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Mehr als nur Schlagen und Treten

Abenteuer Sport: Kickboxen Mehr als nur Schlagen und Treten

Kickboxen hat ein Imageproblem - es gilt als Sport der bösen Buben, als brutal und aggressiv. Das sieht Bruno Newel, Trainer und Vorsitzender des Vereins für Kampfkunst (VFK) in Marburg ganz anders.

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 OP-Mitarbeiterin Heike Döhn absolvierte ein Kickboxtraining beim Verein für Kampfkünste (VFK) Marburg.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. „Kickboxen wird in manchen Kreisen missbraucht, daher der schlechte Ruf - ich bemühe mich schon seit 30 Jahren, dagegen anzugehen“, sagt Bruno Newel. Er hat den fünften Dan im Taekwondo und den sechsten im Kickboxen - ein Dan steht für einen Meistergrad. „Beim Kickboxen geht es um Schnelligkeit, Reflexe, Energie - und auch um Reife und Verantwortung“, sagt er. Was das heißt, das möchte ich mir in einer Trainingsstunde anschauen.

Newel unterrichtet Taekwondo und Kickboxen gleichzeitig, und das kommt nicht von ungefähr: Die Tritte im Kickboxen kommen aus dem Taekwondo und werden mit Schlägen kombiniert, wie sie im Boxen eingesetzt werden. „Im Taekwondo gibt es extrem gefährliche Schläge und keine Regeln, Kickboxen ist ein stark reglementierter Wettkampfsport“, erklärt er. „Außerdem benötigt man für Taekwondo eine gewisse geistige Reife, die gerade beim Kickboxen wichtig ist, um Missbrauch vorzubeugen.“

Disziplin ist wichtig für das Training

Ein wichtiges Instrument dazu ist die Disziplin: So umgänglich der Trainer im Gespräch ist, so streng ist er im Training. Kommandos kommen schnell und fordernd, Trödelei, Zuspätkommen oder Dazwischenreden werden sofort geahndet. Wer quatscht, macht zehn Liegestütze. Und wer Bruno Newel so wie ich im Internet gegoogelt und auf Youtube gesehen hat, wie er mit der Hand Steine entzweischlägt, der gibt ohnehin keine Widerworte. „Hier in der Halle muss ich der Chef sein“, betont Newel, „außerhalb bin ich der Kumpel.“ 80 Mitglieder hat der Verein derzeit, 15 tragen den schwarzen Gürtel, darunter auch viele Frauen - ein weiteres Argument dagegen, dass diese Kampfkunst nur etwas für harte Männer sei.

Sonderlich sportlich wirkt der stämmige Trainer auf den ersten Blick nicht, aber schon beim Aufwärmtraining spürt man die Leichtigkeit seiner Bewegungen. Seine Schüler - Jugendliche und Erwachsene - lässt er beim Aufwärmen tüchtig Schwitzen. Schlappmachen gilt nicht. An verschiedenen Stationen müssen sie dann Tritte und Schläge üben, möglichst viele hintereinander, präzise und hart. Dabei gehen die Tritte und Hiebe in Polster, die ein Partner halten muss.

Es heißt: Nerven bewahren

Was für eine Präzision und welche Konzentration dabei nötig sind, merke ich, als mich der Meister persönlich ein paar Tritt- und Schlagtechniken ausprobieren lässt. Dabei gilt es schon, die Nerven zu bewahren, wenn Newel die Tritte demonstriert, denn sein mit enormer Schnelligkeit und Wucht geführter Fuß stoppt gefühlt etwa einen Millimeter vor meinem Gesicht. Ich erinnere mich daran, dass der Mann das seit Jahrzehnten macht und daher sicherlich die Entfernung abzuschätzen weiß - und es gelingt mir, nicht zurückzuweichen - naja, kaum zurückzuweichen.

Jetzt muss ich selbst ran. Das Standbein fest, das andere Bein auf Hüfthöhe, ganz gerade, Fußhaltung korrigieren, einatmen, konzentrieren, bei Tritt ausatmen - und mit heftigem Schnauben gegen das Polster treten. Und wieder, und nochmal. Und jetzt das Bein im Halbkreis am Mann vorbei, von oben auf Kopfhöhe zutreten.

Jetzt macht sich mein regelmäßiges Yogatraining bemerkbar, sonst hätte ich sicher noch größere Probleme, das Bein so hoch über dem Kopf gestreckt zu halten. Dass ich dabei eigentlich auch noch den Körper mit den Fäusten decken soll, vergesse ich immer wieder.

Dann zuschlagen, gerade, mit festem Handgelenk, die Energie auf den Punkt konzentriert. Erstaunlich, wie viel Spaß das macht - man fühlt förmlich, wie das Adrenalin sich sammelt und mit den Schlägen herausfließt. Tatsächlich kann ich so richtig Dampf ablassen, ohne wild draufloszuschlagen.

Vorurteile werden abgebaut

Ein spezielles Polster hat einen Zähler, an dem man die bei einem Schlag oder Tritt freigesetzte Energie in Joule ablesen kann. „42 Joule wäre die Energie einer Waffe mit Kaliber 22“, erklärt Newel. Manche seiner Jungs schaffen 60. Wenn man diese Energie wirklich gegen einen Menschen einsetzen würde, würde ein Schädel brechen - kein Wunder, dass diese Sportart manch einem Angst macht. Ich schaffe mit meinem allerbesten Hieb knapp 30 Joule, den Schlag spüre ich aber noch am nächsten Morgen im Hinterkopf.

Aber es macht Spaß, tatsächlich. Nach kürzester Zeit fühle ich mich leer und energiegeladen zugleich, und bin ein bisschen stolz, dass ein paar Tritte ganz gut angekommen sind.

„Meine Schüler sollen sich ihrer Energie bewusst werden und lernen, die damit einhergehende Verantwortung zu übernehmen“, sagt der Kickbox-Meister. Aggressionen loswerden statt draufloszuhauen - das macht Sinn. Und ich verlasse die Trainingsstunde mit ein paar Vorurteilen weniger.

von Heike Döhn

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Von Redakteur Katharina Kaufmann

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