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„Meilensteine“ in der Krebsmedizin

Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum „Meilensteine“ in der Krebsmedizin

Parallel zu der für Herbst vorgesehenen Eröffnung des Ionenstrahl-Therapiezentrums kann das UKGM einen hochmodernen Teilchenbeschleuniger für die Bestrahlung mit herkömmlichen Wasserstoffionen in Betrieb nehmen.

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Professor Jochen A. Werner (links) und Professorin Rita Engenhart-Cabillic besichtigen den neuen und hochmodernen Teilchenbeschleuniger.

Quelle: Till Conrad

Marburg. In der vergangenen Woche wurde der neue Hochpräzisions-Protonen-Beschleuniger in den eigens gebauten Behandlungsraum eingesetzt. Jetzt wird die Technik eingebaut, eingerichtet und abgenommen. Vermutlich ab Oktober kann das Bestrahlungsgerät für die Behandlung von Patienten eingesetzt werden.

Mit Hilfe dieses Gerätes können alle nach dem neuesten technischen Stand möglichen Protonen-Bestrahlungstechniken angewandt werden. In dem neuen Beschleuniger befindet sich ein integrierter Computertomograph, der vor der Bestrahlung Bilder liefert – der Arzt kann also direkt vor der Bestrahlung kontrollieren, ob der gewünschte, oft nur wenige Zentimeter große Bereich im Körper tatsächlich bestrahlt wird oder ob nachjustiert werden muss. Die Liegezeiten unter dem Behandlungsstrahl können so reduziert werden, sagt Professorin Rita Engenhart-Cabillic, die Direktorin der Klinik für Strahlentherapie. Die Behandlung werde präziser und zugleich schonender.

Wie wichtig die Möglichkeit ist, den Strahl während der Behandlung nachzujustieren, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass sich die Organe des Menschen auch im Liegen bewegen: die Magenfüllung verändert sich, der Darm arbeitet. Bei der Prostata des Mannes sind Bewegungen von bis zu 1,5 Zentimetern während einer Bestrahlung Normalität – der ursprünglich genau eingestellte Strahl kann also in einem solchen Fall Gewebe bestrahlen, das eigentlich gar nicht bestrahlt werden soll, wenn nicht nachjustiert wird.

Schnellere und intensivere Behandlung möglich

Zusätzlich ist das Gerät in der Lage, Lungentumore nur einer bestimmten Atemphase zu bestrahlen, um so die bestrahlten Areale zu verringern und damit die Lunge besser zu schonen. Diese höchste Präzision bei der Bestrahlung ist auch eine wesentliche Voraussetzung für eine Form der Strahlentherapie, die Professor Engenhart-Cabillic mitentwickelt hat: die Radiochirurgie.

Dabei werden Tumore in einer einzigen Sitzung einer sehr hohen Strahlendosis ausgesetzt und so zerstört. Dieses Verfahren wird beispielsweise bei Hirn- oder Lungentumoren angewandt. Der neue Beschleuniger kann nun in erheblich kürzerer Zeit hohe Einzeldosen verabreichen, um so die Liegezeiten des Patienten auf dem Behandlungstisch während der Radiochirurgie zu minimieren. Der neue Teilchenbeschleuniger hat 4,5 Millionen Euro gekostet.

Im Marburger Ionenstrahltherapiezentrum, das nach jahrelangem Gezerre im Oktober eröffnet werden soll, sollen klinische Studien belegen, ob die (bislang nur in Heidelberg und dann auch in Marburg mögliche) Bestrahlung mit Kohlenstoffionen einen höheren Behandlungserfolg gegenüber der gängigen Bestrahlung mit Wasserstoffionen hat. „Und dazu“, so Professorin Engenhart-Cabillic, „muss man natürlich jeweils die neueste Technik miteinander vergleichen – sonst vergleicht man Äpfel mit Birnen“.

Für Professor Jochen A. Werner, den ärztlichen Direktor des Universitätsklinikums Gießen und Marburg GmbH, sind der neue Teilchenbeschleuniger wie auch die Inbetriebnahme des Marburger Ionenstrahltherapiezentrums (MIT) Meilensteine im weiteren Weg des UKGM zum onkologischen Spitzenzentrum der Deutschen Krebshilfe.

von Till Conrad

 
Hintergrund
Als Keimzelle der Marburger Krebsmedizin und vor allem der Krebsforschung gilt das Institut für Molekularbiologie und Tumorforschung (IMT), 1988 vom Fachbereich Medizin und maßgeblich vom späteren Universitätspräsidenten Professor Horst Franz Kern mit Unterstützung der Dr.-Mildred-Scheel- und der Kempkes-Stiftung sowie der Behringwerke gegründet.
Das IMT fand seine Weiterentwicklung in dem Zentrum für Tumor und Immunbiologie (ZTI). Eine weitere wichtige Säule der Krebsmedizin ist das von Professor Dr. Andreas Neubauer im Jahre 2005 gegründete und gemeinsam mit der Rhön AG finanzierte Carreras‑Leukämie-Zentrum. Im gleichen Jahr wurde das Comprehensive Cancer Center Marburg (CCC) gegründet.
In Würdigung mehrerer hoher Spenden für die Krebsforschung durch Professor Reinfried Pohl wurde dieses Zentrum im Jahre 2011 in das Anneliese‑Pohl-Krebszentrum, CCC Marburg, umbenannt. Zwischenzeitlich ebenfalls sehr etabliert ist das in Marburg einzigartige Curriculum für Krebsmedizin in der medizinischen Lehre.
 

Neue Perspektiven werden sichtbar

Zwei Zahlen, die andeuten, welche Bedeutung die Entwicklungen an der Marburger Krebsmedizin für die Patienten haben: Immerhin 60 Prozent aller Krebspatienten werden heutzutage geheilt. Und etwa zwei Drittel aller Krebspatienten erhalten eine Strahlentherapie.

Die bevorstehende Eröffnung des Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrums (MIT) – von vielen nach dem „Aus“ des eigentlich vorgesehenen Partikeltherapiezentrums und dem jahrelangen Gezerre zwischen Rhön AG, der Hessischen Landesregierung, dem Fachbereich Medizin der Philipps-Universität, der Siemens AG und weiteren Mitspielern schon gar nicht mehr für möglich gehalten – ist deswegen ein Meilenstein für die Krebsmedizin in Marburg. Nicht, weil durch die neue Behandlungsmethode alle Krebsarten behandelt und geheilt werden können.

Auch nicht, weil die höhere Wirksamkeit der Protonen-Bestrahlung in allen Fällen nachgewiesen ist. Sondern weil sich schon jetzt zeigt, dass das MIT ausstrahlt: Im ersten Schritt investiert das UKGM 4,5 Millionen Euro in einen hochmodernen Photonen-Beschleuniger der neuesten Generation, der allein schon für sich genommen Fortschritte in der Behandlung krebserkrankter Patienten garantiert.

Die Krebsmedizin in Marburg wird davon weiter profitieren. Viel spricht dafür, vorhandene Forschungskapazitäten auf diesem Gebiet zu konzentrieren, auch Drittmittel anzuwerben. Marburg als ein Kraftzentrum der nationalen und internationalen Krebsforschung – ein solches Attribut stünde dem Standort gut zu Gesicht.

von Till Conrad

 
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Im Gespräch mit der OP skizziert der Ärztliche Geschäftsführer des UKGM Professor Dr. Jochen A. Werner die Perspektiven der Krebsmedizin in Marburg.

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