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Mehr als „Pflichtbesuche“ im Museum

Schulentwicklungsprojekt "KulturSchule" Mehr als „Pflichtbesuche“ im Museum

Mehr Kulturbildung in die Schulen bringen – das war das Ziel des Hessischen Kultusministeriums, als es 2008 das Schulentwicklungsprogramm „KulturSchule“ ins Leben rief. Erforscht wird es vom Institut für Schulpädagogik.

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An der Richtsbergschule bekommt jeder Schüler die Möglichkeit, sich intensiv mit Bildender Kunst, Literatur, Theater und Schauspiel, Musik, Tanz und vielen anderen Künsten auseinanderzusetzen.

Quelle: Philipp Lauer

Marburg. Es ist 11 Uhr. Im Musikbereich der Richtsbergschule ist viel los. Eine Gruppe Fünftklässlerinnen steht im Halbkreis vor ein paar Mikrofonen. Sie tuscheln, und ihr Kirchern ist über die großen Lautsprecher im ganzen Saal zu hören. Matthias hat sich eine E-Gitarre umgehängt und stimmt die Seiten. Aliya sitzt am E-Piano und spielt die Tonleiter rauf und runter, während Niklas mit seinen Sticks über das Schlagzeug trommelt.

Es wirkt chaotisch. Doch als Musiklehrer Florian Hüller die Hand erhebt und laut „Drei, Zwei, Eins“ runterzählt, ist alles ruhig, und das vermeintliche musikalische Chaos auf der Bühne verwandelt sich in eine Sinfonie. Niklas, der abwechselnd auf Hi-Hat und Snare Drum schlägt, gibt den Rhythmus vor. Matthias und Aliya steigen mit ein, und nach einem kurzen Präludium beginnen Luna und Justice das Lied „Seven Years“ von Lukas Graham anzustimmen.

Kultur ist mehr als Klassik und Literatur

Seit 2015 ist die Richtsbergschule zertifizierte „KulturSchule“ des Landes Hessen. Das Schulentwicklungsprogramm wurde 2008 vom Hessischen Kultusministerium ins Leben gerufen. Zunächst beteiligten sich fünf, dann elf Sekundarschulen daran. Voraussetzung für eine Teilnahme an dem Programm ist, dass sich interessierte Schulen bewusst dafür entscheiden, ihren Schülern ein Mehr an kunstbezogenen ästhetischen Wahrnehmungen zu bieten.

An der Richtsbergschule bekommt deshalb jedes Kind im Laufe seiner Schullaufbahn die Möglichkeit, sich intensiv mit Bildender Kunst, Literatur, Theater und Schauspiel, Musik, Tanz und vielen anderen Künsten auseinanderzusetzen – und zwar nicht nur im Musik- und Kunstunterricht. Auch in anderen Fächern sollen den Schülern kulturell-ästhetische Erfahrungen ermöglicht werden.

Dass das auch im Physikunterricht funktioniert, zeigt das Beispiel von Thomas C. Ferber, Schulleiter und Lehrer an der Richtsbergschule, der seinen Schülern die Aufgabe gab, das Verhalten von Strom in einer Parallelschaltung in einem Stop-Motion-Film darzustellen, um ihnen das „Ohmsche Gesetz“ der Reihen- und Parallelschaltung näherzubringen. Um die Elektronen darzustellen, die durch die Stromkreise fließen, benutzten die Schüler Lego-Männchen, und um das Video zu drehen, ihr Handy.

Lego-Männchen? Handy? Für viele, deren Kulturverständnis vor allem von den klassischen Kunstformen geprägt ist, mag das zunächst befremdlich klingen. Kultur – so denken wir – ist etwas, was wir uns nur bei Besuchen in Museen, beim Hören klassischer Musik oder beim Lesen bedeutender literarischer Werke aneignen.

Das denken auch viele Schüler: Eine Studie des Instituts für Demoskopie ergab, dass sie ihre eigenen Interessen deutlich seltener dem Kulturbegriff zurechnen. Besonders eindrücklich zeigt sich das am Beispiel der Musik: Während für 73 Prozent der Befragten klassische Musik zur Kultur zählt, nennen nur 40 Prozent die Rock- und Popmusik.

Kann Kultur eine Schule verändern?

Doch Kulturelle Bildung ist mehr als die Auseinandersetzung mit Ludwig van Beethovens Sinfonien oder Johann Wolfgang von Goethes Gedichten. „Es geht nicht um eine unreflektierte Anpassung der Jugendlichen an ein lebendig zu haltendes ‚kulturelles Erbe‘ oder die Übernahme von Verhaltensnormen“, erklärt Professorin Heike Ackermann vom Institut für Schulpädagogik den Kern des Schulprogramms, das sie zusammen mit ihren Kollegen Michael Retzar und Christian Kammler seit 2011 evaluiert. Regelmäßig führen sie Beobachtungen und Interviews mit den Schülern und Lehrern an drei der beteiligten Schulen in Hessen durch. Dazu gehören neben der Richtsbergschule Marburg auch zwei Gesamtschulen in Bad Hersfeld und Hungen. „Wir wollen wissen, wie die KulturSchulen das Programm umsetzen und wie sie sich verändern“, erklärt Christian Kammler das Forschungsanliegen.

Doch kann Kultur das? Eine Schule verändern? Davon ist das Team überzeugt. „Für mich war das Bemerkenswerteste, dass sich der Blick der Lehrerinnen und Lehrer auf die Schüler verändert hat“, berichtet Michael Retzar im OP-Gespräch. „An diesem Punkt verändert sich Schule.“ Die Lehrer, so seine Beobachtung, machen sich mehr Gedanken darum, wie ihre Schüler lernen. Sie geben weniger vor, sondern nehmen vermehrt die Rolle von Lernberatern und Prozessbegleitern ein.

Werden Lehrer dadurch nicht überflüssig? „Nein, ohne sie würde es nicht funktionieren. Der Lehrer in der KulturSchule bleibt Experte seines Faches. Das ist die Grundvoraussetzung“, stellt Kammler klar.

Schüler: Man lernt viel über Verantwortung

„Der Lehrer ist derjenige, der eine Umwelt schaffen muss, in der der Einzelne Lust bekommt zu lernen“, ergänzt Ackermann. „Es ist wichtig, den Kindern die Zeit zu geben, in der Schule etwas anzustellen, sich auszuprobieren und neue Wege zu gehen.“

Dies sei in einer Gesellschaft, in der sich Lernzeiten immer mehr verdichten – Stichwort: frühere Einschulung, G8 oder verkürzte Studiendauer – und Lernen immer unter einem gewissen Zeitdruck steht, gar nicht so leicht, räumt Ackermann ein, „Es kostet die Lehrer Zeit und Kraft, aber dadurch ist viel gewonnen.“

Ferber bereut die Entscheidung, KulturSchule zu werden, die übrigens sowohl im Gesamtkollegium als auch in der Eltern- und Schülerschaft einstimmig getroffen wurde, nicht. Aus guten Grund: Bereits in vielen musikalischen und künstlerischen Wettbewerben wie bei Malwettbewerben des Hessischen Kultusministeriums (zweiter Preis und Ehrenpreis), Band-Wettbewerben sowie „Jugend musiziert“ (erster Preis) war die Richtsbergschule erfolgreich.

Es gehe um viel mehr als „Pflichtbesuche“ in Museen und Ausstellungen, die oftmals nur flüchtige Eindrücke hinterlassen, sondern um eine intensive Auseinandersetzung, so dass jedes Kind eine Kunst für sich entdeckt, die bis ins spätere Leben Bedeutung haben kann.

So wie im Leben des zwölfjährigen Collin. Er hat sich bereits in mehreren Künsten probiert und singt inzwischen selbst in einer Band und spielt Gitarre. „Ich habe hier alles mit aufgebaut“, erzählt er stolz und zeigt auf die Scheinwerfer und Musikboxen, die rund um die Bühne stehen, auf der seine Mitschüler immer noch proben. Inzwischen ist er Mitglied im sogenannten „Technikteam“, das nur aus Schülern besteht und für den Musikbereich der Schule verantwortlich ist, der den ganzen Tag für die Kinder geöffnet ist.  

Ob er irgendwann mal im Bereich Musik, Theater oder Kunst arbeiten möchte, so wie vor ihm viele ehemalige Richtsbergschüler, weiß der 12-Jährige noch nicht. Fürs Leben gelernt habe er trotzdem: „Man lernt viel über Freundschaft. Wir respektieren und helfen uns gegenseitig.“ Auch über Verantwortung habe er viel gelernt. „Wir brauchen nicht immer einen Lehrer, der uns sagt, wo es langgeht. Wir können uns gegenseitig helfen“, sagt er und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Das vergisst man nicht“.

  • Die Studie ist unter dem Titel „KulturSchule: Kulturelle Bildung und Schulentwicklung“ im Springer-Verlag erschienen
Zur Person
Professorin  Heike Ackermann (60) ist Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Schulforschung und Schulentwicklung und lehrt seit 2002 an der Philipps-Universität Marburg. In jüngster Zeit erforscht sie gemeinsam mit ihrem Team, wie Schulen Kulturelle Bildung in
Unterricht und Schulleben stärken.
Michael Retzar (31) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Schulpädagogik in Marburg. Er studierte Geschichte und Englisch auf Lehramt in Jena und arbeitet seit 2011 im Team von Heike Ackermann. Derzeit promoviert er über Beteiligungspraktiken an demokratischen Schulen und will zukünftig über Fortbildungen zur Kulturellen Bildung forschen.
Christian Kammler (54) ist Leiter der Lern- und Forschungswerkstatt des Instituts sowie des Weiterbildungsmasters „Kulturelle Bildung an Schulen“. Er forscht unter anderem über Strukturen und Qualität in und für eine kulturelle Schulentwicklung sowie über Ästhetische Handlungsfelder in der Lehrerbildung.
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