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Mehr Waffen nach Angriffen auf Frauen

Gewalt-Prävention Mehr Waffen nach Angriffen auf Frauen

Die Zahl der Angriffe auf Frauen in der Universitätsstadt hat sich im Januar gehäuft, die Polizei ermittelt in mehreren Fällen. In der Folge steigen die Waffenschein-Anträge - und Pfefferspray wird zum Verkaufs-Hit.

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Rund um den Gerhard-Jahn-Platz ist es in diesem Monat gehäuft zu Übergriffen auf Frauen gekommen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Anbaggern, Anmachen, Avancen: Rebecca S. ist Aufmerksamkeit gewohnt. Die Marburgerin wird auf Partys oft von Männern angesprochen, manchmal flirtet die Singlefrau zurück - öfter lehnt sie Angrabe-Versuche aber mit einem Lächeln ab.

Barsch, gar beleidigend habe auf ihre Zurückweisung noch niemand reagiert, sagt die 26-Jährige. „Ist ja nichts Persönliches, Interesse von Männern schmeichelt doch erstmal jeder Frau“, sagt die Wirtschaftsstudentin.

Doch was ihr Mitte Januar in der Innenstadt passiert ist, bereitet ihr Sorgen. Rebecca S. hat sich schick gemacht, geschminkt, in die Winterjacke gehüllt und ist auf dem Weg zu Freunden am Kaffweg. Sie läuft an der Lahn in Richtung Kino, als plötzlich drei dunkelgekleidete Männer - „wie aus dem Nichts, als ob sie im Dunklen warteten“ - sie umzingeln. Sie hätten etwas Unverständliches gesagt, dabei gelacht, einer hätte sich mit der Hand in den Schritt gefasst, die anderen hätten ihre Arme nach ihr ausgestreckt

„Ich bin instinktiv zurückgewichen, wollte um Hilfe rufen.“ Ein 69-Jähriger, der den Vorfall im OP-Gespräch bestätigt, kam in diesem Moment mit seinem Hund um die Ecke. „Als sie uns sahen, liefen die Männer schnell weg“, sagt er. Bei der Polizei hat S. den Vorfall bislang nicht angezeigt. „Den Moment, als sich der Eine lachend in den Schritt fasst, werde ich nicht vergessen. Aber ich sah nur Kapuzen, alles war dunkel, ging superschnell. Ich hatte einfach Mega-Glück.“ Typisch: Deutschlandweit zeigen laut kriminologischen Studien nur fünf bis 15 Prozent aller Belästigungs-Oper den Übergriff an.

Bei der Marburger Polizei laufen bereits Ermittlungen in mehreren Fällen, die S.‘ Schilderungen ähneln. Mitte Januar wurde eine 30-Jährige in der Nähe des Pilgrimsteins von fünf Männern attackiert. Eine Gruppe bedrängte und schubste sie minutenlang, bevor Zeugen einschritten. Wenige Tage zuvor erhielt die Polizei Hinweise auf mehrere Männer, die rund um den Gerhard-Jahn-Platz mehrere Frauen sexuell belästigten und beleidigten. Anfang des Monats kam es zu Übergriffen auf Schülerinnen in einem Zug auf Höhe des Südbahnhofs, und am vergangenen Montagnachmittag begrabschte ein Mann im Biegenviertel eine 19-Jährige in der Buslinie 5.

Brisant: In allen Fällen handelt es sich nach Zeugenaussagen um ausländisch aussehende Männer. Mit Zahlen belegen oder entkräften lässt sich ein Anstieg der Kriminalität als Auswirkung der steigenden Zahl von in der Stadt lebenden Flüchtlingen und Asylbewerbern noch nicht. Ihre Mittelhessen-Statistik gibt die Polizei erst im Februar heraus.

Mehr als 21 000 Waffengibt es im Landkreis

Eine öffentliche Debatte blieb bislang aus. Das stößt etwa bei OP-Leserin Veronika Göttlicher auf Unverständnis. Wer sich über all diese Geschehnisse nicht empöre, habe „ein falsches Verständnis von Toleranz und zeigt sich extrem frauenfeindlich“. „Eine Frau als Spielball zur Demonstration der Stärke, zur Befriedigung der sexuellen Begierde zu nutzen: Das ist eine neue Form der sexuellen Gewalt, mit der wir uns auseinandersetzen müssen“, sagt sie.

Die Belästigungs-Ballung sei aber mehr Zufall als Trend, heißt es von der Marburger Polizei: „Es gab bereits früher schon Meldungen über Vorkommnisse, bei denen Frauen bedrängt, belästigt und angegriffen wurden. Dabei kam es auch vor, dass Ereignisse in kürzeren zeitlichen Abständen passierten“, sagt Martin Ahlich, Polizeisprecher, auf OP-Anfrage.

Seit den Attacken in Köln und den Januar-Übergriffen in Marburg selbst steigt jedenfalls die Zahl der sogenannten kleinen Waffenscheine im Landkreis. 810 gültige Genehmigungen sind laut Verwaltung derzeit ausgestellt, ein Viertel davon entfällt auf die Universitätsstadt. Allein seit dem Jahreswechsel wurden in Marburg so viele Waffenschein-Anträge eingereicht (16) wie im gesamten Kalenderjahr 2014. Weitere 94 Anträge aus den vergangenen Monaten sind noch unbearbeitet. Neben 8198 Kurzwaffen befinden sich 12 983 Langwaffen in den Datenbanken des Landkreises registriert. Seit Jahresbeginn ist zudem Pfefferspray ein Verkaufs-Hit geworden. „Es gibt einen massiven Anstieg der Nachfrage“, sagt Ingo Meinhard, Geschäftsführer des Waffenfachhändler-Verbands (VDB). Die Verkaufszahlen hätten sich „mindestens verdoppelt“.

Um die Opfer sexueller Gewalt kümmern sich in Marburg die Vereine Frauen-notruf und Wildwasser. „Frauen leben nicht plötzlich unsicherer als in den vergangenen Monaten und Jahren. Sexualisierte, gewalttätige Angriffe gab es immer schon“, sagt Silke Mahr, Wildwasser-Pädagogin auf OP-Anfrage. Straßen, öffentliche Räume seien für Frauen auch in Marburg die sichersten Orte überhaupt.

„Die schlimmen Sachen passieren anderswo, nämlich im Privaten. Und zwar meist zwischen Leuten, die sich kennen, Fremdtäter gibt es selten.“ Die massiven Belästigungen, Beleidigungen und Angriffe wie in der Kölner Silvesternacht seien „total schlimm“, jedoch „im Kern absolut kein neues Phänomen“. Auf jeder Party, zumal bei Großveranstaltungen komme so etwas gehäuft vor, jedoch würde das stets als Einzelfall aufgefasst. Es sei „völlig absurd, das jetzt als ein Problem aufzufassen, das mit den Flüchtlingen gekommen ist oder verschärft wird“. Man müsse „enorm aufpassen, welche politischen, gesellschaftlichen Strömungen sich das Thema Gewalt gegenüber Frauen derzeit zunutze machen“, sagt sie etwa in Bezug auf die Blochmannplatz-Demo am vergangenen Sonntag

Die Marburger Polizei wird ihre Präsenz, die Streifentätigkeit indes nicht dauerhaft erhöhen, sondern „lage-angepasst reagieren“, sagt Ahlich.

von Björn Wisker

  • Stichwort: Waffenschein
  • Der kleine Waffenschein berechtigt Inhaber zum Führen von sogenannten Schreckschusswaffen. Dabei handelt es sich um Waffen, die keine Geschosse, sondern heiße Gase durch den Lauf treiben.
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