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Martin Luther - als Luder geboren

Berühmter Name Martin Luther - als Luder geboren

Müller, Meier und Schmidt gibt es zu Tausenden. Manche heißen Klein und sind groß, andere haben gleich mehrere Nachnamen. Und dann gibt es noch die berühmten Namensvettern. Wie zum Beispiel Martin Luther.

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OP-Praktikantin Milena Luther mit einer Playmobilfigur von Martin Luther. Die 16-Jährige hat ihren ganz eigenen Erfahrungen mit dem Namen gemacht. Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Haben Sie gewusst, dass Martin Luther gar nicht mit diesem Namen zur Welt kam? Eigentlich hieß er Martin Luder. Da dieser Nachname aber vor 500 Jahren noch negativer behaftet war als heute, änderte der Theologe ihn um - erst in Eleutherius (der Freie), später dann in Martin Luther. So erklärt es der Leipziger Namensforscher Professor Jürgen Udolph in seinem Buch „Martinus Luder - Eleutherius - Martin Luther: Warum änderte Martin Luther seinen Namen?“.

Udolph begründet den Schritt Luthers damit, dass dieser nach seinem Aufstieg in die Wittenberger Oberschicht seinem niederdeutschen Namen Luder eine hochdeutsche Form geben wollte. Er habe das hochdeutsche Missverständnis seines Namens - der so viel wie „liederlicher Mensch“ bedeutete - und anzügliche Bemerkungen darüber vermeiden wollen. Das „th“ habe in jener Zeit zudem als „schick“ gegolten.

Martin Luther gilt als Urheber der Reformation. Seine Thesen, Predigten und Bibelübersetzungen veränderten die von der römisch-katholischen Kirche geprägte Gesellschaft und führten zu einer Glaubensspaltung und der Gründung der evangelisch-lutherischen Kirche. Luther ist damit quasi der Vater des Protestantismus. Kann man also Luther heißen und katholisch getauft sein? „Es sorgt auf jeden Fall bei dem ein oder anderen erst einmal für Verwirrung“, sagt Milena Luther. Die Elftklässlerin der Steinmühle absolvierte vor Kurzem ein Praktikum in der OP-Redaktion. Auch dort sorgte die Aussage „Ich heiße Luther und bin katholisch“ für ungläubige Blicke - und veranlassten die 16-jährige Schülerin dazu, über ihre Erfahrungen zu schreiben:

 

Leben mit dem Namen Luther

Luther und katholisch - das sind zwei Begriffe, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören. Und doch trage ich den Namen Luther und gehöre der katholischen Kirche an. Wie beides zusammenkommt? Die Antwort ist einfach: Familienentwicklung. Ob es auch direkte Verwandtschaftsbeziehungen zu Martin Luther gibt, ist aber unklar. Der Forschung früherer Verwandter nach ist unsere Familie eine indirekte Seitenlinie Luthers. Es ist schon ein tolles Gefühl, den Nachnamen einer in der Vergangenheit wichtigen Person zu tragen. Zeitweise kann das jedoch auch ungewollt Aufmerksamkeit erregen. So überraschte der Name einige ältere Teilnehmer einer Stadtführung, die einfach nicht glauben wollten, dass meine Familie katholisch ist und den „ketzerischen“ Namen Luther trägt. Lustig war dagegen eine andere Situation, in der sich ein Mann mit „Papst“ vorstellt und man mit „Angenehm, Luther“ antwortete. Der überraschte Herr Papst fragte daraufhin: „Ist das Ihr Ernst?“

Auch im Religionsunterricht sorgte mein Name für Aufsehen: Der Lehrer sprach mich vor der ganzen Klasse an und meinte, ich solle doch mal etwas über Luther erzählen. Spannend wird es vor allem dann, wenn man tatsächlich ein paar Jahre in die Vergangenheit blickt. Denn auch meine Groß- und Urgroßeltern berichteten von ähnlichen Begebenheiten: Zum Beispiel erzählten sie von einem Pfarrer, der den Namen seiner Lektorin nicht aussprechen wollte und sie bewusst nie grüßte und wenn doch, dann „aus Versehen“ mit falschem Namen. Des Öfteren fragten auch andere Katholiken, ob der Name mit „tt“ oder „d“ geschrieben werde, damit er bloß nicht dem von Martin Luther entspricht. Im katholischen Ausland gab es sogar eine Begegnung, bei der sich nach der gegenseitigen Vorstellung jemand bewusst abwandte, nachdem er aber feststellte, dass sein Gegenüber doch katholisch war, sich plötzlich wieder sehr freundlich verhielt. So gegensätzlich die Begriffe „Luther“ und „katholisch“ aber auch sein mögen, haben sie doch etwas gemeinsam: Ohne die katholische Kirche hätte es Martin Luther so nicht gegeben, und ohne ihn gäbe es die evangelische Kirche nicht. Somit lassen sich die beiden Begriffe sehr wohl miteinander verbinden.

von Katharina Kaufmann-Hirsch und Milena Luther

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