegen.

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Robert Beilke hat die vergangenen sieben Jahre – mit kurzen Unterbrechungen – im Kifferrausch verbracht. Nun lebt der aus Rügen stammende 21-Jährige auf Hof Fleckenbühl in Schönstadt. Mindestens ein Jahr muss er dort bleiben und ein drogenfreies Leben führen – so hat das Gericht es angeordnet. Ansonsten droht eine Gefängnisstrafe. Seit gut vier Monaten ist Robert Beilke „clean“, doch fühlt er sich noch immer wie benebelt.

Quelle: Nadine Weigel

Schönstadt. Als der damals 14-jährige Robert Beilke vor rund sieben Jahren zum ersten Mal gekifft hat, sollte er nicht ahnen, dass dies irgendwann sein tägliches Ritual sein würde. „Mir ging’s danach einfach nur elend“, erinnert sich der heute 21-Jährige, „mein Kreislauf hat total abgebaut“. Doch Robert Beilke hat weitergekifft. „Gruppenzwang“, sagt er. „Ich hatte damals viele Kiffer-Freunde, die meisten waren viel älter als ich.“

Nach einigen Jahren wurde aus dem gelegentlichen Joint oder der Pfeife eine Sucht, die es stetig zu befriedigen galt. Und dafür war Robert Beilke auch irgendwann bereit, die Nachbarn und die eigenen Eltern zu bestehlen. Zuletzt brauchte er mehr als 20 Euro am Tag, um seine Sucht zu finanzieren. Er wurde zum Stammgast vor Gericht. Beschaffungskriminalität. In der Schule und daheim funktionierte es auch nicht mehr. „Vom Unterricht wurde ich sogar zeitweise suspendiert, weil ich einem Lehrer übel mitgespielt hatte.“ Robert Beilke redet langsam, manchmal wie in Zeitlupe. Er blickt zwischendurch ins Leere. Und sagt, er fühle sich „total aufgeregt“.

Seit inzwischen mehr als vier Monaten lebt und arbeitet der 21-Jährige in der Selbsthilfegemeinschaft auf Hof Fleckenbühl in Schönstadt. Ein Jahr lang muss er dort bleiben, wenn er nicht wieder ins Gefängnis will. So hat es das Gericht auf Rügen, wo Robert Beilke sein ganzes vorheriges Leben verbracht hat, entschieden. Das ganze weitere Leben ohne Rausch, oder auch nur einige weitere Stunden, Tage, Wochen, Monate ohne Rausch - der 21-Jährige muss noch lernen, sich das vorstellen zu können. „Das fällt schwer, wenn ich gekifft hatte, ging’s mir gut, dann war ich entspannt.“

„Wen stört denn dieses Canna(bischen)?“ So fragt das Netzwerk Suchthilfe Marburg-Biedenkopf, das in der kommenden Woche die Suchthilfetage mit dem Schwerpunktthema Cannabiskonsum organisiert (siehe Infokasten unten). Simone Söhrich, Leiterin der Sucht- und Drogenberatung beim Diakonischen Werk Oberhessen, nennt ein beliebtes Argument, das in der Auseinandersetzung mit Cannabis- und Marihuanakonsum häufig auf den Tisch kommt. „Was die Natur hervorbringt, das kann doch nicht so schädlich sein.“ Ein mitunter verhängnisvoller Irrtum. Auch heute gehöre Haschisch neben Alkohol und Tabak zu den am weitesten verbreiteten rauscherzeugenden Stoffen. Doch was steckt eigentlich drin? Simone Söhrich spricht von einem „chemischen Potpourri“ aus mehr als 420 verschiedenen Stoffen: allein etwa 60 verschiedene Cannabinoide, Kohlenwasserstoffe, Terpine, Steroide, Stickstoffverbindungen, Kohlenmonoxid, Ammoniak, Azeton, Benzol und weitere. Was bringt’s? Gute Gefühle von Gelassenheit, Leichtigkeit und Entspannung, „wie auf Knopfdruck“, sagt Simone Söhrich. Doch diese Wirkung ist nur vorübergehend, die Folgen können gravierend sein.

Zurück zu Robert Beilke. Der hochgewachsene, sportliche junge Mann mit den großen dunklen Augen und den vielen Sommersprossen wirkt ein bisschen schläfrig, wie er da auf dem Sofa im Gemeinschaftsraum von Hof Fleckenbühl sitzt, Apfelsaft einschenkt und nach und nach seine Geschichte erzählt. „Das bekomme ich oft zu hören: ,Mensch Robert, werd‘ doch endlich wach‘“, sagt er und berichtet von seiner Arbeit in der Küche. Frühes Aufstehen, die Tische eindecken, Käseplatten fertig machen, Kaffee kochen. „Ich kann mich schlecht konzentrieren, manchmal hab‘ ich schon nach drei Minuten wieder alles vergessen, was mir gesagt wurde. Es nervt mich voll, wenn ich dann wieder nachfragen muss.“

Die Welt um ihn herum durch einen Schleier betrachtet. Gleichgültig. So, als hätte das alles nicht so richtig viel mit ihm zu tun. Benebelt, so als würden die Rauschzustände der vergangenen Jahre noch lange nachwirken. Dann wieder aggressiv und schnell genervt, wenn nicht alles gleich klappt. Ein bisschen so, wie bei einem Kind. „Ich muss da viel nachholen, hat man mir gesagt.“

Die Jahre zurückdrehen und alles anders machen, wenn man das könnte. Dr. Hans Dlabal, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und stellvertretender Klinikdirektor der Vitos-Klinik, sagt: „In der Phase des Erwachsenwerdens bis Mitte 20 sind die Umbauprozesse im Gehirn gravierend. Wenn Kinder und Jugendliche in den Konsum einsteigen, hat dies große Konsequenzen. Es bestimmt, wie jemand im Erwachsenenalter unterwegs sein wird. Tierversuche zeugen von erheblichen Langzeitfolgen wie etwa Gedächtnisstörungen. Wer mit 12 oder 13 Jahren mit dem Cannabis-Konsum anfängt, kann auch als Erwachsener noch wie ein pubertierendes Kind wirken.“

Das Kinder- und Jugendalter hat Robert Beilke hinter sich gelassen. An seinen großen Traum kann er sich noch erinnern. „Ich wollte immer Profi-Fußballer werden - daraus wird jetzt nichts mehr.“ Doch das Fußballspielen hat er nicht aufgegeben. „Ich war immer dabei, auf Rügen auch im Verein, und hier will ich mir auch wieder eine Mannschaft suchen.“ Ein bisschen kicken, das hilft auch, wenn Suchtzustände über ihn kommen. „Dann hole ich mir einen Ball und gehe raus. Oder ich nehme mir ein Buch und lese.“

Kicken gegen die Sucht, lesen gegen die Sucht - arbeiten und leben in Gemeinschaft gegen die Sucht. Bei manchen klappt’s. Bei Robert Beilke muss es jetzt klappen. Davon hängt ab, wie und wo er seine Zukunft verbringen wird. „Ins Gefängnis will ich nicht wieder“, sagt der 21-Jährige, der sich schaudernd an diese Zeit erinnert. „Ich bin im Knast 20 geworden“, erzählt er. Besonders die Wochen im geschlossenen Vollzug seien schlimm gewesen. „Jeder will da der Chef sein.“ Er wollte das nicht.

Suchtberaterin Simone Söhrich wirft einen kritischen Blick auf den Umgang mit der Droge Cannabis. „Wer die Diskussion immer nur um die Begriffe ,weiche Droge‘ oder ,Einstiegsdroge‘ kreisen lässt, wird der Komplexität dieser Thematik und erst recht nicht dem Risiko, das von ihr ausgeht, gerecht“, betont sie. Wenn der Rausch erst vorbei sei, so sei das THC (Cannabinoid Tetrahydrocannabinol) noch lange Zeit im Körper wirksam. „Es wird in den Fettzellen eingespeichert und erst nach und nach wieder in den Blutkreislauf abgegeben. Das bedeutet, der Körper, die Organe, stehen lange noch unter dem chemisch-neuronalen Einfluss, während der Konsument sich längst als stofffrei wähnt.“

Dass heute die Stärke des psychoaktiven Stoffs THC durch Neuzüchtungen teilweise hohen Schwankungen unterliegt, macht ihn noch risikoreicher, ganz zu schweigen von den vielfach synthetisch gestreckten Mischungen. Das verdeutlicht einer der Referenten der bevorstehenden Suchthilfe-tage, Dr. Ulrich Schu, geschäftsführender Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum. In der Suchtkrankenhilfe suchten zunehmend Menschen Unterstützung, die für sich ein Problem mit Cannabis feststellen. Davon steige auch die Anzahl derer, die eine durch Drogen ausgelöste Psychose erleiden. Höhere THC-Konzentrationen, minderwertiges, synthetisches Streckmaterial könnten für einen „neuronalen Supergau“ sorgen, vor allem, wenn es für psychiatrische Erkrankungen bereits familiäre Vorbelastungen gibt. Ulrich Schu spricht von Psychosen, Depressionen, Ängsten und Schizophrenien, die mitunter schon durch gelegentlichen Konsum ausgelöst werden könnten.

Psychische und körperliche Einschränkungen durchs langjährige Kifferleben? „Nö, eigentlich hab‘ ich das nicht“, sagt Robert Beilke. Abgesehen von der Müdigkeit und den Konzentrationsstörungen fühlt er sich einigermaßen fit. Auf Hof Fleckenbühl beweist er sich als aufmerksamer Gastgeber, der beim Pressetermin ganz souverän übers Gelände führt, die Bibliothek zeigt, sein Zimmer, der anschaulich über die Lebensgewohnheiten und Regeln berichtet. „Einen eigenen Fernseher auf dem Zimmer - das darf man hier erst nach fünf Jahren. Wir schauen sonst zusammen Tatort und Sportschau.“

Mit einer geschmeidigen Bewegung zieht er sich auf sein Hochbett in dem Sechserzimmer, dass er zurzeit mit drei Stubenkollegen auf Fleckenbühl bewohnt. Der 21-Jährige entschuldigt sich für die Hose, die dort ordentlich zusammengefaltet auf der Bettkante liegt. Er lässt die Beine baumeln. Wie die Zukunft aussehen soll? Robert Beilke weiß das nicht. „Mein ganzes Leben hier zu bleiben, das kann ich mir nicht vorstellen, dafür bin ich zu jung. Aber wie es da draußen aussehen würde? Es wäre schwer, eine Arbeit zu finden - vermutlich würde ich schnell wieder rückfällig werden“, befürchtet der 21-Jährige, den der Wunsch nach Entspannung und Losgelöst-sein in die Sucht getrieben hat. „Das hat geholfen. Als Kind habe ich die Diagnose ADHS bekommen (Anmerkung der Redaktion: Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktiv-Störung). Ich wurde mit Ritalin behandelt, aber das hat nicht gewirkt bei mir.“ Das Kiffen hat gewirkt. Und es wirkt nach. „Vielleicht sollte ich fünf bis sechs Jahre hierbleiben, um die Zeit nachzuholen“, überlegt Robert Beilke und blickt versonnen in den großen Raum, der vor ihm liegt.

Programm der Suchthilfetage: Montag, 7. Oktober, ab 19 Uhr im Haus des Gastes Gladenbach: Vortrag „Am Morgen ein Joint und der Tag ist Dein Freund?“ Cannabis – Bedeutung, Wirkungen, Risiken; Fahrrad-Trial-Show und „Legal Highs“; im Foyer: Infostände sowie Wanderausstellung „Drogenmachtweltschmerz“. Dienstag, 8. Oktober, 11 Uhr, Filmvorführung für Schulen im Cineplex in Marburg, „Lauf um Dein Leben“ – Vom Junkie zum Ironman, Anmeldung erforderlich unter: E-Mail: schulkino-marburg@cineplex.de, Telefon: 06421/17300. Mittwoch, 9. Oktober, Landratsamt in Marburg, „Wen stört denn dieses Canna(bischen)? Cannabiskonsum zwischen Spaß und Abhängigkeit“, von 13 bis 16.45 Uhr, Vorträge: (13.45 bis 14.45 Uhr) „Auf dem Wege zur Volksdroge? Cannabis in Geschichte und Gegenwart“; (15.15 bis 16 Uhr) „Cannabis: mehr als eine Einstiegsdroge“; (16 bis 16.45 Uhr) „Psychosoziale Folgen / Behandlungsmöglichkeiten bei Cannabis“; ab 12.30 Uhr begleitend zu der Veranstaltung: Markt der Möglichkeiten, Foyer des Landratsamtes mit „Die Fleckenbühler“, Juice Box, Selbsthilfegruppen, Vitos-Klinik, Beratungsstellen, Sucht-AG, Wanderausstellung „Drogenmachtweltschmerz“. Donnerstag, 10. Oktober, Rathaus in Stadtallendorf, Sitzungssaal 1, 15 bis 17 Uhr: Podiumsdiskussion „Alkoholkonsum im öffentlichen Raum“. Die Suchthilfetage sind eine öffentliche Veranstaltung, an der alle Interessierten kostenlos teilnehmen können.

von Carina Becker

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