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Marburgs „Dr. House“ und der Türöffner

Professor Jürgen Schäfer stellt Buch vor Marburgs „Dr. House“ und der Türöffner

Professor Jürgen Schäfer, bekannt als der „Deutsche Dr. House“, liest am Donnerstag aus seinem neuen Buch „Der Krankheitsermittler“.

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Marburg. Professor Jürgen Schäfer leitet das „Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankungen“ am UKGM. „Unser Zentrum“, so wird es auf der Homepage des UKGM definiert, „soll eine Anlaufstelle für alle Patienten sein, bei denen trotz umfangreicher Diagnostik im Vorfeld keine befriedigende Diagnose erstellt werden konnte.“

Das klingt ganz nach der amerikanischen TV-Serie „Dr. 
House“, in der der Titelheld Dr. Gregory House in jeder der 177 ausgestrahlten Folgen nach den Ursachen einer lebensgefährlichen Erkrankung fahndet. Und tatsächlich ist der Fernsehstoff Vorbild für Schäfers ärztliche Tätigkeit:

Im Jahr 2008 begann er, seinen Medizinstudenten anknüpfend an die Kultserie aus dem Fernsehen schwierige medizinische Fälle zu erklären – die Serie sollte für Schäfer ein „Türöffner“ sein, um Studierenden Methoden und Schwierigkeiten medizinischer Diagnostik näherzubringen. „Die Studentinnen und Studenten kamen mit großer Begeisterung und lernten alles über Zinkvergiftungen, Kawasaki-Syndrom, Zysizerkose durch Schweinebandwurm und alles mögliche andere Gewürm“, berichtet er.

Schäfer hält Finanzierung von Hochschulmedizin für untauglich

Das Seminar wurde ein „Türöffner“ auch in anderer Hinsicht: Schäfer wurde über Nacht bekannt, er erhielt 2010 eine Auszeichnung als bester Hochschullehrer in Deutschland und wurde in einer Boulevardzeitung zum „Arzt des Jahres 2013“ gewählt. Und: Statt zunächst zwei bis drei Patienten pro Woche, die um Rat fragten, waren es 2013 bis zu 50 Anrufer pro Tag, die sich an Schäfer und seine Kollegen wandten. Folge: Das „Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankungen“ wurde 2013 gegründet – ein Zuschussgeschäft für den Klinikbetreiber, die Rhön AG, aber ein Gewinn für Hunderte von Verzweifelten, denen zuvor nicht geholfen werden konnte.

Professor Schäfer betont dies so stark, weil er das gegenwärtige System der Finanzierung von Hochschulmedizin für untauglich hält, personalintensive und aufwendige Diagnosen zu finanzieren. „Seltene und unerkannte Erkrankungen sind in dem gegenwärtigen System der Fallpauschalen nicht vorgesehen“, kritisiert er.

Im Sommer ist Schäfers Buch „Der Krankheitsermittler – Wie wir Patienten mit mysteriösen Krankheiten helfen“ erschienen und war zwischenzeitlich sogar in den Bestsellerlisten aufgetaucht. „Infotainment“ im besten Sinne nennt Schäfer sein Werk, er versteht das Buch als unterhaltendes, aber auch erziehendes Medium.

Das, was sich für den Leser so flüssig und spannend liest, ist in Wahrheit aber harte Arbeit. „Bis zu zehn Mal“, so berichtet Schäfer, ging das Manuskript zwischen ihm und dem Verlag hin und her, bis alle Medizinausdrücke verdeutscht, alle Fachbegriffe in verständliche Sprache übersetzt worden waren.

Manchmal ist die Lösung ganz einfach

Herausgekommen ist ein Werk, das nicht nur jede Menge Informationen über seltene und unaussprechliche Krankheiten 
(vom Hypoparathyroidismus über das Friedman-Goodman-Syndrom bis NMDA-Rezeptor-AK-Enzephalitis) liefert, sondern vor allem berichtet, wie rätselhafte Beschwerden sich auf eine relativ einfache Ursache zurückführen lassen. „Das geht nur mit Teamarbeit“, sagt Professor Schäfer, und das klingt einleuchtend: „Bei seltenen Erkrankungen müssen sich viele Experten am Nachdenken beteiligen, damit man die Ur­sache erkennt.“

Manchmal ist eine Erklärung relativ einfach. So wie bei jenem vitalen Mittfünfziger, der plötzlich Herzbeschwerden bekommt, Probleme mit den 
Augen und mit den Ohren hat. Sein Zustand verschlechtert sich rapide – sogar eine Herztransplantation wird in Erwägung gezogen.

Gut, dass es da „Dr. House“ und das Zentrum für unerkannte und seltene Krankheiten gibt. Als Professor Jürgen Schäfer mit dem Fall konfrontiert wurde, dachte er an eine Folge der US-Kultserie, in der ein Patient mit ähnlichen Symptomen an einer Metallvergiftung litt, die er sich nach der Einsetzung einer Hüftprothese zugezogen hatte. Und tatsächlich: In diesem Fall war es ganz genauso. Von der Hüftprothese seines Patienten löste sich Kobalt und vergiftete nach und nach den ganzen Körper. Auch das meint Schäfer, wenn er von „Türöffner“ redet: „Wenn wir seltene oder unerkannte Krankheiten bekannt machen, denken mehr Menschen daran, wenn es darauf ankommt.“

Natürlich, sagt Schäfer, sind die Geschichten, die er in seinem Buch erzählt, frei erfunden – das gebiete der Datenschutz. Die klinischen Beschwerden und ihre Symptome aber sind die Wahrheit – und wenn sie 
unterhaltsam beim Publikum rüberkommen, ist es Schäfer 
recht: „So können vielleicht Menschen gerettet werden.“

  • Professor Dr. Jürgen Schäfer liest aus seinem Buch „Der Krankheitsermittler“ in der Universitätsbuchhandlung Elwert/Lehmanns GmbH, Reitgasse 7/9, am Donnerstag ab 20 Uhr.

von Till Conrad

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