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„Mehr als nur ein paar braune Flecken“

Nazivergangenheit von Kreispolitikern „Mehr als nur ein paar braune Flecken“

„Ich habe selten beim Schreiben so einen Druck verspürt, nur nichts falsch zu machen“, gestand Professor Hubert Kleinert bei der Vorstellung seiner Studie über die NS-Vergangenheit von Kreispolitikern.

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Professor Hubert Kleinert (rechts) übergibt die fertige Studie an Landrat Robert Fischbach (links) und den Kreistagsvorsitzenden Detlef Ruffert.

Quelle: Michael Agricola

Marburg. Denn am Ende der Archivarbeit, die er gemeinsam mit seinen Studierenden über zwei Semester absolviert hatte, stand eine doch überraschend hohe Zahl von Menschen, die einerseits die Nachkriegspolitik in den Kreisen Marburg und Biedenkopf geprägt und sich dabei vorwiegend ehrenamtlich engagiert hatten. Die andererseits vor dem Kriegsende auch als Mitglieder von NSDAP und ähnlichen Nazi-Organisationen aber eine oft ungeklärte Rolle im Nazi-Reich gespielt hatten.

Kleinert warnte vor allzu schnellen Schlüssen, weil heute noch bestehende Akten und Mitgliedskarteien immer nur einen Teil der Wahrheit darstellten. Als betroffen gilt in der Studie, wer nachweislich Mitglied in der NSDAP, der SS oder SA oder ihren Unterorganisationen war. Da die Aktenlage insofern unbefriedigend, weil nicht vollständig ist, kann es sein, dass nicht alle Kommunalpolitiker mit Nazi-Vergangenheit in der Studie ermittelt werden konnten.

„Es gibt eher noch mehrals weniger Betroffene“

Für alle, die in der Studie als Betroffene genannt werden, gebe es hingegen klare Beweise, so Kleinert. Diese sagen oft aber nicht viel über die Motivation aus, warum sich jemand für den Eintritt in die NSDAP, die SS oder SA entschieden hatte und welche Rolle er dort wirklich inne hatte. Die Gießener Forschergruppe stellte in der Studie deshalb auch einige Fälle ausführlicher vor und bietet darüber hinaus auch Informationen zur geschichtlichen Einordnung.

Am Beispiel des Biedenkopfer Landrats Friedrich Bachmann (1946-58) und seines Marburger Kollegen August Eckel (1945-66) machte Kleinert die schwierige Bewertung der Aktenlage deutlich.

Der preußische Beamte Bachmann war 1933 in die NSDAP und die SA eingetreten und hatte als Regierungspräsident in Erfurt, Schneidemühl und Liegnitz in der Nazizeit durchaus Karriere gemacht. Seine Angaben im Entnazifizierungsverfahren zeigen dagegen zunehmende Konflikte mit Nazi-Funktionären, auch wenn sie zum Teil angezweifelt werden könnten. Nach dem Attentat auf Hitler wurde er jedoch verhaftet, in den Ruhestand versetzt und als politisch unzuverlässig eingestuft. Thematisiert wurde das in seiner Zeit als Landrat aber offenbar nie, weder von ihm noch von anderen, so Kleinert.

Der Fall von August Eckel erscheint noch unklarer. Der Lehrer galt nach seinem Lebenslauf als klarer Gegner des Regimes und wurde als SPD-Mann 1933 in Schutzhaft genommen und als Lehrer entlassen. Auch wenn - oder weil er sich anschließend mit anderen Jobs über Wasser halten musste, trat er im Juli 1940 in die NSDAP ein.

Möglicherweise, so Kleinert, weil er sich damit eine Wiederanstellung erhoffte. 1943 wurde er tatsächlich als Handelslehrer wieder beschäftigt, nach dem Hitlerattentat 1944 aber entlassen und sechs Wochen im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert. Eckel verschwieg die NSDAP-Mitgliedschaft nach dem Krieg und, so sagt Kleinert, auch seine Verwandten wussten offenbar nichts davon.

Auch ein heimischer Bundestagsabgeordneter, der bisher in diesem Zusammenhang noch nicht überprüft worden war, kam durch seine Zeit im Kreistag in den Fokus der Studie. Dr. Ludwig Preiß aus Leidenhofen saß vom ersten Bundestag 1949 an bis 1961 im Parlament in Bonn, und dann noch einmal von 1964 bis 1972. In dieser Zeit gehörte er verschiedenen Fraktionen an: unter anderem der FDP, der Freien Volkspartei, der Deutschen Partei und der CDU.

Vor dem Krieg war er gleich mehreren NS-Organisationen beigetreten: 1933 dem studentischen SA-Sturm, 1935 der SS, 1937 der NSDAP, außerdem gehörte er dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund an. Nach dem Krieg wurde er jedoch als Mitläufer eingestuft.

Bis in 60er Jahre ein hoher Anteil an Ex-NSDAPlern

Von den 104 untersuchten Fällen ist der Dautpher Dr. Erich Nassauer offenbar derjenige, der sich am frühesten den Nazis zuwendete. 1928, noch als Schüler, in die NSDAP eingetreten, erhielt er den Titel „alter Kämpfer“, brachte es zum Obertruppführer im SA-Sturm und machte als Jurist Karriere. Zwar gab es Hinweise auf eine „tiefe Verwurzelung im Nationalsozialismus“, doch das Verfahren (1948) und viele Entlastungszeugen führten dazu, dass das Verfahren unter Anwendung der Heimkehrer-Amnestie eingestellt wurde.

„Bedrückend“ nannte Professor Kleinert den insgesamt hohen Anteil an früheren NSDAP-Mitgliedern in den beiden Kreistagen vor allem bis Ende der sechziger Jahre. Es zeigt sich hier auch ein deutlicher Unterschied zwischen Marburg und Biedenkopf. Während der Anteil im größeren Marburger Kreistag zwischen 1956 und 1964 bei etwa einem Viertel lag, waren es in Biedenkopf zwischen 1952 und 1964 jeweils etwa die Hälfte aller Kreistagsabgeordneten.

Bei den Kreisausschüssen sieht das Bild ähnlich aus. Erstaunlich hoch der Spitzenwert in Biedenkopf von 1952 bis 1956: Von sieben Kreisausschussmitgliedern hatten damals fünf eine NSDAP-Vergangenheit (71,5 Prozent). In Marburg lag der Höchstwert bei 43 Prozent oder 3 von 7 Mitgliedern (ebenfalls in den 50er Jahren).

Nach der Gebietsreform 1974 nimmt dieser Anteil natürlich deutlich ab, allerdings saß noch bis 1997 in Heinz Kunze ein früheres NSDAP-Mitglied im Kreistag bzw. dem Kreisausschuss. Bei den drei Landräten, die vor 1928 geboren sind - Bachmann, Eckel und Siegfried Sorge, gibt es nur über letzteren keine einschlägigen Erkenntnisse.

Zusammengefasst sind rund 35 Prozent der Abgeordneten, die nach 1945 in den Kreistagen der Altkreise Marburg und Biedenkopf saßen, im Dritten Reich Mitglied in der NSDAP oder einer gleichgelagerten Naziorganisation gewesen. Damit übertreffen die Ergebnisse aus den heimischen Kreisparlamenten auch deutlich die für den Hessischen Landtag ermittelten (22 Prozent). Die Parteizugehörigkeiten sind übrigens sehr gemischt: In der CDU waren 37,1 Prozent aller Funktionsträger belastet, in der SPD 16,5. FDP (und Abspaltungen): 40 Prozent, FWG (und ähnliche): 36 Prozent.

Da in den Kreistagen seit jeher auch viele Bürgermeister saßen, sind auf diesem Wege auch eine Reihe von Bürgermeistern auf ihre Vergangenheit durchleuchtet worden. Der Gladenbacher Bürgermeister Karl Waldschmidt zum Beispiel war nicht nur bereits vor der Machtergreifung der Nazis 1932 in die Partei eingetreten, es gibt auch einen Musterungszettel der SS, der zeigt, dass Waldschmidt für die Geheime Staatspolizei (Gestapo) vorgesehen war. Daraus lässt sich gleichwohl nicht automatisch ableiten, dass er für diese Organisationen tätig wurde.

Der Landkreis bietet die komplette Studie auf seiner Homepage ( www.marburg-biedenkopf.de) unter dem Menüpunkt Politik auch zum Lesen oder zum Download an.

von Michael Agricola

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