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Marburger verübte keine RAF-Anschläge

Wolfgang Grundmann Marburger verübte keine RAF-Anschläge

Das Ex-RAF-Mitglied Wolfgang Grundmann, der als Spitzenkandidat der SPD in den Ortsbeirat Weidenhausen gewählt werden will, äußert sich auf OP-Anfrage nicht zu seiner Vergangenheit.

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Ein Bild aus einem Archivband der Oberhessischen Presse vom 3. März 1972.

Quelle: Archivbild

Marburg.  „Kein Kommentar“, sagt der 67-jährige Selbstständige im OP-Gespräch am Donnerstag. Auch auf die Frage, ob er – wie Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) am Mittwochabend sagte – tatsächlich „geläutert“ sei, schweigt Grundmann. Auskünfte wolle er gegebenenfalls erst nach der Kommunalwahl am Sonntag geben.

Grundmann habe aus seiner Vergangenheit kein Geheimnis gemacht, sagt die Marburger SPD. Emel Zeynelabidin, parteilose Kandidatin auf der Weidenhäuser SPD-Ortsbeiratsliste, sagte auf OP-Anfrage: „Ich wusste davon nichts.“ Sie kenne Grundmann, aber dieser Teil seiner Vergangenheit sei ihr nicht bekannt gewesen. „Aber das ist jetzt absolut kein Grund für mich, den Kontakt zu ihm abzubrechen. Jeder Mensch kann  sich verändern. Es sei denn, er steht noch dazu“, sagt die 56-Jährige. Die Vergangenheit eines Menschen sollte nicht wieder aufgerollt werden, um sie politisch gegen ihn zu verwenden.

Grundmann  – zur Zeit seiner RAF-Mitgliedschaft 25 Jahre alt – war kein Anführer der Roten Armee Fraktion und wurde bereits am 2. März 1972 in Hamburg verhaftet. Diese Phase zählt Historikern zufolge zur Zeit des logistischen Aufbaus der Terrorgruppe, deren eigentlicher Kampf drei Monate nach Grundmanns Festnahme begann: ab Mai 1972, als Mitglieder fünf Sprengstoffanschläge verübten, den ersten in Frankfurt.

Der in Marburg als Student eingeschriebene Grundmann soll zuvor, am 22. Dezember 1971, an einem Banküberfall in Kaiserslautern beteiligt gewesen sein (Beute: 134 000 Deutsche Mark) – gemeinsam mit seinen Komplizen Manfred Grashof, der offenbar gewalttätiger war. Bei der Festnahme in einer Wohnung in Hamburg, bei der Grundmann sich sofort widerstandslos ergab, erschoss Grashof den Polizisten Hans Eckhardt. Bereits beim Raub in Kaiserslautern wurde ein Polizist, Herbert Schoner, getötet. Diese Tötung ließ sich keinem der verdächtigten RAF-Mitglieder direkt nachweisen, auch Grundmann nicht. Komplize Grashof sollte jedenfalls schon ein Jahr vor dem Vorfall in Hamburg, im Februar 1971 in Frankfurt festgenommen werden, entkam aber.

RAF-Mitglied saß mehr als vier Jahre im Gefängnis

Dem Marburger Grundmann wurde auch der Banküberfall letztlich nicht nachgewiesen, er wurde nur wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Er kam im Oktober 1976 aus dem Gefängnis, nachdem er samt Untersuchungshaft viereinhalb Jahre im Gefängnis saß, weshalb er noch Aussicht auf Haftentschädigung hatte. Besonders an dem Verfahren damals war auch: Grundmann lief mit 15 Rechtsanwälten auf. Infolgedessen wurde 1977 eine Höchstgrenze von drei Anwälten pro Mandant eingeführt.

Noch in Haft soll sich Grundmann, ähnlich wie RAF-Mitbegründer Horst Mahler (Terror sei ein „Verbrechen gegen die Revolution“), von den Linksextremisten losgesagt haben. Den Sicherheitsbehörden fiel er nach seiner Entlassung nicht mehr auf.

Die Marburger SPD reagierte am Donnerstag mit einer Pressemitteilung - nachdem der Fall bundesweit für Aufsehen sorgte. „Helmut Schmidt und die SPD haben im ,Deutschen Herbst‘ 1977 den Terrorismus erfolgreich bekämpft. Für seine Taten hat Wolfgang Grundmann vor 40 Jahren eine Haftstrafe verbüßt. Im Rechtsstaat gilt: Danach bekommt jeder eine neue Chance. Das ist Kernbestandteil der Rückkehr in die Gesellschaft“, sagt Monika Biebusch, Parteivorsitzende. „Wolfgang Grundmann besitzt das aktive und passive Wahlrecht, was er wahrnimmt. Er kandidiert für den Ortsbeirat eines Quartiers, in dem er schon aufgewachsen und fest verwurzelt ist“, erklärt Sascha Hörmann, Vorsitzender des Weidenhäuser SPD-Ortsvereins. Gegenüber der OP wollte er sich am Donnerstag nicht weitergehend äußern.

von Björn Wisker
und Anna Ntemiris

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