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Marburger Fischer bringen Lahn-Aale per „Taxi“ zum Rhein

Überlebenshilfe für den Europäischen Aal Marburger Fischer bringen Lahn-Aale per „Taxi“ zum Rhein

Der Aal ist vom Aussterben bedroht. Das liegt auch daran, dass er von vielen Flüssen aus nicht ungehindert zu seinen Laichgründen schwimmen kann. Der Marburger ­Fischereiverein hilft – 
mit seinen Möglichkeiten.

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Fischereibiologe Dr. Dirk Hübner (links) und der Vorsitzende der Marburger Fischer, Jürgen Schwarz, lassen die Aale an einem Schiffsanleger in Lahnstein in den Rhein gleiten.

Quelle: Michael Agricola

Marburg. Zum fünften Mal seit 2011 machten sich vor wenigen Tagen Mitglieder des Fischereivereins Marburg und Umgebung (FVMR) auf den Weg nach Lahnstein. Im Gepäck etwa 200 abwanderbereite Aale aus der Lahn bei Marburg.

Die hatten die Angler bei der ersten Hochwasserwelle im November in zwei Nächten mit einer neu installierten Aalfangeinrichtung an der Elisabethmühle eingesammelt. Bis zur Abfahrt wurden sie fachgerecht gehältert. Per „Aal-Taxi“ ging es für die Fische schließlich an den Rhein, von wo aus sie ihre Laichreise ins Sargassomeer antreten konnten (siehe Hintergrund).

Was zunächst seltsam klingt, hat durchaus seinen Sinn. Denn ohne den Einsatz der Angler wäre das Schicksal dieser Aale mit hoher Wahrscheinlichkeit besiegelt gewesen, bevor sie überhaupt in Rheinnähe gekommen wären. Die Lahn ist für Fische flussabwärts nur mit hohem Risiko zu überwinden.

Der Grund sind die Turbinen von 35 Wasserkraftwerken, die auf dem Weg bis zur Mündung in den Rhein bei Lahnstein den Weg versperren oder die Fische in eine tödliche Falle locken.

Auch Aale folgen der Strömung flussabwärts

Aale, wie auch andere Fischarten, folgen der Strömung flussabwärts und landen an den Metallrechen der Anlagen, die zum Schutz der Turbinen vorgebaut sind. Entweder kommen sie dort nicht durch und versuchen verzweifelt, ihrem vorbestimmten Weg zu folgen, bis sie die Kraft verlässt. Oder sie schaffen es zwischen den Gitter­stäben hindurch zu schwimmen – geradewegs in die Schrauben der Anlage hinein.

Ein Teil der Fische wird dabei „gehäckselt“, wie FVMR-Gewässerwart Horst Schrey berichtet. Diese Tiere werden durch die Turbinenflügel in Stücke geschnitten und gleich getötet.

Gewässerwart Horst Schrey zeigt den Aalfang bei Tag. Foto Michael Agricola

Viele andere werden verletzt, sie sterben dann oft später an den Folgen der Wunden, etwa durch verletzte Schleimhäute oder eindringende Krankheitserreger – oder in der nächsten Turbine flussabwärts.

Die Sterblichkeitsrate an nicht fischgerechten Anlagen ist entsprechend hoch, Mortalitätsraten von 20 bis 50 Prozent sind keine Seltenheit, weiß auch der Marburger Fischereibiologe Dr. Dirk Hübner, der sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt.

Weil die wenigsten Anlagen fischgerecht sind, lasse sich bislang der Tod der Fische noch am sichersten verhindern, wenn Kraftwerksbetreiber ihre Anlagen abschalten, sobald die Aale mit Hochwasser im frühen Winter für wenige Tage ihre Wanderung antreten, für die sie stets auf Hochwasser warten.

Auf lange Sicht braucht es allerdings echte Lösungen – geeignete Schutz- und Leiteinrichtungen für die Tiere vor den Turbinen, etwa schräg angeordnete Rechen mit engem Abstand an den Stäben. Wer neue Anlagen baut, muss strengere Kriterien einhalten. Für die Betreiber alter Anlagen rechnet es sich dagegen selten, umfassend nachzurüsten.

Umso wichtiger sind für den Wissenschaftler von der Büro­gemeinschaft für fisch- und gewässerökologische Studien (BFS) Marburg die Überzeugungskraft von Aktionen wie die der Marburger Angler. „Natürlich ist das für sich genommen nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Hübner.

„Aber er bringt auch Aufmerksamkeit für das wichtige Thema.“ Denn eins sei klar: „Wenn wir das nicht bald in den Griff bekommen, ist es für den Aal zu spät.“

Die Kraftwerksbetreiber denken um: Modellprojekte

Hübner ist es auch, der das Aalfang-Projekt gemeinsam mit dem Marburger Verein und im Auftrag des Gießener Regierungspräsidiums verantwortet. Er kennt die Tücken der vorhandenen Auf- und Abstiegshilfen für Fische.

Ein paar Sekunden brauchen die Tiere zur Orientierung, dann schwimmen sie im Rhein davon – hin zu ihren Laichgebieten.                                 Foto: Michael Agricola

Oft sei ihre Lockwirkung gegenüber der starken Strömung in Richtung der Wasserkraftanlagen einfach zu schwach.

Herkömmliche Bypässe sind für den Aal, der bei Hochwasser und bodennah wandert, oft nicht passierbar, sodass es spezielle Abstiegsanlagen für ihn braucht. Im Gegensatz zu den flussaufwärts seit langem schon eingesetzten Fischtreppen, ist die Erforschung geeigneter Abstiegshilfen aber erst in den vergangenen Jahren verstärkt worden.

Durch Aktionen wie die des Marburger Vereins steigt zumindest die Wahrnehmung des Problems. Und Betreiber von Wasserkraftwerken zeigen steigendes Verständnis und Kooperationsbereitschaft. In Marburg etwa ist Wilhelm Lotz, der Betreiber der Elisabethmühle, bereit, in den Tagen, wenn der Aal zieht, seine Turbinen abzustellen.

Er erlaubte den Marburger Fischern auch die Installation eines Aalfangkastens, mit dem die Tiere schonend für den Transport an den Rhein gefangen werden können. In den Jahren zuvor hatten die Angler dies mühsamer und weniger ergiebig per Elektrofischerei machen müssen.

Statt etwa 100 Aalen wie zu Beginn der Aal­taxi-Versuche rechnen Hübner und die Angler in diesem Winter mit bis zu 700 Tieren, die sie in mehreren Fuhren sicher zum Rhein transportieren wollen. Das Beispiel des Marburger Vereins macht auch andere neugierig. Vereinsvorsitzender Jürgen Schwarz steht in Kontakt mit einem Mühlenbetreiber in Schlitz und gibt die Erfahrungen auch an andere Interessenten weiter.

Ein weiterer Aalfang befindet sich in Wetzlar

Auch lahnabwärts tut sich etwas. Ein weiterer Aalfang, der von Dr. Hübner betreut wird, befindet sich in Wetzlar. Und der Energieversorger Suewag, der zwischen Runkel und Lahnstein allein acht bislang nicht aalgerechte Turbinenkraftwerke betreibt, beteiligt sich an der Lösungssuche, betont Sprecherin Tanja Ackermann auf OP-Nachfrage.

Im Rahmen des EU-Förderprojekts „LiLa – Living Lahn“ beteilige sich die Suewag neben dem hessischen und dem rheinland-pfälzischen Umweltministerium, der Bundesanstalt für Gewässerkunde, dem Regierungspräsidium Gießen und dem Wasser- und Schifffahrtsamt Koblenz an der Entwicklung eines Nutzungskonzepts für die Bundeswasserstraße Lahn.

Das Teilprojekt „Turbinenmanagement“ beschäftigt sich nach Ackermanns Aussage „mit der schadlosen stromabwärtsgerichteten Wanderung von Blankaalen an Wasserkraftanlagen“. Dazu werden 10 Wasserkraftanlagen ausgewählt, an denen Aale bei ihrer Abwanderung gefangen und untersucht werden können.

Dort werden Fangeinrichtungen und Kontrolleinheiten eingebaut. Im letzten Schritt soll ein Meldesystem installiert werden, das über die beginnende Aalwanderung informiert und eine aalschonende Turbineneinstellung ermöglicht.

Auch an Saar und Mosel gibt es in Zusammenarbeit mit der Firma innogy ein Pilotprojekt, das schon länger läuft. Hier werden gegen Entschädigung 
des Stromerzeugers zeitweise die Turbinen abgestellt, ankommende Aale mit Reusen gefangen und zum Rhein gefahren.

Bis es so weit ist, dass die Nebenflüsse des Rheins für Aale und andere Fische wieder gefahrlos passierbar sind, werden die Marburger Fischer noch einige Jahre mit ihrer Fracht nach Lahnstein fahren müssen. Dazu, bekräftigen FVMR-Vorsitzender Jürgen Schwarz und Gewässerwart Horst Schrey, sind sie gern bereit – damit der Aal seinen Wettlauf mit der Zeit nicht vorzeitig verliert.

von Michael Agricola

Hintergrund

Der europäische Aal (Anguilla anguilla) ist einer der bekanntesten einheimischen Fische. Weibchen können bis zu 1,50 Meter lang werden, die Männchen bleiben deutlich kleiner. Ein dramatischer Einbruch der Aalbestände in den vergangenen Jahrzehnten hat dafür gesorgt, dass die Europäische Union für die als gefährdete bzw. vom Aussterben bedroht eingestufte Tierart ein europaweites Schutzprogramm in Kraft gesetzt hat.

Ursachen für die Entwicklung sind unter anderem Krankheiten, Verluste durch Wasserkraftanlagen, die wirtschaftliche Nutzung, Fischräuber wie der Kormoran und der lange unkontrollierte Fang des Aalnachwuchses vor den Küsten.

Die EU hat ihre Mitgliedsstaaten verpflichtet, Maßnahmen zu ergreifen, um die Zahl geschlechtsreifer Aale aus Binnengewässern zu erhöhen und den Aalbestand zu stützen. Dazu gehören neben dem Besatz von Aalen sogenannte „Catch & Carry“-Projekte wie das Marburger „Aaltaxi“, aber auch Forschungs- oder Pilotprojekte, etwa für die Entwicklung fischgerechter Auf- und Abstiegsmöglichkeiten an Wasserkraft- und Sperrwerken.

Aale verbringen einen großen Teil des Lebens in Flüssen oder küstennah, wo sie sich über mehrere Jahre zum Blank­aal entwickeln. Die folgende Laichwanderung über gut 6 000 Kilometer durch den Atlantik führt in ein Tiefseegebiet weit vor Mittelamerika, im Bereich des Bermudadreiecks.

Die dort, in der Sargassosee, schlüpfenden Aallarven treiben anschließend mit der Meeresströmung wieder zurück an die europäischen Küsten, wo sie sich zu jungen Aalen entwickeln, die anschließend zu einem großen Teil bis in die Oberläufe von Flüssen ziehen, wo sie die Jahre bis zur Geschlechtsreife verbringen.

Bis heute ist relativ wenig über den Teil des Lebenszyklus‘ bekannt, den der Aal auf hoher See verbringt. Ein Team aus Wissenschaftlern, darunter Forscher des Potsdamer Instituts für Binnenfischerei, haben mit an abwandernden Tieren befestigten Datenrekordern etwas mehr über das Mysterium der Aalwanderung herausgefunden.

Demnach wandert der Europäische Aal auf seinem Weg in seine Laichgebiete in der Sargassosee auf verschiedenen und teils verschlungenen Wegen. Von den an der deutschen Nordseeküste ausgesetzten Aalen entschieden sich manche für einen westlichen Kurs zum Ärmelkanal, berichteten die Forscher im Oktober. Andere durchschwammen zunächst die Nordsee bis zur norwegischen Küste, wo auch die Artgenossen aus der Ostsee entlangkommen.

Zweimal in ihrem Leben überwinden Aale den Atlantik – als Jungtiere zu den europäischen Küsten und als geschlechtsreife Aale zurück in die Sargassosee. Dabei legen sie täglich bis zu 20 Kilometer zurück; oft zu wenig, um die Laichgebiete rechtzeitig zu erreichen, meinen die Forscher.

Die Laichzeit findet offenbar Mitte Februar ihren Höhepunkt. Nach der Fortpflanzung sterben die Tiere. Um Räubern tagsüber aus dem Weg zu gehen, tauchen Aale bis in eine Tiefe von 800 Metern ab. Nur nachts kommen sie an die Wasseroberfläche.

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