Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 5 ° wolkig

Navigation:
Marburger interviewt Atheisten in Ägypten

Crowd-finanzierte Forschung Marburger interviewt Atheisten in Ägypten

Ägypten ist ein Land, das in den vergangenen Monaten kaum zur Ruhe gekommen ist. Doch wie lebt es sich in dem islamischen Staat als Atheist? Dieser Frage will der Marburger Student Johann Esau auf einer Forschungsreise nachgehen.

Voriger Artikel
Nach der Polemik das Gummibärchen
Nächster Artikel
Alkoholsüchtiger bedroht Sanitäter und Polizisten

Der Tahrir-Platz in der ägyptischen Hauptstadt Kairo bei den Unruhen des „Arabischen Frühlings“ im Jahr 2011. 

Quelle: Archivfoto

Marburg/Kairo. Für seine Masterarbeit fährt der 26-Jährige nach Ägypten, um sich dort vor Ort ein Bild zu machen. Offiziell gebe es keine Atheisten in dem Land der Pharaonen, doch verschiedenen Schätzungen zufolge bewege sich die Zahl zwischen einem und fünf Prozent der Bevölkerung. Von seinen Freunden und Bekannten in Ägypten könnten sich die meisten aber auch kaum vorstellen, dass es dort Menschen gebe, die sich zum Atheismus bekennen, erzählt Esau. Im Wintersemester 2011/12 studierte er bereits in Kairo. Die bei seinem damaligen halbjährlichen Aufenthalt in der ägyptischen Hauptstadt entstandenen Kontakte möchte er nun nutzen, um Interviewpartner zu finden.

„Die Interviews sollen Hypothesen für meine Masterarbeit generieren“ sagt der Student. Die Ergebnisse seien dementsprechend offen, so Esau, der ohne konkrete Erwartungen in die Gespräche geht. Zehn bis zwölf Atheisten möchte er während seines vierwöchigen Aufenthaltes am Nil interviewen. Außer durch seine Bekanntschaften versucht er auch durch eine Facebook-Gruppe geeignete Personen zu finden.

„Es soll eine Lebensweltanalyse sein“, sagt Esau, der den Verlauf der Gespräche nicht „von drei bis vier konkreten Fragen abhängig machen“ möchte. Dennoch habe er sich natürlich Fragestellungen überlegt. Die Gruppe der Atheisten scheine durch die Ereignisse des Arabischen Frühlings deutlich gewachsen zu sein. „Nicht bekannt ist, wie diese Ägypter zu ihren Überzeugungen gelangten, ob eher aus einer Antihaltung gegenüber dem fundamentalistischen Islam oder ob beispielsweise die Wissenschaft sie überzeugte“, erläutert der Orientwissenschaftler.

Atheist sein „noch größeres Problem“ als Christ sein

Die meisten Atheisten vermutet er unter den Angehörigen höherer Bildungsschichten. Ob sich angesichts der derzeitigen Umbrüche in Ägypten auch andere Gruppen zum Atheismus bekennen, ist für ihn eine weitere spannende Frage seiner Forschungsarbeit. Daher wolle er zum Beispiel auch Atheisten mit koptischem Hintergrund befragen und herausfinden welche Unterschiede sich dadurch möglicherweise ergeben.

Die Gruppe der koptischen Christen gilt in Ägypten ebenfalls als unterdrückt und diskriminiert. Immer wieder kam es auch in der jüngeren Vergangenheit zu Ausschreitungen und Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen. Schon im Vorfeld seiner Reise könne er aber sagen, so Esau, dass es „ein noch größeres Problem ist, Atheist zu sein.“ Im Zweifel sei es „sogar noch besser, wenn man Jude ist“.

Viele Atheisten leben daher ein Doppelleben unweit der Pyramiden. Herauszufinden, welche Folgen das für ihren Alltag hat, ist einer der zentralen Beweggründe für die Forschungsreise des Marburger Arabisten. Erst einmal sind die Ergebnisse ausschließlich für seine Masterarbeit gedacht, doch sollte es Interesse an einer Veröffentlichung geben, steht Esau einer Herausgabe seiner Publikation offen gegenüber. Sollte dies nicht der Fall sein, wolle er seine Abschlussarbeit online zur Verfügung stellen.

Finanzierung der Reise durch private Spenden

Finanziert wird seine Reise durch die Crowdfunding-Plattform „Sciencestarter“ im Internet, wo Esau seine Idee vorstellte und innerhalb von dreieinhalb Wochen ausreichend Unterstützer fand, die für sein Projekt spendeten. Die Initiative „Wissenschaft im Dialog“ (WID), die sich seit 15 Jahren für den Dialog von Wissenschaft und Gesellschaft einsetzt, rief die Plattform im vergangenen Jahr ins Leben. Durch sie ermöglicht sie kleineren wissenschaftlichen Projekten eine onlinebasierte Finanzierung über viele Einzelpersonen. Besonders interessant sei sie daher laut WID für Projekte, deren anberaumte Summen zu klein für öffentliche Förderanträge sind und die schnell umgesetzt werden wollen.

Johann Esau versprach seinen Unterstützern aus Dank, sie regelmäßig über den Fortschritt seiner Forschung zu informieren. Obendrein können sie sich nun auf eine Postkarte aus Kairo oder eine namentliche Nennung in der gedruckten Fassung der Masterarbeit freuen. Einem besonders großzügigen Spender hat Esau außerdem einen Vortrag über sein Forschungsprojekt zugesagt.

Im Blickpunkt: Der Marburger Arabist Johann Esau

Johann Esau wurde am 6. Oktober 1986 in der kirgisischen Stadt Iwanowka geboren und wuchs im westfälischen Höxter auf. Für sein Studium am Centrum für Nah- und Mitteloststudien (CNMS) der Universität kam er im Jahr 2007 nach Marburg. Nach seinem erfolgreich abgeschlossenen Bachelor-Studium macht er dort nun auch seinen Master in Arabischer Literatur. Neben seinem Studium treibt der 26-Jährige gerne Sport, besonders Fußball. Zudem interessiert er sich stark für Bücher und Filme.

von Peter Gassner

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr