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„Marburger Modell“ Vorbild für Hessen

Arbeitsgemeinschaft der Adolf-Reichwein-Schule „Marburger Modell“ Vorbild für Hessen

Die AG der Adolf-Reichwein-Schule schafft es, Flüchtlinge und Marburger besser miteinander vertraut zu machen.

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Schüler der Adolf-Reichwein-Schule singen und spielen Percussion.

Quelle: Yannic Bakhtari

Marburg. Seit es durch asymmetrische Kriege und grassierendes Elend zunehmend mehr geflüchtete Menschen nach Deutschland gezogen hat, stellt sich immer dringlicher die Frage der „richtigen“ Integration. Oft werden die Schulen als Schlüssel dazu verstanden, doch es hapert an konkreten Projekten. Die Marburger Adolf-Reichwein-Schule (ARS) hat nun möglicherweise eine Lösung für 
das Problem gefunden.

„If it don‘t matter to you, it don‘t matter to me“ (sinngemäß: Wenn es Dir nichts ausmacht, macht es mir auch nichts aus). Diese markante Zeile des Lieds „It Don‘t Matter“ des US-amerikanischen Sängers Donavon Frankenreiter singen etwa 16 Schüler bei jedem ihrer Treffen und begleiten sich selbst dazu mit Percussions.

Sozialpädagogin will Vernetzung fördern

ARS-Lehrer Rolf Daniel richtete zu Beginn des Schuljahres die AG „Schüler für Schüler“ ein. Acht junge Flüchtlinge der Bildungsgänge zur Berufsvorbereitung aus Syrien, Afghanistan, dem Iran, den Maghreb-Staaten sowie aus Somalia lachen zusammen mit acht einheimischen Gymnasiasten viel, witzeln, essen Kekse und trinken Tee.

Grundlage für das Projekt war die Beobachtung der Sozialpädagogin Gabriele Becker, dass Flüchtlinge und Einheimische im Schulalltag meist unter sich blieben. „Deutsche und Flüchtlinge sollten sich endlich besser kennenlernen“, sagt Daniel (Foto: Yannic Bakhtari) . So wie an dieser Schule in der Universitätsstadt sehe es leider nicht überall in Hessen aus.

Mittlerweile werden im Bundesland mehr als 300 Lerngruppen mit jungen Flüchtlingen an beruflichen Schulen unterrichtet, der Schwerpunkt liegt dabei auf der Sprachbildung und der beruflichen Orientierung, weniger auf dem Kennenlernen der jeweils anderen Kultur.

Verzicht auf aufwendige Methoden

An der ARS kommen etwa 140 Flüchtlinge auf 1500 Schüler. Als diese Entwicklung im Jahr 2015 abzusehen war, wurde das „Marburger Modell“ entwickelt. „An vielen Schulen fehlt die nötige Kompetenz, die Offenheit und die Bereitschaft aller Beteiligten, das Thema Integration anzugehen“, erklärt Rolf Daniel. „Es braucht einen Anstoß in diesem Land.“

Sein Projekt, das er zusammen mit seinem Kollegen Ralf Garbe, der Sozialpädagogin Barbara Scheffer und der ­FSJlerin Aylin Grün führt, habe von vornherein eine feste und klare Struktur gehabt und benötige keine aufwendigen Methoden: „Als Grundlage für ein Kennenlernen ist es immer gut, wenn man etwas Verbindendes wie die Musik findet.“

Meist wird bei den Treffen zu Beginn gesungen, Daniel spielt Gitarre, dazu rappt einer der Flüchtlinge auf Farsi (Landessprache des Irans), dann widmen sich die Schüler ihren Aufgaben und zum Abschluss singen sie wieder. „Das hat was Verbindendes, was Rituelles“, sagt Daniel. Zusammen haben sie ein Musikvideo zu Donavons Lied produziert, was auf der Video-Plattform YouTube veröffentlicht werden soll und bei der Preisverleihung des Marburger Integrationswettbewerbs „move it!“ gezeigt wurde.

„Wir Lehrer haben uns
 schnell zurückgezogen“

Anfangs wurden Einheimische und Flüchtlinge noch getrennt aufeinander vorbereitet, um keinen Kulturschock zu erfahren. In einem festen Raum, immer zur gleichen Zeit am späten Mittag, treffen sich die 15- bis 18-Jährigen in einer „Kaffeehaus-Atmosphäre“, um gemeinsam Mathe und Deutsch zu üben und sich dabei unweigerlich besser kennenzulernen. Gesprochen werde Deutsch.

„Wir Lehrer haben uns schnell zurückgezogen, um das Projekt eigenständig werden zu lassen. Teilweise treffen sich die Teilnehmer privat oder kommunizieren über den Internet-Nachrichtendienst Whats-App“, erzählt Daniel.

Hamed Mahmudi (20) aus Marburg lebt bereits seit zwei Jahren in der Bundesrepublik, hat viel Kontakt zu Deutschen, doch durch die AG habe er sich noch besser auf seine Hauptschulprüfung vorbereitet gefühlt, die er auch bestanden hat. „Auch wenn Mathe schwer war, haben die AG und vor allem Herr Daniel es geschafft, dass wir mal den Kopf freibekommen haben und mit Spaß an die Sache herangehen konnten.“ Auch Tim Rohrmann (18) aus Fronhausen findet das Projekt eine tolle Sache: „Ohne die AG hätte ich wahrscheinlich keinen Kontakt zu den Flüchtlingen gehabt.“

Die Herausforderung sei es nun, mehr Schüler für das Projekt anzuwerben, was im neuen Schuljahr in die zweite Runde gehen soll. Außerdem wünschen sich Patrick Müller (18) aus Kirchgöns sowie Lehrer Ralf Garbe, dass die Stundenpläne der Schüler dem Projekt angepasst werden, damit mehr Schüler die AG-Termine wahrnehmen können.

von Yannic Bakhtari

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