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Marburger hackte die Sparkasse

OP-Serie: Einer von uns Marburger hackte die Sparkasse

Mit dem legendären ­„Haspa-Hack“ zwang Wau Holland die Bundespost vor 30 Jahren dazu, ­Sicherheitslücken im ­Internet-Vorgänger „Bildschirmtext“ einzuräumen.

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Datenschutz-Pionier und CCC-Gründer Wau Holland im November 1984.

Quelle: Werner Baum, dpa

Marburg. „Wenn ein System Schwächen hat, dann gibt es immer irgendwelche Leute, die versuchen, diese Schwäche zu Geld zu machen“, sagte Wau Holland 1984 im „heute Journal“. Der Hacker, der mit bürgerlichem Namen Herwart Holland-Moritz hieß, hatte gerade einen Fehler im „Bildschirmtext“ (BTX) der Bundespost ausgenutzt und die Hamburger Sparkasse (Haspa) dadurch um 135 000 Mark gebracht. Was das „heute Journal“ der Öffentlichkeit als „Bankraub per Knopfdruck“ verkaufte, war vor allem ein Angriff auf den Post-Monopolisten.

Der Chaos Computer Club (CCC), den Wau mit anderen Hackern 1981 gegründet hatte, lieferte sich mit der Bundespost damals einen echten Kleinkrieg. Es ging um Sicherheitslücken im BTX-System, aber auch um restriktive Vorschriften des Fernmeldegesetzes. „Das Anschließen eines Selbstbaumodems wurde härter bestraft als das fahrlässige Auslösen einer atomaren Explosion“, soll Wau Holland einmal gesagt haben. Und mit den Modems zu experimentieren, das wollten sich die PC-Pioniere nicht verbieten lassen.

Hollands Hack machte den CCC berühmt, während BTX von da an nicht mehr nur als kompliziert und teuer bekannt war, sondern auch als unsicher.

BTX damals neueste Technik

Dabei hatte die Post große Hoffnungen in die Technik gesetzt und viel investiert. Mit BTX konnte man schon 1981 sozusagen „online“ einkaufen und recherchieren. Während langsam die ersten Computer von IBM, Apple, Atari und Commodore aufkamen, lief das BTX auf Fernsehern. Sie wurden mit einem Modem verbunden und ermöglichten den Nutzern dann, auf die BTX-Seiten von Unternehmen wie Otto Versand oder der Deutschen Bahn zuzugreifen. Die Seiten sahen allerdings eher so aus wie der heutige Videotext.

Die Hacker Wau Holland und Steffen Wernéry waren an das BTX-Passwort der Haspa gekommen und hatten dann im Namen der Bank ein kostenpflichtiges Angebot auf ihrer eigenen BTX-Seite mehr als 13 500-mal aufgerufen. Jedes Mal, wenn das kleine blaue Raumschiff über den Bildschirm flog und dabei diverse Posthörner zerschoss, wurden der Haspa 9,97 Mark berechnet.

Am Montag saßen Wau und Wernéry, wie Wau 1999 in einem Interview mit der Computerzeitschrift c‘t erzählte, mit Journalisten im Büro des Hamburger Datenschutzbeauftragten und riefen bei der Sparkasse an: „Hallo, da ist der Chaos Computer Club, bei Ihnen fehlen beim Bildschirmtext über 100 000 Mark. Aber machen Sie sich keine Sorgen, wir wollen das Geld nicht haben!“

Wau sammelte Wissen bei Pfadfindern

„Die beiden waren vorher zu einem Notar gegangen, hatten ihre Aktion angekündigt und festgelegt, dass sie das Geld zurückgeben würden“, erzählt Friedemann Korflür. Der Marburger war seit der gemeinsamen Zeit bei den Pfadfindern in Marburg mit Wau befreundet. Als Pfadfinder machten sie Fahrten quer durch Europa – in schrottreifen Autos, die sie selbst für die langen Touren herrichteten, per Bus, Bahn, Fahrrad oder auch mal als Tramper, erzählt Korfür.

Er sieht einen Zusammenhang zwischen den mechanischen Herausforderungen bei den Pfadfindern und der Tatsache, dass viele aus der Gruppe später Mathematiker, Physiker und Ingenieure wurden. Neben diesen handfesten Aktivitäten wurde unter Gruppenleiter Günter Olbrich aber auch intensiv debattiert. „Bei Diskussionen über ethische und politische Themen war Wau Holland immer vorne mit dabei“, sagt Korfür.

Seine Erinnerungen passen zu dem öffentlichen Bild, das auch nach Wau Hollands Tod noch im Netz sehr präsent ist. Der Alters- und Ehrenpräsident des CCC, der inzwischen eine anerkannte Expertengruppe für Fragen der Datensicherheit geworden ist, wird als Doyen der Hackerszene und unkonventioneller Freidenker verehrt. Ihm wird zugeschrieben, den Hackern den Weg in die Legalität und in gesellschaftliche Verantwortung bereitet zu haben. Er verband Ethik mit Informatik und machte sich schon darüber Gedanken, wem die eigenen Daten gehören, als es weder Smart­phones noch Facebook gab.

Waus Werdegang nach der Wende

Später, nach der Wende, lehrte Wau als Honorarprofessor für Ethik in der Informatik an der TU Ilmenau.

Anders als manch anderer Hacker machte Wau sein Wissen weder auf legalem noch auf illegalem Wege zu Geld. Er schrieb für das CCC-Magazin „Datenschleuder“ und die „taz“, hielt sich mit den Honoraren laut Korflür aber eher über Wasser. Als Wau schon lange nicht mehr in Marburg lebte, kam er, wie Korflür sich erinnert, für mehrere Wochen bei Freunden und seiner Schwester unter.

2001 starb Wau Holland in Folge eines Schlaganfalls in Bielefeld. Zu der Beerdigung auf dem Friedhof an der Ockershäuser Allee kamen nicht nur Korflür und die Pfadfinder, sondern auch viele, die in der deutschen Hackerszene aktiv waren, nach Marburg. „Das Bürgerhaus in Cappel war voll nach der Beerdigung“, sagt Korflür. Es war wohl der Ort, an dem fünf enge Freunde Hollands mit Unterstützung seiner Eltern die „Wau Holland Stiftung“ gründeten. Die Stiftung setzt sich für Informationsfreiheit ein und unterstützte unter anderem Wikileaks mit mehreren Hunderttausend Euro Spendengeld.

Steckbrief

Name: Herwart Holland-Moritz
Geboren: 20. Dezember 1951 in Kassel
Gestorben: 29. Juli 2001 in Bielefeld

In Marburg

Von 1961 bis ca. 1981 lebte Holland-Moritz in ­Marburg, ging hier zur Schule und studierte dann (ohne Abschluss) Informatik, Mathematik, Politik und Elektrotechnik an der Philipps-Universität. 1981 zog er nach Hamburg und bald darauf weiter nach Berlin. Wau Holland liegt auf dem Friedhof an der Ockershäuser Allee

Schule: Gymnasium Philippinum

O-Ton:

„Einloggen, frohloggen, ausloggen.“
„Hacken ist, wenn man das Wasser für das Fertigkartoffelpüree mit der Kaffeemaschine erhitzen kann.“
„Die meisten Menschen sterben als Kopie, obwohl sie als Originale geboren wurden.“

(Die Zitate werden Wau Holland laut aphorismen-archiv.de zugeschrieben)

von Thomas Strothjohann

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