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Marburg verliert 500 Sozialwohnungen

Runder Tisch Marburg verliert 500 Sozialwohnungen

Der Runde Tisch „Bezahlbarer Wohnraum“ soll Bürgern Gelegenheit bieten, gemeinsam mit Experten und der Stadtverwaltung Konzepte gegen Wohnungsnot zu entwickeln.

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Am Richtsberg stehen viele Sozialwohnungen, weitere sollen gebaut werden. Eine der Fragestellungen der Stadtplanung ist: Wie viele Sozialwohnungen verträgt ein Stadtteil?

Quelle: Archivfoto

Marburg. Beim dritten Plenum des „Runden Tischs“ wurde aber am Dienstagabend deutlich, welch mühsamer Weg vor den Teilnehmern liegt: Zum einen gibt es unterschiedliche Auffassungen über die Arbeitsweise des Gremiums, zum anderen fehlen schlicht auf einzelne Quartiere heruntergebrochene Daten, um im Detail diskutieren zu können.

Der Soziologe Werner Girgert von der Lokalen Agenda 21 machte sich zum Sprecher derjenigen, die mehr Mitspracherechte des Runden Tischs fordern. Er nannte die Plenumssitzung am Dienstag einen „Verkündigungsparteitag“ und kritisierte, dass die Verwaltung wesentliche Informationen nicht im Vorfeld versandt habe. Auch Stadtverordneter Jan Schalauske (Marburger Linke) forderte mehr echte Diskussion und erinnerte daran, dass das Stadtparlament selbst den Runden Tisch in diesem Sinne eingerichtet habe: „als Beteiligungsgremium“.

Dass Informationen als Grundlage für die Diskussionen mehr als notwendig sind, machten die Zahlen deutlich, die Peter Schmidt, Leiter des Fachbereichs „Arbeit, Soziales und Wohnen“, Stadtplaner Reinhold Kulle und Christian Wedler von der Wohnungsbaugesellschaft GWH präsentierten und die das Ausmaß des Problems umreißen: Seit den 80er-Jahren ist die Zahl der neu gebauten Sozialwohnungen in Marburg kontinuierlich zurückgegangen. Im Jahr 2013 gab es in Marburg noch knapp 2400 Sozialwohnungen, jede fünfte fällt bis zum Jahr 2018 aus der Mietpreisbindung. Ein Großteil der Wohnungen gehört einer Wohnungsbaugesellschaft - auch ein Grund dafür, dass der Wegfall der Mietpreisbindung nicht unbedingt eine Mieterhöhung nach sich zieht.

Die Neubautätigkeit der GWH am unteren und oberen Richtsberg und im Waldtal - hier sollen knapp 300 Sozialwohnungen neu entstehen, für gut 80 ist ein Bauantrag bereits gestellt - fängt den Rückgang der Zahl an verfügbaren Sozialwohnungen noch nicht einmal auf, wie Wedler einräumte. Und dennoch ist der Neuzuwachs nach den Erfahrungen der Wohnungsbaugesellschaft „einmalig“ in Hessen, so der GWH-Mann. Schon die Standortsuche für die jetzt beantragten 80 Sozialwohnungen, die Prüfung der Sozialverträglichkeit und der städtebaulichen Konsequenzen habe ein hohes Maß an Anstrengungen mit sich gebracht, wie Kulle berichtete. Aber: Es entstünden „beste, integrierte Standorte mit guter Infrastruktur und Nähe zur Innenstadt“. Der Stadtplaner riss damit ein Thema an, das wiederum Werner Girgert auf den Plan rief: Er mahnte eine Sozialverträglichkeitsprüfung für die noch zu planenden gut 200 GWM-Wohnungen an. Einfach gesprochen meint dies: Wie viele zusätzliche Sozialwohnungen vertragen der Richtsberg und das Waldtal? Eine Fragestellung, die bei der Diskussion um einzelne Bauprojekte in Marburg auch im Parlament und seinen Ausschüssen eine wichtige Rolle spielt und sicherlich noch einmal in einer der nächsten Sitzungen des Runden Tischs eine Rolle spielt. Angesichts von (2013) gut 900 Menschen, die eine Sozialwohnung suchen, spielt aber nicht nur die Standortfrage eine Rolle, sondern vor alle auch die Frage, wie überhaupt günstiger Wohnraum entstehen kann - auch Wohnungsbaugesellschaften, so Wedler, müssten Geld verdienen. Die Frage steht, wie die Wohnraum schaffen können, der für 6,50 Euro pro Quadratmeter angeboten werden kann - möglichst energieeffizient und barrierearm im Neubau.

Der Runde Tisch wird künftig vierteljährlich tagen, um diese Fragen zu bearbeiten. Dies sagte Oberbürgermeister Egon Vaupel zu. Eine schnelle Lösung des Wohnungsproblems in Marburg ist dennoch nicht in Sicht.

von Till Conrad

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