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Marburger Beistand für Rudi Dutschke

Donnerstag vor 45 Jahren: Marburger Beistand für Rudi Dutschke

Heute vor genau 45 Jahren schoss Hilfsarbeiter Josef Bachmann auf Rudi Dutschke. Das Attentat auf den Studentenführer war Sinnbild für die vielen schwelenden Konflikte innerhalb der Gesellschaft. Die 68er-Bewegung nahm nun richtig Fahrt auf.

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Die Kochstraße in Berlin Kreuzberg wurde im April 2008 in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt, dabei protestieren Demonstranten gegen Springer. An der Straße liegt auch das Verlagshaus Axel-Springer. Foto: Tim Brakemeier

Marburg. Es sind drei Kugeln, die Rudi Dutschkes Körper am 11. April 1968 durchbohren. Sie treffen den damals 28-Jährigen in Schulter, Wange und Kopf. Dutschke überlebte. Er kämpfte sich mühsam ins Leben zurück und vergab sogar dem Schützen, der ihn töten wollte.

Alfred Willi Rudi Dutschke ist bis heute eine höchst umstrittene Persönlichkeit. Für die einen war er ein Terrorist, für die anderen ein Held. Er wurde zum Symbol des Protests gegen den Vietnamkrieg und die Notstandsgesetze, gegen Hunger, Kapitalismus und Atomkraft. Der Spiegel schrieb kurz vor dem Attentat über ihn: „Kaum ein Mensch versteht es, doch die Republik spricht von ihm. Wenn das Stichwort ‚Dutschke‘ fällt, werden müde Partys munter, laue Politiker laut. Für die einen ist er Ekel, für die anderen edel.“

Immer wieder war das Foto Dutschkes auf der Titelseite der Bild-Zeitung zu sehen, die deutlich gegen den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), in dem er organisiert war, Position bezog.

Professor Abendroth ruft zum Protest auf

Entsprechend machte die Studentenbewegung die Bild-Zeitung für das Attentat mitverantwortlich. Natürlich gab es auch in der linken Studentenstadt Marburg viele Reaktionen auf das Attentat. Allen voran Professor Dr. Wolfgang Abendroth. Der Begründer der Marburger Schule - einem Kreis, der die Ideen und Theorien in der Folge von Karl Marx und Friedrich Engels aufgriff - rief zu einer „geschlossenen Aktion“ auf.

Am 16. April 1968 berichtete die OP von einer Kundgebung vor dem Marburger Hörsaalgebäude, bei der Abendroth den etwa 400 Studenten entgegen rief: „Beteiligt euch an Aktionen gegen jede Notstandsgesetzgebung, beteiligt euch an Aktionen gegen den Springer-Konzern.“ Wieder einmal werde von den Herrschenden welche die Atmosphäre für den Anschlag geschaffen hätten, den Opfern die Schuld gegeben, so Abendroth.

Rudi Dutschke war oft in Marburg

Der Politikprofessor kannte Dutschke persönlich. „Dutschke war öfter in Marburg. Wir waren Schüler von Abendroth und auch abends bei ihm zu Gast, um über die chinesische Kulturrevolution, den Vietnamkrieg und den Imperialismus zu diskutieren“, erinnert sich der emeritierte Marburger Politikprofessor Frank Deppe. Deppe war, wie Dutschke, 1965 im Bundesvorstand des SDS. „Wir haben uns zwar auch gestritten, aber in vielem, waren wir uns einig“, erzählt der Marburger. Kritik an der politischen Führung, am Imperialismus und Solidarität mit der Befreiungsbewegung in der Dritten Welt, da waren die beiden Sozialisten gleicher Meinung. „Aber Dutschke glaubte, dass Deutschland damals kurz vor der Revolution stand - und da lag er völlig schief. Das sage ich auch heute, nach 50 Jahren noch.“

Dennoch beteiligte sich Deppe an den bis dahin heftigsten Auseinandersetzungen zwischen Studenten und Polizei, die auf das Attentat folgten. Mit dem Schlachtruf „Bild schoss mit“, zogen Marburger Studenten gleich nach dem Attentat am Karfreitag nach Frankfurt, um mit mehreren hundert Sympathisanten die Auslieferung der Bildzeitung zu verhindern. „Das ging bis Ostersonntag“, erinnert sich Deppe.

Die Blockade in Frankfurt und die parallel im ganzen Bundesgebiet stattfindenden Protestaktionen, können als Beginn der Radikalisierung der Bewegung gesehen werden.

Im Blickpunkt: Sozialistischer
 Politik-Professor
Frank Deppe (71). 1968 war Deppe Mitarbeiter von Professor Abendroth und promovierte am politischen Institut der Philipps Universität. Als Abendroth später in Rente ging, übernahm Deppe den Lehrstuhl, obwohl der Kultusminister dagegen war. Eine breite Bewegung setzte sich für den Professor ein. Die Losung „Marx an die Uni, Deppe auf H4“, sagt er, habe angeblich noch Jahre später an der einen oder anderen Wand gestanden. 2006 wurde Deppe emeritiert. Er lebt mit seiner Frau in Marburg. 
Die Notstandsgesetze

Die Notstandsgesetze wurden am 30. Mai 1968, in der Zeit der ersten großen Koalition, vom Deutschen Bundestag verabschiedet. Dies wurde 
von massiven Protesten der so genannten außerparlamentarischen Opposition begleitet. Die große Koalition von 1966 bis 1969 verfügte über die notwendige Zweidrittelmehrheit und sah die Schaffung der Notstandsgesetze als notwendige Regelung an. Ein wichtiges Ziel war es, einen Missbrauch der Regelungen, wie es aus Sicht 
der großen Koalition in der Weimarer Republik mit den Notverordnungen geschehen war, zu verhindern.

 Dennoch breitete sich zunehmend in der Bevölkerung die Sorge aus, die Notstandsgesetze bedeuteten ein neues Ermächtigungsgesetz. Gewerkschaften, FDP und besonders die Deutsche Studentenbewegung mit Sozialistischem Deutschem Studentenbund (SDS) opponierten gegen die auf parlamentarischem Wege nicht verhinderbaren Pläne.

 von Dennis Siepmann und Thomas Strothjohann

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