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Marburger Liebe blüht in der Wüste

Beduinen Marburger Liebe blüht in der Wüste

Im Negev, der Wüstenregion Israels, hat sich ihre Geschichte herumgesprochen. Es ist eine bewegende Liebesgeschichte, die in Marburg begonnen hat.

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In der israelischen Stadt Beer Sheva in der Wüstenregion Negev sprachen Hend Elfarauna-Köhler und Thomas Köhler mit OP-Redakteurin Anna Ntemiris über ihren gemeinsamen Lebensweg, der vor 13 Jahren in Marburg begann.

Quelle: Anna Ntemiris

Marburg. „Abenteuer“ war das erste Wort, das Hend Elfarauna in Deutschland gelernt hat. Vor 13 Jahren kam sie, die als Angehörige einer Minderheit in der Minderheit aufgewachsen war, von Rahat im Negev nach Marburg. Damals war Hend 19, auf dem Papier die Ehefrau ihres Cousins und das erste beduinische und damit arabische Mädchen aus Rahat, das einen Gymnasialabschluss auf einem jüdischen Internat absolviert hatte. Und sie war die erste Beduinin aus ihrer Region, die zum Studium ins Ausland ging. „Ich war geflohen“, sagt sie heute rückblickend. Als Farbige ist sie auch unter den Beduinen im Negev eine Minderheit. Zu ihren Alleinstellungsmerkmalen gehöre auch ihr Glück, in einer liberalen Familie aufgewachsen zu sein, berichtet die zierliche Frau im Gespräch mit der OP.

Hends Vater, er wuchs im Zelt auf, entschloss sich mit zwölf Jahren, auf eigene Faust die Schule zu besuchen. Er lernte schreiben und lesen, studierte, arbeitete sich zum Bauingenieur hoch. Einer, der in Zelten lebte, baute Häuser. Er erntete Anfangs Spott, später Respekt, erzählt Hend über ihren Vater.

Einer, der ohne Schrift aufwuchs, kaufte seinen acht Kindern Bücher, aber keine neuen Schuhe. „Ich litt darunter, heute bewundere ich meinen Vater“, sagt Hend. Er schickte sie, seine älteste Tochter, auf ein jüdisches Internat in der Nähe von Tel Aviv – ein Novum im Negev. „Ich war für meine Mitschüler fremd und sie waren es für mich. Aber es war die beste Zeit meines Lebens. Alle waren stolz, dass ich, dass meine Familie diesen Schritt gegangen war“, sagt Hend. Sie war 18, als auf einmal die gut behütete Kindheit ein Ende nahm. Der Bruder ihres Vaters wollte, dass sie seinen Sohn heiratete. Der Wunsch war ein Befehl. „Mein Cousin bat mich um meine Hand“, erzählt die 32-Jährige. Ihre Hand hält jetzt Thomas Köhler aus Erfurt.

Sie war mit 18 Jahren die Frau ihres Cousins

Er kennt die Geschichte seiner Frau, die er in Marburg kennenlernte. Die Frau, die beinahe ein Leben lang eine Ehe mit ihrem Cousin hätte führen müssen. Doch dazu kam es nicht. Die Ehe, sie wurde vom Imam nach muslimischem Recht besiegelt. Für Hend aber war sie zu keinem Zeitpunkt real. Warum ihr Vater, der sie immer unterstützte, den sie so schätzte, zu diesem Zeitpunkt hängen ließ? Hend konnte und wollte es damals nicht verstehen. Heute, Jahre später, kann sie es sich erklären. Es ging um Ehre, um Schuld- und Schamgefühle und um Lebensgefahr. Sie hätte tot sein können. „Ehrenmorde“ kommen in Rahat vor. Kurz vor ihrer Verheiratung war eine junge Frau, die sich dem Familienwillen widersetzt hatte, ermordet worden, berichtet Hend.

Womöglich hatte ihr Vater sich daher nicht seinem älteren Bruder widersetzen wollen. Eine Chance gab es: das Studium in Deutschland. Hend durfte studieren, wenn sie vorher heiratet. Das hatte der Vater mit seinem Bruder ausgehandelt. Ihr Pass wurde ihr abgenommen. „Ich floh, offiziell hieß es, ich ging weg, um zu studieren. Aber ich war geflohen.“ Sie hatte Glück im Unglück, Mut und bekam Hilfe.

Hend lernte in Marburg bei der privaten Sprachschule „Speak and Write“ Deutsch, studierte wenig später an der Uni in Gießen Medizin. In Marburg traf sie den Psychologie-Studenten Thomas. Der gebürtige Thüringer verliebte sich in die Frau mit dem strahlenden Lächeln. Ihr Kopftuch störte ihn nicht. Zurück im Negev beichtete die selbstbewusste junge Ärztin ihren Eltern ihre Liebe. Doch sie stieß auf Ablehnung in der Familie. „Ich stürzte mich in die Arbeit im Krankenhaus und ging privat nicht mehr aus dem Haus. Ich war demonstrativ traurig. Ich weiß, dass das nicht gut war. Meine Geschwister, für sie war ich bis dahin ein Vorbild, sahen mich nur noch traurig.“

Thomas zog vor drei Monaten nach Israel

Auch Thomas war traurig, er schmiedete Pläne, Monate später kam er gemeinsam mit seiner Mutter als Tourist und ehemaliger Kommilitone nach Rahat, um Hend zu besuchen. „Meine Eltern fanden ihn sehr nett. Erst später erzählten sie mir, dass sie vom ersten Augenblick an gewusst hatten, dass er nicht nur irgendein Freund war, sondern der Mann, von dem ich ein Jahr zuvor berichtet hatte.“

Der Besuch brachte eine Wendung: Hends Vater erlaubte die Scheidung und die Liebesheirat von Hend und Thomas. Er konvertierte zum Islam. „Ich gehörte keiner Kirche an, daher war es einfach für mich“, erzählt er. Hend blieb in Israel, ihr Mann kehrte nach Deutschland zurück. Thomas studierte nach seinem Psychologie-Abschluss Elektro- und Informationstechnik und arbeitete zunächst in der Autoindustrie. Um Geld für die Familie zu verdienen. Das Paar hat inzwischen eine einjährige Tochter.

Vor drei Monaten zog der junge Vater nach Israel, er lernt Arabisch und die Kultur seiner Frau kennen. Beides ist für den gebürtigen Thüringer sehr schwer. Doch er ist Optimist. „Jeden Morgen skypen wir mit meinen Eltern“, erzählt er strahlend. Er hat noch keine Arbeit gefunden, seine Frau arbeitet als Krankenhaus-Ärztin im Schichtdienst. „Ich werde in der Klinik angesprochen, von meiner Geschichte haben schon Viele gehört, strahlt sie. Sie ist gern Vorbild für junge Frauen in ihrer Region. „Alle sind stolz auf uns, auch mein Vater“, sagt sie in makellosem Deutsch.

von Anna Ntemiris

Hintergrund: Beduinen in Israels Wüstenregion Negev  

Die allermeisten Beduinen sehen sich als Araber und sind Muslime. Während des israelischen Unabhängigkeitskrieges 1948/1949 haben viele Beduinen den Negev in Richtung Jordanien oder Sinai verlassen. Von 95000 Beduinen blieben nur 13000. Diese Bevölkerung wuchs innerhalb von 50 Jahren auf 121000.

Die Beduinen gehören zu der am schnellsten wachsenden Minderheit im Land. Beduinen sind bereits seit der Zeit des Osmanischen Reiches, spätestens jedoch seit dem 19. Jahrhundert, nicht mehr Vollnomaden, also sesshaft und haben ihre traditionelle Viehzucht und das Herumziehen mit den Herden aufgegeben. Die Gleichstellung von Frauen ist aufgrund der Stammesstruktur der beduinischen Gesellschaft, die weiterhin tonangebend ist, problematisch.

In der Negev-Wüste, die rund 60 Prozent des israelischen Staatsgebietes ausmacht, leben 640000 Menschen, davon 210000 Beduinen, so offizielle Angaben des Staates Israel. Beer Sheva ist die Hauptstadt des Negevs. Seit 1974 versucht der Staat die Idee der Planstädte für Beduinen umzusetzen, das heißt eine feste Ansiedlung in Städten mit festen Häusern und Infrastruktur. Rahat mit heute fast 60 000 Einwohnern ist eine dieser Beduinen-Städte. Trotz Planstädten leben allerdings weiterhin viele Beduinen auf dem Land. Ein Teil lebt in nicht anerkannten, also nach israelischem Recht illegalen Siedlungen. Dort fehlt ihnen der Zugang zur Infrastruktur. Größte Herausforderung für das Land ist die sozio-ökonomische Integration der Beduinen.

Einer der prominentesten Beduinen im Land ist Professor Alean Al-Krenawi (Foto: Anna Ntemiris). Der Präsident des Achva Academic College in Kiriat Malachi ist der erste nicht jüdische Präsident einer akademischen Einrichtung in Israel. Er selbst wuchs gemeinsam mit 14 Geschwistern im traditionellen Beduinen-Zelt auf. Ein großes Problem in der Region, so der Soziologe, sei die Arbeitslosigkeit und Polygamie. Männer haben mehrere Frauen und manchmal mehr als 20 Kinder.

Diese Strukturen führen zu Vereinsamung von Kindern, aber auch zu Armut. „Armut ist der größte Feind hier“, so der Uni-Präsident einer multikulturellen Hochschule in der Wüste. Für ihn ist es ein großes Anliegen, dass Frauen und Männer mit unterschiedlichen religiösen und kulturellen Hintergründen gemeinsam studieren können. Bildung sei wichtig, aber ohne Arbeitsplätze auch keine Lösung, erklärt Al-Krenawi.

Im Gespräch mit der OP bestätigt auch Riad Abu Abed, Schulpsychologe im Negev, dass Polygamie ein großes Problem in den Beduinen-Orten ist.

Der 37-Jährige hat in Marburg studiert. Er wuchs in einer konservativen beduinischen Familie auf, kennt die Traditionen seiner Mitbürger. Die wirtschaftliche Not sei in großen Familien enorm. Er kennt Kinder, die barfuß zur Schule kommen. „Ihnen soll ich etwas über Selbstverwirklichung erzählen?“, fragt er. Manchmal ist er resigniert. Für ihn war es aber selbstverständlich, wieder in die Heimat zurückzukehren, um dort zu arbeiten. „Wenn nicht wir, die Akademiker etwas hier in der Region verändern, wer dann?“, so Riad Abu Abed.

 
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