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Mehr Kirchenaustritte in Marburg

37 Prozent mehr Austritte als 2012 Mehr Kirchenaustritte in Marburg

717 Marburger sind im Jahr 2013 aus den Kirchen ausgetreten - im Vergleich zum Vorjahr eine deutliche Steigerung. Der Skandal um Bischof Tebartz-van Elst als Ursache „liegt nahe“, sagt Dechant Franz Langstein.

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Die Elisabethkirche ist eine von mehreren Kirchen der beiden christlichen Konfessionen und zugleich ein Wahrzeichen Marburgs.Archivfoto

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Um knapp 37 Prozent stiegen die Zahlen gegenüber 2012 an, als noch 524 Austritte in beiden Konfessionen registriert wurden. Auch im Jahr 2011 lag die Zahl mit 520 Austritten in etwa auf diesem Niveau. Der drastische Anstieg in diesem Jahr könnte daher außergewöhnliche Ursachen haben, wie auch der Pfarrer der Sankt-Johannes-Gemeinde in der Kugelkirche mutmaßt. „Man kann den Zusammenhang nur vermuten“, sagt er, doch die Verbindung zum Skandal rund um den Residenzbau des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst sei naheliegend.

„Wir haben aber darüber keine genaue Erhebung“, so Langstein, daher könne man sich nicht mit hundertprozentiger Sicherheit festlegen. „Wir schreiben die Leute, die bei uns austreten sind, ganz freundlich und unverbindlich an, um nach Gründen zu fragen“, erklärt Langstein. Zurück kämen von den Fragebögen jedoch lediglich „3 oder 4 von 100“. In diesen wenigen Rücksendungen sei von Tebartz-van Elst aber keine Rede gewesen.

Bei vielen Menschen könne das Auftreten des Bischofs aber auch nur der Tropfen gewesen sein, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe, spekuliert Langstein. Ein Blick auf die Statistik zeigt aber auch: Mit 226 Austritten im Jahr 2013 liegt die Katholische Kirche, der auch Tebartz-van Elst angehört, um 31 Prozent höher als im Vorjahr (173). Bei den vom Skandal nicht betroffenen Protestanten beträgt sie gar 39 Prozent (489 Austritte gegenüber 351 im Jahr 2012).

Dekan Burkhard zur Nieden sieht die „unerfreuliche Entwicklung“ aber auch in seiner Kirche möglicherweise durch derartige Vorfälle beeinflusst. „Menschen, die bereits eine grundsätzliche Distanz haben, beziehen Skandale häufig auf alle Kirchen“, glaubt er. Dass sie ein Auslöser auch für Protestanten seien, „kommt vor“. Es werde oft auch öffentlich von „der Kirche“ geredet, sodass Menschen nicht immer unterschieden.

Es sei offensichtlich der Fall, dass diese Aussteiger ohnehin bereits innerlich Abstand genommen hätten. Letztendlich seien die Beweggründe wohl dennoch sehr unterschiedlich. Die Entscheidung der Menschen müsse man daher akzeptieren und ernstnehmen. „Es tut uns um jeden Einzelnen leid“, so zur Nieden, doch müsse man die Entwicklung auch nicht dramatisieren. Bei etwa 50000 Mitgliedern sei die evangelische Kirche in Marburg lediglich „um weniger als ein Prozent geschrumpft“.

Skandale vermitteln ein „falsches Bild“

Es habe „jeder die Freiheit und das Recht dazu“, aus der Kirche auszutreten betont auch Langstein, doch werde durch die Skandale ein „falsches Bild“ vermittelt. „Wir können vor Ort noch so gute Arbeit machen“, klagt er, doch im Endeffekt werde sie etwa von den Taten des Bischofs sowie der medialen Aufmerksamkeit überlagert. Viele Menschen nähmen „am Leben in der Gemeinde“ kaum teil und bildeten sich ihre Meinung durch die Schlagzeilen. Eine Kampagne, mit der um mehr Vertrauen geworben werden könnte, brauche es dennoch nicht. „Wir machen ohnehin schon gute Arbeit vor Ort“, so Langstein, Vertrauen zu schaffen gehöre „zum Standard“.

Ähnlich sieht es zur Nieden, der auf Abgemeldete „keinen Druck aufbauen“ will. Eine generelle Befragung fände daher nicht statt, man suche aber „vereinzelte Gespräche“. Aus diesen Gesprächen heraus betreibe man aber „keine Gewissenserforschung“, bei der man mit einer Vertrauensoffensive ansetzen könne. „Eine Kampagne würde niemanden dazu bewegen in der Kirche zu bleiben“, ist sich zur Nieden sicher. Der evangelischen Kirche sei die Entwicklung aber allgemein „nicht egal“. Daher gehe man das Thema auf Bundesebene „solide und fachwissenschaftlich“ an und werde in den kommenden Wochen eine sozialwissenschaftliche Untersuchung veröffentlichen.

Höhere Studentenzahlen als weitere Begründung

Ein Grund für erhöhte Austrittszahlen in beiden christlichen Kirchen könne indes in Marburg laut Langstein auch darin liegen, dass die Universität im Wintersemester 2013/14 eine sehr hohe Zahl an Studenten aufgenommen habe. „Sobald die Studierenden von zu Hause ausziehen, treten sie häufig auch aus der Kirche aus“, verweist Langstein auf alljährlich vermehrte Abmeldungen im Oktober. Und trotz alledem gebe es auch Positives zu vermelden: Die Zahl der Gottesdienstbesucher „sei vom Gefühl her gestiegen“.

Kirchenaustritte können in Marburg gegen eine Gebühr von 25 Euro beim Amtsgericht oder beim Ortsgericht Marburg I im Gebäude der Volkshochschule vorgenommen werden. Benötigt wird dazu der Personalausweis. Gegenüber der Elisabethkirche befindet sich zudem eine Kircheneintrittsstelle. Dort war gestern leider niemand für weitere Angaben zu erreichen.

von Peter Gassner

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