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Mehr als ein „Babyblues“

Postpartale Depressionen Mehr als ein „Babyblues“

Es ist ein Thema, über das kaum jemand spricht: Depressionen. Betrifft es Frauen nach der Geburt ihres Kindes, wird es häufig verschwiegen - von der Familie oder den Müttern selbst. Zwei Betroffene brechen ihr Schweigen.

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Postpartale Depressionen treffen fast jede zehnte Mutter nach der Geburt eines Kindes.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Katharina Müller (Name von der Redaktion geändert) sitzt am Tisch und pellt ­eine Mandarine für ihren zweijährigen Sohn Felix. Sie trägt ein modisches Kleid, dazu eine passende Strumpfhose und Stiefel. Die langen Haare sind ordentlich nach hinten gekämmt und fallen ihr in die Stirn, wann immer sie zu ihrem Sohn hinunter lächelt, der neben ihr auf einem Kinderstuhl sitzt. Als er zurücklächelt, streichelt sie ihm durchs Haar. Nichts deutet darauf hin, was Katharina vor wenigen Jahren durchgemacht, durch welche Hölle sie gegangen ist, als ihr zweites Kind, Felix‘ großer Bruder Tobias, zur Welt gekommen ist.

„Mein Mann und ich hatten uns schon länger ein zweites Kind gewünscht“, berichtet die ausgebildete Kinder- und Jugendpsychotherapeutin aus Marburg. „Ich hatte dann drei Fehlgeburten. Als ich zum vierten Mal schwanger war, hatte­ ich ständig Angst, dass etwas schiefgehen könnte.“

Es geht gut: Tobias kommt ­gesund zur Welt. Erleichterung stellt sich bei der jungen Mutter jedoch nicht ein. Im Gegenteil: Neben der Anstrengung, die die Pflege eines Säuglings mit sich bringt, wächst die Sorge um ihr erstes Kind, Tobias. „Wir hatten immer das Gefühl, dass etwas mit ihm nicht stimmt, aber niemand hat uns geglaubt.“ Erst sechs Jahre später wird bei Tobias eine geistige Behinderung diagnostiziert.

„Nach außen hin hat das keiner gemerkt“

So lange lebt Katharina in ständiger Sorge. Über das Baby kann sie sich nicht freuen. Ihre­ Gedanken beginnen zu kreisen. „Ich habe permanent darüber gegrübelt, wie ich mich und meine Kinder töten könnte. Aus dem Fenster springen, den Gasherd aufdrehen. Ich wollte meine Kinder umbringen“, sagt sie.

Drei Monate vergehen, ohne dass Katharina ein Wort darüber verliert, wie es ihr eigentlich geht. Selbst ihrem Mann sagt sie nichts. „Wie hätte ich ihm denn sagen sollen, dass ich unsere Kinder umbringen will? Der hätte mich verlassen.“

Schließlich vertraut sie sich ihrer Hausärztin an. Diese drückt ihr daraufhin eine Liste mit Psychologen in Marburg in die Hand. „Völlig illusorisch“, sagt Katharina kopfschüttelnd. „Ich hatte ja kaum die Kraft, mich morgens anzuziehen. Wie hätte ich da 65 verschiedene Psychologen abtelefonieren können? Es war so, als wenn jemand, der im Wasser zu ertrinken droht, nach Hilfe ruft und der, der ihn hört, ihm einen Stein zuwirft und sagt: Hier, schwimm.“

„Ich bin in ein tiefes Loch gefallen

Katharina behält ihr Geheimnis für sich. „Nach außen hin hat das keiner gemerkt: Meine Kinder und ich waren immer gut angezogen und gepflegt, mein Haushalt war tiptop gemacht.“

Katharina hat Glück: Nach drei Monaten gehen die Selbstmordgedanken „einfach weg“. Die Depressionen halten noch etwa zwei Jahre an. Dass der Weg, den sie gegangen ist, nicht der ist, den andere Mütter in ihrem Zustand gehen sollten, ist der heute 34-Jährigen bewusst. „Sollte­ es nochmal passieren, brauche ich Hilfe. In so einem Zustand müsste man eigentlich in ein Krankenhaus gehen.“

Häufig besucht sie mit ihren Kindern das Mütter-Zentrum Marburg, ein Familientreff mitten in der Stadt. Die Gespräche mit anderen Eltern tun ihr gut. „Irgendwann merkt man, dass die Welt sich weiterdreht und ­irgendwann wird man wieder lebendig.“ Als ihr dritter Sohn Felix zur Welt kommt, kehren die Depressionen nicht zurück.

Eine der Mütter, mit der sie regelmäßig spricht, ist Silvia Schmidt (Name von der Redaktion geändert). „Ich bin nach meiner zweiten Schwangerschaft in ein tiefes Loch gefallen“, erinnert sich die 26-Jährige. „Es fing etwa sechs Wochen nach der Geburt an. In der Zeit war ich sehr nah am Wasser gebaut und hatte für nichts Nerven. Mein Baby schrie oft, und ich wusste einfach nicht warum.“ Sie hält inne. „Man brauchte mich nur anzuschauen und schon hatte ich das ­Gefühl, ich wäre keine gute Mutter.“ Tränen rollen über ­ihre Wangen.

Ihr Mann arbeitet von morgens bis abends. Anders als bei Katharina sieht es in ihrer Wohnung chaotisch aus. Sie zieht sich immer mehr zurück, geht kaum noch raus. Ihre Mutter macht ihr Vorwürfe. „Sie sagte­ immer, das sei doch nicht normal, wie ich mich verhalte. Was ich hätte anders tun sollen, konnte sie mir aber auch nicht sagen.“ Auch andere Menschen zeigen wenig Verständnis für ihre Situation. „Von denen hieß es: Jetzt reiß dich doch mal zusammen, krieg dich wieder ein und kümmere dich um deine Aufgabe.“

Ihr Hausarzt, dem auffällt, wie schlecht es ihr geht, ermutigt sie schließlich zu einer Therapie. „Dadurch, dass ich regelmäßig darüber reden konnte, wurde es einfacher.“ Auch ihr Mann unterstützt sie jetzt mehr, kommt eher nach Hause und passt auf die Kinder auf, wenn Silvia eine Pause braucht. Auch die regelmäßigen Besuche im Mütter-Zentrum helfen ihr. „Wenn ich das Gefühl hatte, es geht mir schlechter, half es mir, unter Menschen zu gehen, weniger um zu reden, sondern einfach nur, um zuzuhören. Dadurch fällt einem auf, dass es viele andere Mütter gibt, denen es auch so geht.“

Inzwischen erwartet sie ihr drittes Kind. „Wie es nach der Entbindung ist, ist offen“, sagt sie und streichelt über ihren Bauch. Unsicherheit schwingt in ihrer Stimme mit. Gleichzeitig sei sie optimistisch, dass die Therapie sie vorbereitet habe. „Ich habe gelernt, Nein zu sagen und ganz ehrlich zuzugeben, wenn ich etwas nicht schaffe“, sagt sie, jetzt etwas entschlossener.

So wie Katharina und Silvia sind laut Angaben des Deutsches Bündnisses gegen Depression etwa fünf bis zehn Prozent aller Frauen von einer sogenannten „postpartalen“, also einer nach-geburtlichen Depression (PPD) betroffen. Experten schätzen, dass die Dunkelziffer weit höher liegt.

25 bis 50 Prozent aller Mütter zeigen bereits im Laufe der ersten Woche nach der Entbindung Symptome des sogenannten „Babyblues“. „Das ist aber nicht dasselbe wie eine postpartale Depression“, klärt Professorin Maritta Kühnert, Leitende Oberärztin der Geburtshilfe am UKGM, einen weitverbreiteten Irrtum auf. „Eine PPD kommt später und ist heftiger.“

Während der „Babyblues“ bereits in den zwei bis fünf Tagen nach der Geburt auftritt und meist von allein innerhalb weniger Stunden oder Tage verschwindet, entwickelt sich eine PPD erst ab etwa vier bis sechs Wochen nach der Geburt und hält an.

Hebamme: „Wir bekommen das in der Klinik nicht mit“

„Die Mütter leider unter extremen Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen, haben wenig Appetit, fühlen sich antriebslos, wertlos und haben übersteigerte Ängste. Ständig interpretieren sie Dinge in etwas hinein, was nicht da ist und denken, sie könnten ihr Kind nicht richtig versorgen“, nennt Kühnert, die 30 Jahre Berufserfahrung hat, typischen Symptome.

Als schwerste Form postpartaler Erkrankungen gilt die postpartale Psychose. Dabei verliert die Mutter den Bezug zur Realität: Sie hat Wahnvorstellungen, sieht Tiere oder hört Stimmen, die gar nicht da sind. ­Betroffen sind davon etwa 3 von 1000 Müttern.

Was eine PPD auslöst, darüber gibt es verschiedene Theorien. Generell wird zwischen drei Einflussfaktoren unterschieden: biologische Ursachen (hormonelle Umstellungen im weiblichen Körper), psychische Ursachen (psychische oder depressive Erkrankung in der mütterlichen Vorgeschichte) und psycho-soziale Ursachen (geringe soziale Unterstützung und ­soziale Isolation, Partnerkonflikte sowie Panik- und Angstsymptome während der Schwangerschaft).

Wie kann etwas so heftiges so lange unbemerkt bleiben? „Wir bekommen das hier in der Klinik nicht mit. Die Frauen bleiben nach der Geburt 3, höchstens 4 Tage. Viele gehen inzwischen sogar noch am selben Tag nach Hause“, erklärt Kühnert. Einerseits steigt also der Bedarf für die Nachsorge zuhause, andererseits steigen immer mehr Hebammen aus ihrem Beruf aus - wegen Stress, Unzufriedenheit und nicht zuletzt den in den letzten Jahren immens gestiegenen Versicherungskosten. Das Ergebnis: Viele Frauen stehen nach der Entbindung ohne Nachsorge da. „Als das bei mir anfing, war meine Hebamme schon längst weg“, sagt zum Beispiel Silvia.

Ein anderes Problem sei der Druck, den Mütter von außen bekommen. „Es heißt dann oft: Stell dich nicht so an, das haben wir alle durchgemacht“, berichtet Kühnert. Ignoranz und Verdrängung bringen aber nichts. Im Gegenteil: „Wenn eine PPD auswächst, kann es sehr gefährlich für die Mutter und das Kind werden.“ Manche Betroffene sind suizidgefährdet. Im schlimmsten Fall kann es zu einem erweiterten Suizid kommen, das heißt, die Mutter tötet ihr Kind und sich selbst.

Betroffenen Frauen rät ­Kühnert, „das Thema offen ­anzusprechen, den Partner ­einzuweihen und auf jeden Fall einen Arzt einzuschalten, sich helfen lassen. Man muss sich dafür nicht schämen. Man kann nicht 24 Stunden am Tag die beste Mutter sein.“ Angehörigen und Freunden von Betroffenen rät sie, aufmerksam zu sein. Häufig drehe es sich nur darum, wie es dem Baby gehe, und nicht, wie es der Mutter gehe.

„Es ist immer noch ein Tabuthema“

Dies bestätigt auch Silvia. ­„Alle wollten nur das neue ­Baby sehen, aber keiner hat mich gefragt, wie es mir geht“, sagt sie heute. „Es bestehen so viele Ansprüche an die Mutter: Die Kinder müssen gut erzogen, der Haushalt gut geführt sein und die Pfunde gleich nach der Geburt wieder purzeln“, kritisiert hingegen Katharina. „Man selber ist aber so davon ausgelastet, sich in dem neuen ­Leben zurechtzufinden, es zu verstehen, dass man auf Hilfe angewiesen ist.“

Beide wünschen sich, dass offener mit diesem Thema umgegangen wird. „Nirgendwo, nicht beim Frauenarzt, nicht in den Geburtsvorbereitungskursen, nicht in den Krabbelgruppen wurde dieses Thema angesprochen“, bedauert Katharina. „Es ist immer noch ein Tabuthema.“

  • Das am meisten genutzte diagnostische Instrument für eine PPD ist die „Edinburgh Postnatal Depression Scale“, ein Selbsteinschätzungstext, der auf www.schatten-und-licht.de zu finden ist.

von Ruth Korte

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