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Marburgerin betreute Waisen in Sri Lanka

Auslandserfahrung Marburgerin betreute Waisen in Sri Lanka

Die 22-jährige Marburgerin Isabell Schröder hat nach dem Abschluss ihres Bachelor-Studiums der Sozialwissenschaften als Praktikantin in einem Waisenhaus in Sri Lanka gearbeitet.

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Es ist 5 Uhr morgens, die Glocke klingelt. Aufwachen! Seit nunmehr 3 Monaten heißt es für mich um 5 Uhr aufstehen, alle Mädchen aufwecken, die Betten machen lassen und beim Umziehen helfen. Dann geht es raus zur „Morning Exercise“. Der Kreislauf muss in Schwung gebracht werden. Anschließend wird die Zahnpasta verteilt, die Zähnchen müssen gereinigt werden. Dann gibt es Frühstück, eine Gebetsrunde, und später wird das Grundstück gefegt. Nachdem alle ihre Uniformen angezogen und ich das Haaröl verteilt habe, heißt es durchatmen. Die Mädchen gehen zur Schule und ich kann mich noch einmal für zwei Stunden schlafen legen.

2005 hat Frank Lieneke den Verein „Dry Lands Project“ ins Leben gerufen, um die Idee einer Hilfsorganisation zu verwirklichen. Nachdem er verschiedene Heime in der Umgebung unterstützt hat, hat er im Januar 2006 das „Angels Home for Children“ eröffnet, und die ersten zwei Mädchen zogen ein. Der Verein sitzt in Deutschland und lebt ausschließlich von Spendengeldern. In Sri Lanka wurde er 2007 als „NGO“ unter dem Namen „Angels Foundation“ eingetragen. Sie bietet die nötige Sicherheit, dass Frank Lieneke und Julia Fischer, die 2007 zu dem Projekt kam, in Sri Lanka problemlos arbeiten können.

Es ist 13.45 Uhr, die Mädchen kommen aus der Schule. Sie waschen sich gruppenweise und säubern die Uniformen. Dann heißt es um 14 Uhr „Lunch­time“. Mit die beste Zeit am Tag. Das Essen ist unglaublich gut, die „Kitchenlady“ gibt alles, um die fast 60 hungrigen Mäuler zufriedenzustellen. Es gibt oft Undefinierbares, egal, es schmeckt so gut! Das Essen werde ich auf alle Fälle vermissen.

Kleines Paradies mit deutscher Geradlinigkeit

Lieneke und Fischer haben in der Stadt Marawili - 60 Kilometer von der Hauptstadt Colombo entfernt - ein kleines Paradies für elternlose und vernachlässigte Mädchen geschaffen, mit ein wenig deutscher Gradlinigkeit. Man fährt eine kleine Auffahrt zum Gebäudekomplex hinunter, vorbei an einem Volleyballfeld direkt auf die große Bühne zu, auf der wir oft mit den Kindern spielen. Im Gebäude finden sich zunächst der „Office“ Bereich und der Computerraum für die Praktikantinnen und die Schulungen der Mädchen. Weiter geht es mit den Unterkünften für die drei 24 Stunden anwesenden singhalesischen Arbeiterinnen und einer langen Tafel. Im zweiten Stockwerk befinden sich die Nachhilferäume, eine kleine Bibliothek, eine Nähwerkstatt und die Schlafsäle der Mädchen. Im dritten Stockwerk finden die Praktikantinnen dann ihre persönliche Rückzugszone. Es ist somit für alles und jeden gesorgt.

Es ist 15 Uhr, die Glocke klingelt wieder. Jetzt ist es Zeit für die Nachhilfe. Gehorsam trotten die Mädchen hinter mir in den Nachhilferaum. „Hello tea­cher!“, „Hello Lamai“ („Kinder“ auf Singhalesisch) - und dann heißt es für mich kleine Unruhestifter mit Spielchen begeistern, das Dschungelbuch vorlesen, die englische Grammatik üben oder die Mädchen ihren perfekten Tag schildern lassen.

Bald heißt es für mich Abschied nehmen. Durch die enge Zusammenarbeit und das gemeinsame Leben mit den Kindern kann ich es mir einfach nicht vorstellen, die Auffahrt zum Tor zu laufen und abends nicht wieder ins Angels Home zurück zu kommen. Die Mädchen sind sehr offen gegenüber neuen Praktikantinnen und suchen sehr schnell körperliche Nähe. Sie sind es gewöhnt, dass alle zwei bis drei Monate eine neue Praktikantin Einzug ins Angels Home hält.

Es ist 18 Uhr, Waschenszeit! Um 19.30 Uhr gibt es Abendbrot, die Glocke kündigt es an. Anschließend werden 50 kleine Portionen Zahnpasta verteilt und den Kleinsten noch die Kunst des Zähneputzens erklärt. Danach beginnt für mich die schönste Zeit des Tages. Das „Gute Nacht“ bzw. „Suba rathriak“ wünschen.Da werden Bäuchlein gekrault, Händchen gehalten und noch ein bisschen Unsinn getrieben, während die Kleinsten schon ihren Träumen nachjagen.

Kleine Gesten, große Emotionen

Am schwierigsten ist es hier, das Gleichgewicht bei allen Kindern zu halten, jedes hat seine fünf Minuten konzentrierte Aufmerksamkeit verdient, die sonst die Mutter zwischen nur zwei oder drei Kindern aufteilen muss. Aber genau in den Momenten, in denen ich den Mädchen etwas von mir geben möchte, geben sie mir umso mehr zurück. Es war unglaublich, als das erste Kind plötzlich seine Arme um meine Hüfte geschwungen hat, ich glaube, es war die kleine Achini, und dann, als Bodika das erste Mal meinen Namen aussprechen konnte. Das sind die bewegendsten Augenblicke hier. Und wenn man dann ein paar Tränchen über den Tag verteilt getrocknet hat und wieder ein Lächeln auf das Gesicht gezaubert hat, heißt es gegen 21.30 Uhr auch für die Praktikantinnen „Schlafenszeit“. Am nächsten Morgen klingelt schließlich um 5 Uhr wieder erbarmungslos der Wecker.

Nach jahrelangen Erfahrungen mit der schlechten Schulbildung für Mädchen in Sri Lanka wollen Frank Lieneke und Julia Fischer nun ein Ausbildungszentrum für Mädchen ohne Schulabschluss eröffnen. Weitere Infos zum Projekt gibt es auf der Homepage http://www.dry-lands.org

von Isabell Schröder

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