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Marburger schwärmt vom Hitze-Bus

OP-Miniserie "Flotte Flotte" Marburger schwärmt vom Hitze-Bus

Martin Handl ist in dem Jahr geboren, als eines der prägensten Bus-Modelle Marburg eroberte: Magirus Deutz. Ab 1959 fuhren die Fahrzeuge durch die Stadt - mit ihm verbindet auch Handl so einige Erinnerungen.

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Bus-Fan am Bus-Zentrum mit Bus-Modell: Martin Handl (54) . Fotos: Björn Wisker / Privat

Marburg. „Ich habe mein Herz an die Busse verloren, bin mit diesem Virus infiziert worden“, sagt der 54-Jährige. Marburgs Stadtbusse seien für ihn allgegenwärtig, ein Teil der Erinnerung an die Jugend. Der Schulweg von der Brunnenstraße zur Steinmühle, die Freizeitfahrten zum Frauenberg, das ständige Verpassen der Linien an der Konrad-Adenbauer-Brücke: „Das ganze Drumherum fasziniert mich bis heute.“ Vor allem ein Fahrzeug hat es dem Hobby-Modellsammler angetan: Der Magirus-Deutz Saturn II.

Dessen Ära begann in Marburg Ende Juni 1959. „Zunächst fuhren zwei Busse. Im Herbst folgten zwei weitere. Bis 1964 wuchs der Fahrzeugbestand auf 17 Stück an“, erklärt Handl, der sich in der Freizeit mit der lokalen Nahverkehrsgeschichte auseinandersetzt. Gründe für die damalige Fuhrparkerweiterung lagen Handl zufolge in der stetigen Bevölkerungs-zunahme, begleitet von einem bis dato nicht gekannten Bauboom in Wehrda, Ockershausen, Marbach, Richtsberg, Waldtal, Ortenberg und Cappel.

Als Folge der Expansion entstanden zusätzlich neue Straßen, welche in das sich langsam erweiternde Busliniensystem integriert wurden. Der Nahverkehr - mit ihm ging es immer zügiger von A nach B. „Damals, Anfang der 1960er, gab es dieses Massenaufkommen an Autos ja noch nicht“, sagt er. So sehr sich die Verbindungen auch verbesserten - komfortabel waren die Mini-Reisen durch die Stadt nicht. „Die Busse waren wie fahrende Backofen, eine rollende Sauna samt ungewolltem Schwitzbad“, sagt Handl. Er erinnere sich noch lebhaft an die in den Bussen vorhandenen roten Kunstledersitze, die sich in den Sommermonaten durch die Sonneneinstrahlung besonders stark aufheizten. „Wie damals üblich, trugen wir Kinder kurze Hosen - Stoff und besonders auch Leder -, was dann bei der Platznahme auf den Sitzen sofort mit einem gewissen Schreckmoment einherging, wie wenn sich zarte Kinderbeine auf eine heiße Herdplatte setzen würden“, sagt er. Stoffsitze seien in den Marburger Stadtbussen damals eben noch nicht in Mode gewesen.

Gegen die Hitze gab es kaum ein Mittel, schon gar keine Klimaanlage. Für etwas Abkühlung im Fahrgastraum sorgte nur eines: die - bei geringer Passagierzahl - geöffnete Fronttür.

Anekdote: Wie Frauen die Röcke kaputt gingen

„Für mich als damaliger kleiner Junge war auch besonders von Interesse, den Busfahrern über die Schulter zu schauen, wenn sie bei der Abfahrt des Busses die verschiedenen weißen Türknöpfe zum Schliessen der Türen betätigten“, sagt Handl. Da die Türen durchaus zickig gewese seien, musste der Schließmechanismus häufig wiederholt werden. Handl verbindet vor allem ein lautes Geräusch mit dem Magirus Deutz: „Bei der Anfahrt wurde die Gangschaltung mit einem unüberhörbaren Rrrummmm-Knackgeräusch bewegt.“

Handl war als Kind ein aufmerksamer Beobachter - und ihn interessierte das kleine Warnschild „Nicht mit dem Wagenführer sprechen“ kaum. „Das konnte mich nicht abhalten, von dem einen oder anderen netten Busfahrer etwas über den Bus oder den Beruf des Busfahrers in Erfahrung zu bringen.“

Eine Besonderheit gab es in der Sitzkonstruktion der Baureihe Magirus-Deutz Saturn II: die erhöhten Plätze über den Radkästen. Diese wurden von den jüngeren Fahrgästen bevorzugt - Frauen hingegen mieden die Sitze, da sie dort mit längeren Röcken hängenblieben, erzählt der 54-Jährige. „Sofern diese Spezialsitze bereits besetzt waren, versuchte man alternativ einen der beiden Eckplätze auf der Rücksitzbank zu erhaschen, wegen der bequemen Rücklehne. Das war damals Mitfahrvergnügen pur!“

Schwärmer Handl wird nostalgisch, wenn er an das Ende der Magirus-Deutz-Ära in Marburg denkt: Am 11. August 1981 wurde das letzte Modell aus der Reihe des Saturn II 150 ST ausgemustert. „Seit den Endfünfzigern prägten die Busse das Bild des öffentlichen Personennahverkehrs der Stadt, legten auf ihren Linienstrecken zig Tausende Kilometer zurück. Dann mussten sie Platz machen für eine neue Generation von standardisierten Linienbussen der Marke MAN 750 HO-SL.“

Die Eltern von Martin Handl haben ihm übrigens einst die Geschichte seines ersten als Kind gesprochenen Wortes erzählt. „Auto“ soll es gewesen sein.

von Björn Wisker

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