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Martin Schulz will es besser machen

Wahlkampf Martin Schulz will es besser machen

Martin Schulz, SPD-Chef und Kanzlerkandidat seiner Partei, sprach vor 2500 Menschen gestern auf dem Marktplatz.

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Martin Schulz auf dem Marburger Marktplatz: Der Vorsitzende und Kanzlerkandidat setzte in seiner Wahlkampfrede vor allem auf das Thema „soziale Gerechtigkeit“.Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Was haben sie nicht alles über Martin Schulz gesagt: Er hat kein Abi, er trägt Anzüge von der Stange und ein Brillen-Kassengestell, er ist so aufregend wie ein Bahnschaffner - aber, donnert Martin Schulz auf dem Marburger Marktplatz, „aus den Sprüchen dieser selbsternannten Eliten spricht eine tiefe Verachtung für die arbeitenden Menschen“. Und wie zur Bestätigung bläst fast genau in diesem Moment der Trompeter vom Marburger Rathaus.

Spätestens ab diesem Moment hat Martin Schulz sein Publikum für sich gewonnen. Schulz setzt „Respekt“ gegen „Verachtung“ und ergänzt: „Respekt und Bildungsgerechtigkeit gehören zusammen.“

Wie so oft in seiner fast genau einstündigen Rede ist Schulz beim Thema Gerechtigkeit gelandet - es durchzieht seine Gedanken von der ersten bis zur letzten Minute. Die SPD habe in der Koalition mit CDU und CSU eine Menge erreicht, aber „Deutschland kann mehr, wenn ein Sozialdemokrat Bundeskanzler ist“. Schulz listet auf: Nach dem 24. September kommt die Mietpreisbremse, die Angela Merkel und Horst Seehofer verhindert hätten. Das Auseinanderklaffen von Tariflohn und der Bezahlung von Leiharbeitern, die die gleiche Arbeit verrichten? „Wir werden diese Schande abstellen.“ Das Rückkehrrecht von Teilzeit- in Vollzeitbeschäftigung? Habe Merkel mit ihrer Richtlinienkompetenz verhindert - „wir werden diese Selbstverständlichkeit nach der Bundestagswahl durchsetzen.“ Genau wie übrigens die paritätisch finanzierte Krankenversicherung. Und schließlich: Die Befristungen, deren Anteil an den Arbeitsverträgen erneut angestiegen ist, von 41 auf 45 Prozent, müssen deutlich reduziert werden. „Wie anders wollen wir jungen Menschen Mut zur Zukunft machen? Der tarifgebundene unbefristete Arbeitsvertrag muss wieder der Normalfall in der Arbeitswelt werden“, ruft Schulz - des Applauses auf dem voll besetzten Marktplatz kann er sich sicher sein.

Und natürlich gehört für den Kanzlerkandidaten auch die Gebührenfreiheit von der Kita bis zur Universität zu Gerechtigkeit, die er als Kanzler durchsetzen will. Vor allem aber: eine auskömmliche Rente. Wenn der Staat nicht eingreife, müssten die Deutschen immer mehr Beiträge in die Rentenversicherung einzahlen und dennoch immer weniger Rente erhalten. „Ein neuer Generationenvertrag muss her“, sagt Schulz, „wir brauchen die Solidarrente, die sich ab 35 Beitragsjahren deutlich über der Mindestrente bewegt“, und ganz grundsätzlich: „Ein reiches Land muss ein würdiges Leben im Alter zur Staatsaufgabe machen!“

Während Angela Merkel zaudert, handelt Martin Schulz. Sagt Martin Schulz in Marburg und kritisiert die unentschlossene Haltung der Bundesregierung gegenüber US-Präsident Donald Trump: „Einem US-Präsidenten, der nicht gewillt ist, sich dem Nazimob in seinem Land entgegenzustellen, kann man doch in einfachen Hauptsätzen erklären, dass Deutschland da nicht mitmacht!“ Merkel müsse sich auch gegen Erdogan deutlicher äußern, fordert Schulz, dem türkischen Präsidenten, der „ein Feind der Türkei ist“ und Demokratie abbaut, weil er Demokraten und Journalisten in den Knast wirft:“

Und erst recht erwartet Schulz, der frühere Präsident des europäischen Parlaments, dass die Bundesregierung reagiert auf die Weigerung des ungarischen Präsidenten Orban, die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zur gerechten Flüchtlingsverteilung umzusetzen. „Herr Orban stellt die Rechtsgrundsätze der EU in Frage“, sagt Schulz und stellt fest: „Solidarität ist ein Prinzip, das für alle gelten muss.“

Schulz, der Europäer: das zweite Standbein des wahlkämpfenden SPD-Vorsitzenden, der zudem noch klare Worte zur AfD findet: keine „Alternative für Deutschland“ sei die die AfD, „diese Partei der Hetzer“, sondern eine „Schande für Deutschland.“

Den meisten der 2500 Menschen taten solchen klare Bekenntnisse sichtlich gut - und Martin Schulz, der ein feines Näschen für die Stimmung auf dem Marburger Martkplatz bewies, beendete seinen Auftritt nicht nur mit dem Appell, bis zum Wahltag um 18 Uhr zu kämpfen, sondern traute sich, in der Studentenstadt Marburg seinen finalen Wahlaufruf mit einem beliebten Klischee zu garnieren: „Und wenn der ein oder andere nachts gefeiert hat und am Nachmittag um 16 Uhr erst wieder wach wird: Die Wahllokale haben bis um 18 Uhr auf.“

von Till Conrad

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