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Marburger Türken gegen Erdogan

Stimmungsbild Marburger Türken gegen Erdogan

In der Türkei scheint die Lage rund um Regierungschef Recep Tayyip Erdogan angesichts der jüngsten Entwicklungen zu ­eskalieren. Die OP hat Türken aus Marburg zur Situation befragt.

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Solidaritätsbekundung mit den türkischen Demonstranten durch einige Marburger am Rudolphsplatz.

Quelle: Peter Gassner

Marburg. Deniz Dincer studierte Politik- und Medienwissenschaften in Marburg und wollte anschließend in die Heimat ihrer Eltern zurück kehren. Nach acht Monaten kam sie dann aber wieder nach Deutschland, denn „ich habe es nicht ausgehalten“, sagt sie. Es herrsche eine „latente Unterdrückung“, weswegen „ich stolz bin, dass das Volk sagt: Jetzt reichts“.

Als die Proteste begannen, war sie selbst vor Ort und besuchte gerade ihre Familie in Sariyer, einem Vorort von Istanbul. Anfangs sei der Ort nicht betroffen gewesen, „aber mittlerweile passiert das ja alles im ganzen Land“, so Dincer. Seit Freitag, dem 7. Juni ist sie wieder in Deutschland, doch von Freunden bekommt sie die aktuellen Entwicklungen „aus erster Hand“ zugetragen. Sie erhebt schwere Anschuldigungen gegen den Premierminister, der „gegen alle Menschenrechte“ handele.

"Alles war kontrolliert"

„Erdogan lügt die ganze Zeit nur“, sagt sie. Sie ist der Meinung, dass nur ein Teil der Geschehnisse in den Medien ankommt. Sie selbst machte ein Praktikum bei einer türkischen Zeitung und brach dieses nach vier Monaten ab, da ihr die Zeitung zu regierungsnah war. „Die haben einfach alles abgedruckt was die Regierung vorgegeben hat, alles war kontrolliert“. Die einzigen Medien, die sich dieser Praxis verweigerten, müssten nun drastische Strafen fürchten. Auch einfache Bürger würden zum Teil zu Terroristen erklärt, nur weil sie im falschen Moment auf der Straße seien.

„Erdogan tut das als kleine Gruppe ab, aber inzwischen ist es ein riesiger Volksaufstand“ berichtet sie weiter. „Es stimmt auch nicht, dass 50 Prozent der Leute für ihn sind“ behauptet die 41-Jährige. „Seine Anhänger sind alle gekauft“. Der demokratisch gewählte Regierungschef habe die Unterstützung seit der Wahl längst verloren. Das könne man schon daran erkennen, dass unterschiedliche ethnische und soziale Gruppen gemeinsam protestierten.

Der größte Vorwurf, den sie der Regierung macht, ist jedoch die Art und Weise des Polizei-Vorgehens. Es werden nicht nur Tränengas und Gummigeschosse eingesetzt, sondern auch Chemikalien. „In den Wasserwerfern ist eine orange-gelbe Substanz, die zu Rötungen und Allergien führt“ erzählt sie. „So was macht man nicht einmal im Krieg!“ Inzwischen seien die Verhältnisse „wie in Syrien, ja eigentlich sogar fast schlimmer“. Der AKP-Chef sei „unberechenbar“ und ein Ende der Unruhen nicht abzusehen. „Es wird jeden Tag mehr werden, aber wie es letztlich weiter geht weiß ich auch nicht“, so Dincer.

Auch Menderes Ertürk hofft auf einen Erfolg der Proteste und einen Regierungswechsel. Als Kurde „finde ich es auf eine gewisse Weise auch ganz gut, dass die anderen Türken sehen wie es uns ergangen ist. Wir erleben das Gleiche schon seit 30 Jahren“. Selbstverständlich seien die Ereignisse traurig. „Wir Kurden sind ja nicht gegen die türkische Bevölkerung, sondern gegen die Regierung. Jetzt sind wir alle gemeinsam auf der Straße“. Er glaubt an weitere Auseinandersetzungen und sagt: „Ich denke, dass die Regierung am Ende gestürzt wird. Es werden aber leider noch viele Zivilisten sterben.“

Verschiedene Auffassungen - auch in Marburg

Erfreut ist er jedoch zumindest über die Anteilnahme. „Ich freue mich über die Unterstützung in Marburg“, so Ertürk über die Demonstranten am Rudolphsplatz. Bulent Turgut stimmt in diesem Punkt zu. „Es ist schön, dass Leute sich solidarisieren“. Aber selbst unter den Türken in Marburg gebe es verschiedene Auffassungen. „Manche glauben Erdogan und sagen, seine Gegner hätten doch angefangen“. Er selbst steht aber ebenfalls auf der Seite der Demonstranten. „Erdogan setzt den Glauben als Instrument ein“, sagt er und sieht ihn als Hauptschuldigen an der Eskalation. „Die Partei ist zwar auch mit Schuld, aber es ist vor allem Erdogan.

"Demokratie ist nur ein Zug zum Ziel"

Er kann leider sehr sehr gut reden“. Mit seinen öffentlichen Auftritten verstehe er es, Menschen zu verführen. „Er kommt mir manchmal fast vor wie ein Showmaster“, so der Inhaber der Diskothek „Unix“. So komme es auch, dass der Premier demokratisch gewählt wurde. Sein Zitat, dass ihn 1998 vorübergehend ins Gefängnis gebracht hatte, spreche aber Bände. Auf einer Wahlkampfveranstaltung im Jahr 1997 hatte er gesagt: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Bulent Turgut ist daher auch überzeugt, dass Erdogan niemals wirklich geplant habe der EU beizutreten und „den Westen schön ausgespielt hat.“ Nun sei es für das mediale Interesse in Deutschland „ganz gut, dass Claudia Roth etwas abbekommen hat“, so Turgut.

Turgut: Westen muss jetzt Druck machen

Er hofft auf eine Reaktion aus Europa und findet „der Westen muss jetzt Druck machen“.Sollte die Entwicklung anhalten befürchtet er „dass zerbricht, was in den letzten 80 bis 90 Jahren seit Kemal Atatürk aufgebaut wurde“. Dennoch hat er die Hoffnung, „dass einige so langsam die Augen öffnen“. Auch seine Familie ist sowohl in Ankara als auch in Istanbul mittendrin im Konflikt. Besonders sein Neffe in Ankara sei als Student sehr aktiv mit dabei.

 Er selbst fährt drei bis vier mal im Jahr in die Türkei und will sich dort in Zukunft „frei bewegen können“. Die Regierung solle den Menschen nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben, so Turgut. „So wie die Leute die Religion respektieren, soll die Regierung auch das Verhalten der Menschen akzeptieren“, appelliert er. „Es ist jetzt auf jeden Fall mal gut, dass die Leute zeigen, wir lassen mit uns nicht alles machen“, findet auch er. Aus diesem Grund werde „die nächsten Tage definitiv noch eine Menge passieren.“

von Peter Gassner

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