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Prominente über ihr Verhältnis zu Gott

Marburger Ökumenegespräch Prominente über ihr Verhältnis zu Gott

Drei Biografien, drei Zugänge zu Religion: Religionskritiker Kurt Flasch, die Katholikin Annette Schavan und der evangelische Pfarrer Friedrich Schorlemmer berichteten beim 15. Marburger Ökumenegespräch.

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Zahlreiche Zuhörer verfolgten die Vorträge beim 15. Marburger Ökumenegespräch in der Alten Aula

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Das Ökumenegespräch stellt Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies in die historische Tradition des Religionsgespräches 1529, bei dem Lutheraner und Reformierte um einen Konsens und Aussöhnung debattierten. Die Ökumene müsse weit über die christliche Religion hinausreichen und eine Gleichsetzung aller Religionen anstreben. So habe die Vollendung der neuen Tora für die jüdische Gemeinde in Marburg Ende 2015, an der auch der Vorsitzende der islamischen Gemeinde mitwirkte, bis weit über die Landesgrenzen hinaus ein Zeichen gesetzt.

Zahlreiche Zuhörer kamen am Samstag in die Alte Aula in Marburg zum 15. Marburger Ökumenegespräch. Zu Gast waren dort Annette Schavan, Kurt Flasch und Friedrich Schorlemmer.

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Im katholischen Rheinland, wo Annette Schavan aufwuchs, hatte der Katholizismus den „Mut, kulturprägend zu sein“ und in der Stadtgesellschaft zu wirken. Dem liegt die Überzeugung zugrunde, dass das Gemeinwesen es „verdient, ernst genommen und gestaltet zu werden“. Die christliche Ethik sei der Versuch, „verantwortungsbewusste Wege der Normbildung“ zu finden.

„Die Wissenschaft hat die Deutungshoheit der Religion nicht ersetzt“, sagt Annette Schavan, von 2005 bis 2013 Bundesbildungsministerin und seit August 2014 deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl. Durch den Dialog zwischen den Religionen gefördert, werden „Wege beschritten, um mehr zu verstehen“.

Grundsatz der Ökumene: Weg zu mehr Respekt

Ziel dieses Dialogs sei die Versöhnung zwischen den christlichen Konfessionen und Menschen ganz unterschiedlichen Glaubens. Es sei, so Schavan, Aufgabe der Religion, öffentliche Debatten anzustoßen, wie die zur Stammzellenforschung während ihrer Zeit als Ministerin. Bei dieser habe ihr „das Gelernte und die innere Einstellung des Studiums der Theologie“ geholfen.

In ihrer Zeit in Baden-Württemberg habe sie erlebt, wie der ökumenische Geist nicht nur unterschiedliche katholische Glaubensgruppen, sondern auch die Konfessionen vereinen konnte, so dass sie ihren gesellschaftlichen Gestaltungsanspruch wahrnehmen konnten. Grundsatz der Ökumene sei „der Weg zu immer mehr Respekt vor der Verschiedenheit, um Versöhnung zu ermöglichen“.

Mit diesem Credo müsse die Christenheit der „Multireligiösität“ unserer Zeit begegnen und Brücken bauen. Dieser Weg müsse mit Mut beschritten werden, denn „wenn alle Christen in Europa sich einig wären, wären die Christen die stärkste politische Kraft in Europa, und die Zyniker hätten keine Chance“. Die Christen, so Schavan, hätten die „Aufgabe und die Herausforderung, kulturprägend zu sein“.

Christen seien „unsicher, weil sie ihre Macht verloren haben“

Der Religionskritiker Professor Dr. Kurt Flasch stammt wie Schavan aus dem katholischen Rheinland, doch habe sich bei ihm die Selbstverständlichkeit der Religion durch die Erfahrungen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges verflüchtigt. Ein prägendes Erlebnis war, als nach dem Krieg die Kapläne mehrere Dachau-Überlebende bei sich aufnahmen. Die Christen heutzutage seien „unsicher, weil sie ihre Macht verloren haben“.

Aus der Frage nach dem gerechten Gott leitet Flasch die Frage ab, warum Gott den Menschen aus der Welt erlösen muss, wenn er doch eine gute Welt erschaffen habe? Die Idee von der „Erbsünde“, die auch bei Martin Luther eine zentrale Bedeutung einnehme, sei nicht denkbar, denn dies sei „die Leugnung der Autonomie“, die eine Grundlage der heutigen Gesellschaft ist. Es könne „vorne und hinten nicht klappen“, sollten die evangelische und katholische Kirche versuchen, sich zu vereinen: Sein Glaube sei seine „menschliche autonome Entscheidung“.

Pfarrer Friedrich Schorlemmer, eine der Galionsfiguren der demokratischen Wende in der DDR 1989/1990, hatte es schon in seiner Kindheit als Sohn eines Theologen nicht leicht. „Ich wuchs in einem Umfeld auf, in dem ich mich immer verteidigen musste“, erinnert er sich. So begann er sein Theologiestudium vor allem, um die Kritik zu verstehen und stellte sich der Frage, was die Kirche in ihrer Geschichte angerichtet hatte.

Gott ist etwas im Menschen Befindliches

Für Schorlemmer ist der emanzipatorische Grundgedanken des Christentums, „dass die Befreiung des Einzelnen die Bedingung für die Befreiung aller ist“. Der Kommunismus habe das genau umgekehrt gedacht. Ein einschneidendes Erlebnis war für Schorlemmer die erste bemannte Raumfahrt durch Juri Gagarin, der mit der Erkenntnis zur Erde zurückkehrte, dass im Himmel kein Gott ist. Dem entgegnet er mit Dietrich Bonhöffers Erkenntnis, der sagte: „Einen Gott, den es gibt, den gibt es nicht.“ So habe Schorlemmer sein Gottesbild geändert und Gott als etwas im Menschen Befindliches verstanden. Dieser metaphysische Gedanke legte für ihn einen Grundstein seiner Überzeugung zur Ökumene, denn er liebe seine „katholischen Geschwister“ dafür, dass sie „auf die Erwähnung des Mystikums in ihren Predigten nicht verzichten“.

von Michael Noll

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