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Marburgs „Christkind“ ist ein „Königssohn“

Weihnachtsbaby aus Afghanistan Marburgs „Christkind“ ist ein „Königssohn“

Josef und Maria waren Flüchtlinge. Genau wie die Eltern des kleinen Shazaad, der an Heiligabend im Uniklinikum das Licht der Welt erblickte.

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Der kleine Shazaad wurde Heiligabend im Uniklinikum geboren. Seine Mutter Parween, seine Brüder Farhan und Mehran, sein Opa Abdul Jafari sind aus Afghanistan geflohen. Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Es ist still. Die Geburtsstation im Uniklinikum auf den Lahnbergen ist an Weihnachten wie ausgestorben. Es duftet nach Desinfektionsmittel und Gebäck. Aus Zimmer 14 dringen leise Stimmen. Der kleine Shazaad ist erst wenige Stunden alt. An Heiligabend um 19.17 Uhr erblickte er das Licht der Welt. Marburgs Christkind ist ein Flüchtlingsbaby.

Liebevoll hält ihn seine Mutter im Arm. Parween Bakhshi floh mit ihrer Familie aus Afghanistan. Eine Zeitlang war sie in einem Auffanglager in Schweden, vor drei Monaten kam sie nach Deutschland und lebt seitdem in Rauschenberg. „Wir wollten alle zusammen sein“, erklärt Abdul Ghafar Jafari und lächelt. Er ist Parweens Vater und das Oberhaupt einer Großfamilie, die auf der Flucht auseinandergerissen wurde. Seit anderthalb Jahren lebt Jafari in Rauschenberg und spricht schon sehr gut deutsch.

Stolz blickt er seinen Enkelsohn an und streicht ihm liebevoll über das kleine Köpfchen. Es ist sein siebter Enkel, aber für ihn ist er etwas ganz Besonderes. „Ich deute es als großes Glück, dass mein Enkel an Heiligabend zur Welt gekommen ist“, betont er selig.

Dabei ist Jafari gar kein Christ, sondern Muslim. Aber das Thema Religion sieht der Mann mit den dunklen, freundlichen Augen auf seine ganz eigene Weise: „Christentum oder Islam sind nicht so wichtig. Es kommt eigentlich nur hier drauf an“, sagt Jafari, fasst sich an die Brust und deutet auf sein Herz. „Man sollte stets dem Herzen folgen.“

Abdul Jafari hat viel durchgemacht. Die Geschichte seiner Familie ist eine Geschichte der Vertreibung. Sie beginnt 1988. Damals flieht Abdul Jafari aus Afghanistan nach Pakistan. Seine Familie gehört der Ethnie der Hazara an, der schiitischen Minderheit des sunnitisch geprägten Landes. Immer wieder kommt es in der Geschichte Afghanistans zu Gewalttaten an den Hazara.

„Die Regierung hat mir meinen Vater genommen. Ich hatte jede Minute Angst um meine Kinder, es ging einfach nicht mehr, wir konnten nicht mehr dort bleiben“, erinnert sich das Familienoberhaupt. Jafari ist ein gebildeter Mann, vor seiner Flucht lebte der Autohändler mit seiner Familie in Wohlstand. „Sie haben mir mein Haus, sie haben mir alles genommen“, sagt er.

Doch er macht weiter. Nach einigen Jahren in Pakistan geht er mit seiner Familie für sieben Jahre nach Japan. Hat dort ein Import-Export-Unternehmen mit drei Angestellten. Seine Heimat lässt ihn jedoch nicht los. „Ich hab irgendwann im Fernsehen gesehen, wie Kinder in Afghanistan für einen Hungerlohn zum Arbeiten gezwungen werden. Da wollte ich zurück, um meinen Mitmenschen dort Arbeit zu geben, ihnen zu helfen.“ 2004 kehrt er zurück nach Afghanistan. Es geht nicht lange gut. Schnell verschlechtert sich die Situation in dem instabilen Land wieder. Immer häufiger kommt es zu Terroranschlägen gegen die schiitische Minderheit. Laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wurden allein zwischen 2008 und 2014 mehr als 500 Hazara getötet.

Jafari kramt sein Handy hervor, zeigt Fotos seines ehemaligen Hauses in Kabul, Fotos seiner Enkel und dann das Foto eines kleinen Mädchens. „Diesem Mädchen haben die Taliban die Kehle durchgeschnitten.“

Während sich ihr Vater seine Lebensgeschichte von der Seele redet, sitzt Parween Bakshi schweigend auf dem Bett und hält ihren Sohn im Arm. Neben ihr sitzen ihre anderen beiden Söhne Farhan (3 Jahre) und Mehran (21 Monate). Seit drei Monaten hat sie keinen Kontakt mehr zu ihrem Ehemann Miraj, der noch in Schweden ist. Sie hofft, dass er sie findet und zu ihr kommt.

Die Bakhshis sprechen kein Deutsch. Die 27-jährige Mutter spricht etwas Schwedisch, kaum English. „Ich konnte nicht regelmäßig die Schule besuchen, für meine Kinder wünsche ich mir etwas anderes. Sie sollen eine bessere Chance haben als ich“, betont sie und ihr Vater fügt hinzu: „Sie sollen in Frieden aufwachsen zusammen mit deutschen Kindern und genauso gute Menschen werden, wie die, die uns hier begegnen.“

Ob sie in Deutschland bleiben können, ist allerdings noch ungewiss. Bislang sind sie noch nicht anerkannt. „Früher war ich oft als Geschäftsmann in Deutschland, jetzt bin ich ein Flüchtling. Das ist schwer.“

2012 floh Jafari mit seiner zwölfköpfigen Familie erneut aus Afghanistan, mit dabei auch seine 75 Jahre alte Mutter. Über die Türkei ging es nach Griechenland, dann wurde die Familie aufgrund von skrupellosen Schmugglern auseinandergerissen. „Auf der Flucht verlor meine andere Tochter ihr Baby“, erzählt Jafari leise.

Umso mehr freut er sich nun, dass der kleine Shazaad gesund und munter mit einer Größe von 52 Zentimetern und 3570 Gramm auf die Welt gekommen ist. „Wir wollten ihn gern Jesus nennen, um an seinen außergewöhnlichen Geburtstag zu erinnern, aber man sagte mir, das ginge in Deutschland nicht.“ Deshalb werden sie ihn Shazaad nennen. Es bedeutet Königssohn.

von Nadine Weigel

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