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Mediziner werben für Krebs-Checks

Weltkrebstag Mediziner werben für Krebs-Checks

Kampf gegen Tumore: In kaum einer anderen hessischen Region liegt die Neuerkrankungs-Quote niedriger, sind die Überlebens-Chancen höher als in Marburg und dem Landkreis.

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Vorsorge, Früherkennung, Therapie: Das Uniklinikum in Marburg gilt als medizinisches Zentrum für Krebsspezialisten.

Quelle: Archiv

Marburg. In Hessen sind 2010 – dem aktuellsten Datenstand – rund 25 000 Männer und Frauen neu an Krebs erkrankt. Laut Krebsbericht bekommen nur in drei südhessischen Kommunen weniger Bewohner die Diagnose als in Marburg-Biedenkopf (293 Männer, 270 Frauen pro 100 000 Einwohner. Zum Vergleich: 523 Männer, 357 Frauen in Hersfeld-Rotenburg). Die Sterberaten sind in Mittelhessen ebenso unterdurchschnittlich (Männer 171, Frauen 124 pro 100 000 Einwohner).

„Es kommen mehr junge Menschen mit Krebs zu uns nach Marburg und es kommen mehr Menschen mit nicht-klassischen Tumoren auf die Lahnberge“, sagt Frank Steibli, Sprecher des Universitätsklinikums Gießen-Marburg (UKGM). Dies sei eine Veränderung zu den Vorjahren – was auch daran liege, dass immer mehr auswärtige Patienten zu den Marburger Spezialisten kommen.

Die Zahlen aus dem Krebsbericht schätzt das UKGM „zurückhaltend“ ein. Grund: Erfasst werden alle Patienten, die in Hessen behandelt werden.   Jene Hessen, die sich in anderen Bundesländern behandeln lassen, werden in diesem Register hingegen nicht abgebildet.

Brustdrüse: Mammografie scheint Frauen zu helfen

Jedoch: Vor allem Frauen scheinen in der Region seltener an Krebs zu sterben. Während Männer im Landkreis am häufigsten an Prostatakrebs (87 pro 100 000 Einwohner) und Darmkrebs (48 pro 100 000) erkranken, ist bei Frauen die Gefahrenzone die Brustdrüse (101 pro 100 000) – die Lebensgefahr von letzterem wird jedoch zunehmend mittels Früherkennung gemildert.

Von 34 000 Frauen aus der Region, die zuletzt der Einladung zur Mammografie nach Marburg gefolgt sind, wurde bei 228 Brustkrebs diagnostiziert.
„Beim Screening finden wir mehrheitlich Karzinome, die klein sind und die Lymphknoten noch nicht befallen haben“, sagt Dr. Karin Bock vom Referenzzentrum Mammografie. Das sorge dafür, dass bei einer Behandlung die Brust erhalten werden könne.

„Durch das Screening werden Patientinnen jetzt knapp zwei Jahre früher diagnostiziert, haben damit die besseren Heilungs-Chancen und die geringeren Belastungen zu ertragen“, sagt Professor Uwe Wagner, Direktor der
Marburger Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Das Früherkennungssystem sei gerade im Landkreis sehr erfolgreich (Heilungsrate in Marburg liegt bei rund 90 Prozent je deutlich über dem Bundesdurchschnitt).

929 000 Screenings gab es in Hessen zuletzt, laut Kassenärztlicher Vereinigung. Kritiker bezeichnen die Mammographie als ineffektiv: Zu viele Frauen würden gecheckt und irgendwann, nach regelmäßigen Mammografien, unnötigerweise als Krebspatienten strahlenbehandelt werden.

„Die Frauen berichten immer wieder, wie dankbar sie sind, dass die Krankheit so früh entdeckt worden ist. Sie fühlten sich vollkommen gesund und waren somit erschrocken, zur Krebspatientin zu werden und auch stark verunsichert, aber dennoch unglaublich dankbar, noch so davongekommen zu sein“, sagt Christiane Schmitt vom Verein „Leben mit Krebs“.

Partikeltherapie: Start für Ende des Jahres geplant

Zuversicht schöpfen viele aus der Inbetriebnahme des Partikeltherapiezentrums auf den Lahnbergen. „Ende 2015 soll es starten, wir sind zuversichtlich, diesen Termin einhalten zu können“, sagt Steibli. Die Technik sei zwar „keine Wunderwaffe im Kampf gegen den Krebs für viele“, sagt Schmitt. Jedoch gebe es viele Marburger, etwa mit Hirntumoren und Hirnmetastasen, die „sehr große Hoffnung in das Zentrum setzten“. Sie wünsche sich aber vor allem „eine bessere personelle Ausstattung auf den Stationen, Ärzte die Zeit für Patienten und die Nöte haben“.

Ihr Verein „Leben mit Krebs“ startet daher am 30. März (bis 24. Juni) ein kostenloses „Online-Coaching“ für Erkrankte und Geheilte, die ihr Wohlbefinden mit Bewegung steigern wollen. Zwölf Wochen lang werden die Teilnehmer mit Schrittzählern ausgestattet, die Fortschritte im Internet analysiert und von Experten beraten. „Wir treffen verstärkt auf Menschen, die ob der Krebserkrankung, ihre Gesundung und Lebenssituation selbst aktiv beeinflussen wollen“, erklärt Schmitt.

Auch die Anneliese-Pohl-Krebsberatungsstelle verzeichnet momentan einen steigenden Beratungsbedarf: Zuletzt wurden von der Marburger Organisation 1500 Patientengespräche geführt (2010: 622), vor allem nach Abschluss einer onkologischen Behandlung. Neben körperlichen Folgen gehe es dabei um Stress und Ängste bei Nachuntersuchungen, Geldsorgen, Berufs-Wiedereinstieg, teilt die Beratungsstelle mit.  
Im Durchschnitt bricht die Krankheit in Hessen mit 70 Jahren (Männer) beziehungsweise 67 Jahren (Frauen) aus.

  • Info-Stand des Vereins „Leben mit Krebs“ am Mittwoch von 15 bis 17 Uhr vor dem Schlossbergcenter. Kontakt zum Marburger Zweitmeinungs-Zentrum auf den Lahnbergen: Telefon 06421 / 5862729.

von Björn Wisker

Hintergrund: Die häufigsten Krebsarten bei Männern sind Prostatakrebs (65 830) und Lungenkrebs 
(35 040). Frauen erkranken am häufigsten Brustdrüsenkrebs (70  340) und Tumoren im Darm (28 630). Die Zahl der Krebsneuerkrankungen hat zwischen 2000 und 2010 bei Männern um 21 Prozent, 
bei Frauen um 14 Prozent 
zugenommen (Gesamtzahl: 
280 000). Hauptgrund für die Steigerung, so das Robert-Koch-Institut, ist die Alterung der Gesellschaft. Die altersstandardisierten Erkrankungsraten würden zeigen, dass es ohne diese demografische Veränderung bei Männern keine Zunahme von Krebsfällen geben würde. Bei Frauen wäre es nur zu einem Anstieg um etwa sieben Prozent gekommen. Der Anstieg liegt demnach auch an der Vorsorge, dem Mammographie-Screening, das zu mehr Früherkennungen führt.

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