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Martin Luthers lateinische Bibel

Forschung Marburg Martin Luthers lateinische Bibel

Martin Luther hat die Bibel ins Deutsche übersetzt – das ist bekannt. Dass er die Bibel auch ins Lateinische übersetzte hingegen weniger. Ein Forschungsprojekt befasst sich mit der unbekannteren Seite des großen Reformators.

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Ein Forschungsprojekt befasst sich mit der unbekannteren Seite des großen Reformators Martin Luther.

Quelle: Archiv

Marburg. „Martin Luther war kein Rebell“, sagt Dr. Christoph Galle und bezieht sich dabei auf die aktuellen Ergebnisse eines Forschungsprojektes der Uni Marburg, das sich mit der Modernisierung des „Vulgata-Textes“, der lateinischen Bibelübersetzung, die sich seit der Spätantike in der Kirche durchgesetzt hatte, befasst.

Bibelübersetzungen waren schwer verständlich

Im Winter 1521/1522 tauchte der aus der Kirche ausgeschlossene und vom Kaiser geächtete Martin Luther unter dem Decknamen „Junker Jörg“ auf der Wartburg in Eisenach unter und übersetzte dort das Neue Testament ins Deutsche. In den folgenden Jahren übersetzten er und seine Mitarbeiter dann ebenso das Alte Testament.

Über Jahrhunderte hinweg hatten die Christen in Westeuropa die Bibel nur auf Lateinisch lesen kännen – in der sogenannten „Vulgata“.

Selbst die Theologen hatten keinen Zugang mehr zum Originaltext der Bibel, die ursprünglich auf Hebräisch und Griechisch verfasst worden war. Laien konnten die lateinische Bibel nicht lesen, die deutschen Übersetzungen, die es schon gab, waren ungenau und schwer verständlich.

Luther dagegen wollte die Heilige Schrift in ihrer ursprünglichen Gestalt allen Menschen zugänglich machen: auf der Grundlage des hebräischen und griechischen Originals und in verständlichem Deutsch. Seine Bibel, die heute als „Luther-Bibel“ bekannt ist und erstmals 1534 in Wittenberg gedruckt wurde, verbreitete sich im gesamten deutschen Sprachraum. Damit schuf Luther nicht nur die Grundlage für unsere deutsche Hochsprache, sondern ebnete auch den Weg zu einer neuen Konfession, dem christlichen Protestantismus.

Weniger bekannt ist, dass Luther die Bibel nicht nur ins Deutsche, sondern auch ins Lateinische übersetzte – die Sprache der Gelehrten. Doch warum sollte ein Mann wie Martin Luther, der zeitlebens darum bemüht war, die Bibel ins Deutsche zu übersetzen und sie somit auch den einfachen, weniger gebildeten Menschen seiner Zeit, zugänglich zu machen, sie auch in eine Sprache übersetzen, die nur einem kleinen, privilegierten Teil der Bevölkerung vorbehalten war? Und warum sollte er die Bibel noch einmal ins Lateinische übersetzen, wo es doch schon die Vulgata gab?

Antworten auf diese Fragen erhält man, wenn man die Ergebnisse des Forschungsprojektes von Wolf-Friedrich Schäufele, Professor    für Kirchengeschichte an der Philipps-Universität Marburg näher betrachtet. Gemeinsam mit seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Christoph Galle hat er in den vergangenen sechs Jahren die Lebensarbeit Luthers an der lateinischen Bibel rekonstruiert.

Dabei fanden Schäufele und Galle heraus, dass Luther schon während seiner ersten Zeit als Universitätsprofessor, zwischen 1513 und 1521, die Notwendigkeit sah, offensichtliche Fehler im überlieferten lateinischen Bibeltext, der „Vulgata“, zu korrigieren.

Textveränderungen waren philologisch motiviert

Schon damals begann Luther, den Vulgata-Text zu verbessern  und orientierte sich dabei konsequent an dem hebräischen Grundtext. „Er hatte damals noch nicht die Absicht, den überlieferten Vulgata-Text grundsätzlich zu revidieren oder durch eine verbesserte Version zu ersetzen“, stellt Schäufele klar.

Tatsächlich hielt Luther in seiner ersten Psalmenvorlesung hebräische, griechische und lateinische Versionen der      

Psalmen noch für gleichwertige Wiedergaben der Heiligen Schrift, die man harmonisieren müsse und könne. „Selbst philologisch eindeutig falsche und von ihm ausdrücklich als solche bezeichnete Übersetzungen hat Luther als Basis seiner theologischen Auslegungen benutzt“, weiß Schäufele.

„Hier war er ganz Philologe, nicht Theologe“

Damit war Luther nicht allein. Viele humanistisch gebildete Gelehrte wie Erasmus von Rotterdam befassten sich mit der Verbesserung der Vulgata. Dabei ging es ihnen vor allem um philologische Verbesserungen.
Auch Luther nahm vorwiegend Wortänderungen, weniger inhaltliche Änderungen vor. „Hier war er ganz Philologe, nicht Theologe“, sagt Schäufele.

Ein Beispiel: statt ein hebräisches oder griechisches Wort mit verschiedenen lateinischen Begriffen zu übersetzen, wie es in der Vulgata der Fall war, bemühte sich Luther um eine lexikalische Vereinheitlichung, indem er diese Begriffe mit nur möglichst einem lateinischen Wort übersetzte.

Luthers Kenntnisse der Ursprachen Griechisch und Hebräisch wurden mit der Zeit immer besser, so dass er sich bei der Übersetzung immer seltener auf die Vulgata bezog, sondern direkt aus den Grundtexten ins Lateinische übersetzte.  Indem er sich sprachlich vermehrt vom lateinischen Grundtext emanzipierte, verlor Luther auch die anfängliche harmonisierende Tendenz,  hebräische, griechische und lateinische Textversionen als gleichwertig zu betrachten. Immer öfter kritisierte und verwarf er die fehlerhaften Übersetzungen der Vulgata.

Nach der Rückkehr von der Wartburg, seit 1523, beschäftigte sich Luther parallel zur Übersetzung der Bibel ins Deutsche mit der Korrektur immer mehr biblischer Bücher in der Vulgata.

1529 schließlich erschienen der sogenannte „Wittenberger Psalter“ und die „Wittenberger Vulgata“, eine nach den Grundtexten revidierte lateinische Bibelausgabe, die allerdings nur die Geschichtsbücher des Alten Testamentes sowie das vollständige Neue Testament enthielten. Auch  Luthers hochgebildeter Freund und Reformator Philipp Melanchthon, Professor der griechischen Sprache, hatte daran mitgearbeitet.

Anders als die deutsche Bibelübersetzung war die lateinische Bibel nicht für den Gottesdienst gedacht. „Dem Vorwort zufolge sollte sie von Theologiestudenten und Predigern als Hilfsmittel neben der Vulgata verwendet werden, also einem noch nicht ausreichend in den biblischen Grundsprachen geschulten gebildeten Leser an die Hand gegeben werden, um zur Verbesserung seiner philologischen Ausbildung beizutragen“, so Schäufele.

Luthers lateinische Bibel war kein Kassenschlager

Mit der Verbesserung der philologischen Ausbildung der Theologiestudenten wurde die „Wittenberger Vulgata“ jedoch immer unwichtiger. Zwar wurde sie bis 1570 noch fünf Mal nachgedruckt. Doch die späteren Theologen stützten sich in ihren Arbeiten auf andere lateinische Textausgaben – wenn sie nicht selbst direkt aus dem Urtext übersetzten.

Dies galt auch für Luther: Er war nun in der Lage die lateinische Gelehrtensprache souverän und eigenständig zu nutzen, um die genaueste Erfassung des hebräischen oder griechischen Schriftsinns zu gewährleisten. Er übersetzte selbstständig aus dem Grundtext und entfernte sich immer mehr von der Vulgata, an der er noch bis zum Ende der 1520er Jahre im Grundsatz festgehalten hatte. Auch wenn der lateinische Bibeltext für Luther nun keine Priorität mehr hatte, bedeutete dies jedoch nicht, dass er keine Rolle mehr für ihn spielte.

„Im Gottesdienst zum Beispiel hat er die lateinische Sprache nie ganz aufgeben wollen“, so Galle.  Luther habe mit der Tradition also nicht um jeden Preis brechen wollen – auch wenn er häufig so dargestellt werde.
Dies zeige sich auch daran, dass er, im gegensatz zu Erasmus von Rotterdam, der in seiner Bibelausgabe laut Galle den Vulgatatext gleich ganz „über Bord warf“, in dem lateinischen Text nur behutsam Veränderungen vorgenommen habe und sich nur selten Änderunmgen als eindeutig theologisch motiviert identifizieren lassen.

Drei Phasen

Luthers Arbeit an der lateinischen Bibel lässt sich biographisch in drei Phasen einteilen, in denen unterschiedliche Ziele und Prinzipien leitend waren:  

1513 bis 1521: Diese Zeitspanne umfasst die Zeit der frühen Vorlesungen bis zum Wormser Reichstag. Als Grundlage seiner ersten Vorlesung über die Auslegung von Texten des Alten Testaments korrigierte Luther lateinische Psalmtexte.

Doch wegen Mangel an Zeit und fundierten philologischen Kenntnissen blieb diese Arbeit in den Anfängen stecken. Dennoch kritisierte er vehement die Fehlübersetzungen der Vulgata, die bis dahin die maßgebliche Bibelausgabe für Theologie und Gottesdienst war.

1523 bis 1529: Nach seinem Aufenthalt auf der Wartburg verfolgte Luther neben der Fortsetzung der deutschen Bibelübersetzung, bei der er direkt aus dem Griechischen und Hebräischen statt aus der teilweise fehlerhaften Vulgata übersetzte, zeitweise das Ziel, eine auf den Grundtexten basierende verbesserte lateinische Bibelausgabe herzustellen.  Höhepunkt des Projekts, an dem auch der Reformator Philipp Melanchthon beteiligt war, war die „Wittenberger Vulgata“, die 1529 veröffentlicht wurde und die Geschichtsbücher des Alten und Neuen Testaments enthielt und die Theologen als Hilfsmittel für das Bibelstudium dienen sollte.

1530 bis 1546: In den letzten Jahren seines Lebens hat Luther den Plan einer vollständigen lateinischen Bibelausgabe nicht weiter verfolgt. Neben der Orientierung am hebräischen und griechischen Grundtext der Bibel kam der Übersetzung ins Lateinische nun nur noch ein untergeordneter Hilfscharakter zu. Die Bindung an die überlieferte Vulgata gab Luther auf und übersetzte stattdessen nun von Fall zu Fall aus den Grundtexten ins Lateinische.

von Ruth Korte

Zur Person

Wolf-Friedrich Schäufele   (Foto: Korte, rechts) ist  Professor    für Kirchengeschichte an der Philipps-Universität Marburg und zur Zeit Prodekan des Fachbereichs Evangelische Theologie. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der Kirchen- und Theologiegeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der Reformation. 1998 erhielt er den Johannes-Brenz-Preis des Vereins für württembergische Kirchengeschichte. Seit 2011 ist er Vorstandsmitglied im Verein für Reformationsgeschichte, ein gemeinnütziger Verein mit dem Zweck, die Erforschung der reformatorischen Bewegung, ihrer Voraussetzungen, Geschichte und Wirkung zu fördern und für die Verbreitung der wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zu sorgen.

Dr. Christoph Galle hat Geschichte und Latein auf Lehramt und Lateinische Philologie des Mittelalters und der Neuzeit sowie Neuere Geschichte auf Magister studiert. Seit 2013 arbeitet er an einer Habilitation im Bereich Mittelalterliche Geschichte. Er untersucht Predigtsammlungen des achten und neunten Jahrhunderts und versucht unter anderem Rückschlüsse auf Bildungshorizont der Prediger sowie unterschiedlicher Zielgruppen, auf Rezeption früherer Predigten und Kommentarliteratur zu ziehen. Er ist Mitglied in der International Medieval Sermon Studies Society, International Association for Neo-Latin Studies, Mediävistenverband und, ebenso wie Professor Schäufele, im Verein für Reformationsgeschichte.

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