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Mehr Kühe, mehr Milch, mehr Zukunft?

Milchviehwirtschaft Mehr Kühe, mehr Milch, mehr Zukunft?

Wachsen oder weichen? Ein Stallneubau als Chance oder als Rettung vor dem Aus? Die OP war zu Besuch bei der Erksdorfer Milchbäuerin Iris Trier, die mitten in der Krise einen neuen Großstall bauen lässt.

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Das Fundament für den neuen Kuhstall von Iris und Reiner Trier in Erksdorf ist weitgehend vorbereitet.

Quelle: Nadine Weigel

Erksdorf. Wann kommt die ersehnte Erholung auf dem Milchmarkt? Und vor allem: Wie lange hält sie diesmal an in Zeiten ohne Quotenregelung? Manche Fachleute gehen bereits von ein wenig Erholung aus, hier und dort ziehen die Preise leicht an. Aber ist die Krise schon überstanden? Und halten die Höfe durch, wenn sich der Preis doch erst ab Herbst merklich erholt, wie andere Prognosen lauten?

Die Milcherzeuger würden es gern wissen, dann müssten sie bei einem Literpreis von etwa 26 Cent weniger um ihre Zukunft bangen und könnten vielleicht wieder ruhiger schlafen. Vielleicht müssten sie sich dann auch gar nicht die Frage stellen, ob ihre Zukunft noch etwas mit Milcherzeugung zu tun hat.

Die Erksdorfer Milchbäuerin Iris Trier hat diese Frage für sich beantwortet. Ein klares Ja zur Milch. „Wir wollen dieses Standbein für unseren Hof.“ Trotz Niedrigpreis, trotz Zukunftsängsten. Dabei ging die 46-jährige Milchbäuerin noch vor einigen Wochen in Marburg auf die Barrikaden. Plakat-Aktion gemeinsam mit ihren Kollegen vom BDM-Kreisverband (Bundesverband Deutscher Milchviehhalter), um auf den Preisverfall und die aus bäuerlicher Sicht fehlgeleitete Milchmarktpolitik aufmerksam zu machen. Doch wie passt das zusammen? Den miserablen Milchpreis beklagen, das Aus der bäuerlichen Milchviehwirtschaft befürchten und selbst zugleich im großen Stil investieren? Im Gespräch mit der OP legt Iris Trier ihre Beweggründe dar – und macht ein paar Faktoren fest, die aus ihrer Sicht mehr Erfolg für einen Milchviehhof versprechen.

„Alle 20 Jahre muss man investieren“

„Ein großer Vorteil für uns: Wir haben einen gesunden Betrieb ohne alte Schulden übernommen“, sagt Iris Trier, die gemeinsam mit ihrem Ehemann Reiner Trier (48) und den beiden Söhnen (16 und 22 Jahre) sowie einem Mitarbeiter derzeit für rund 140 Tiere zuständig ist: Milchkühe, Nachzucht und einige nach Moischt ausgelagerte Fleischrinder.

Die Schweine haben die Triers aufgegeben. Und auf dem ursprünglichen Hof mitten im Ort leben nur noch ein paar Schafe und Ziegen, der Hund und die Katze, „unsere Hobbytiere“, sagt Iris Trier. Die Kühe sind schon vor 20 Jahren umgezogen an den Ortsrand. Dort, nahe der Wohnbebauung, haben die Triers damals einen neuen Milchviehstall errichtet. Noch so ein Erfolgsfaktor. „Alle 20 Jahre muss man investieren, damit der Hof gut weiterläuft“, sagt die Bäuerin, die weiß, dass es darauf ankommt, im Zeitplan zu bleiben. Bevor die nächste Investition erfolgt, sollten die alten Schulden abgegolten sein. „Unser Stall ist abgeschrieben – da stand für uns schon vor einigen Jahren die Frage an, wie es weitergehen soll“, erklärt die 48-Jährige. Bei den Triers zeichnet sich ab, dass die Söhne den Hof einst übernehmen werden. Und die Eheleute selbst wollen auch am Ball bleiben, bis zum Ruhestand in der Landwirtschaft arbeiten. Deshalb haben sie neben der Milcherzeugung und dem Ackerbau vor einigen Jahren noch einen weiteren Betriebszweig eröffnet. Gemeinsam mit einem Partner-Landwirt betreiben sie eine Biogasanlage, die sich unweit des bisherigen Kuhstalls befindet. „Von daher steht unser Hof auf mehreren Standbeinen“, verrät Trier ein weiteres Erfolgsrezept.

Beruf und Hobby in einem: Für die Triers funktioniert‘s und bringt den Hof voran, davon ist die Bäuerin überzeugt. „Wir sind selten in Urlaub gefahren, wenn, dann nur wenige Tage. Wir brauchen das auch nicht, weil wir im Alltag schon das machen, was uns Spaß macht.“ Ein großes Pfund für den Geschäftserfolg, da ist sich Iris Trier sicher.

Dass es in den vergangenen 20 Jahren gut lief, dass der Hof die zurückliegenden Milchkrisen überstanden hat, dass die erste harte Zeit mit dem Umstieg auf die bäuerlich betriebene Marburger Molkerei geklappt hat – auch das stimmt die Triers zuversichtlich und gibt ihnen den Mut, an der Milch nicht nur festzuhalten, sondern diesen Geschäftszweig auszubauen. Und zwar in beträchtlichem Umfang – von aktuell 110 Milchkühen im Stall in Erksdorf auf dann maximal 400 Tiere. Ställe, Silos und das Drumherum nehmen dann eine Fläche von etwa eineinhalb Hektar ein.

Mut oder Wagnis – oder beides

Im Dezember kam die Baugenehmigung. Ein langes Verfahren, in dessen Verlauf die Triers mehrere Gutachten – unter anderem zur Geruchsbelastung – erstellen ließen. „Wir haben jetzt so lange geplant und uns vorbereitet. Wir wollen jetzt keinen Rückzieher machen, auch, wenn der Zeitpunkt schwierig ist“, sagt Iris Trier und lenkt ihr Augenmerk auf die Verbesserungen, die die Familie mit der Erweiterung erzielen will: mehr Tiergesundheit durch bessere Haltungsbedingungen und ein angenehmeres Arbeiten für die Betreiber, die künftig durch drei Melkroboter entlastet werden. Einen davon haben die Triers bei einen Preisausschreiben gewonnen – er wird im neuen Stall eingebaut. „Das war dann nochmal wie ein Wink des Schicksals für uns – so ein Glück hat man nur einmal“, sagt die Bäuerin, die sich über die finanzielle Entlastung freut. Denn so ein Melkroboter schlägt inklusive Einbau und Zubehör mit rund 120.000 Euro zu Buche. Eine Ersparnis, die die Triers jetzt gut gebrauchen können. In den Stallneubau investieren sie 1,4 Millionen Euro. Rund 300.000 Euro davon erhalten sie aus Fördermitteln aus dem europäischen Leader-Programm zur Stärkung des ländlichen Raums, 1,1 Millionen stemmen sie selbst.

Mut oder Wagnis? An manchen Tagen weiß Iris Trier es selbst nicht so genau. „Klar, ich sorge mich auch, gerade jetzt, wo der Preis so im Keller ist, eine solche Investition.“ Doch die Triers glauben an die Zukunft ihres Hofs, setzen auf ihre Arbeitskraft. Die hat ihnen, neben dem eigenen oder anderen Quäntchen Glück und betrieblichen Entscheidungen zur richtigen Zeit den Erfolg beschert, mit der Milchviehwirtschaft wachsen zu können und nicht weichen zu müssen. An ihren Forderungen gegenüber der Politik, an ihrem Protest und dem Engagement im BDM hält die taffe Bäuerin fest: In der Hoffnung, dass ein Milchmarkt mit Mengensteuerung noch kommt und möglichst viele Milchviehhöfe vor dem Aus bewahrt.

 
Beratung
Der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen bietet für Landwirte eine sozioökonomische Beratung und Hilfe in Krisensituationan an. Die Mitarbeiter erstellen mit Betrieben auf Wunsch Liquiditätspläne oder begleiten Landwirte bei Gesprächen mit der Bank. Die Beratung ist kostenlos. Kontakt über den LLH, Anne Mawick, Telefon 0561/7299-286. Die Zentrale in Kassel vermittelt weiter zu qualifizierten Ansprechpartnern vor Ort.
 
Derzeit halten die Triers 110 Milchkühe in ihrem 20 Jahre alten Stall. Platz für insgesamt bis zu 400 Kühe soll entstehen. Foto: Nadine Weigel

von Carina Becker

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